Börsengang im Februar angepeilt Gerhard Cromme kommt mit Auto1-IPO wieder groß heraus

Der erste Börsengang des Jahres in Deutschland kündigt sich an. Die Gebrauchtwagenplattform Auto1 hofft auf mindestens sechs Milliarden Euro Firmenwert, Alteigner machen Kasse - und Gerhard Cromme bekommt noch einen großen Auftritt.
Konzernveteran: Auto1-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, 2012 in der Essener Krupp-Villa Hügel

Konzernveteran: Auto1-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, 2012 in der Essener Krupp-Villa Hügel

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Die Gebrauchtwagenplattform Auto1 will mit einem Börsengang in Frankfurt am Main eine Milliardensumme einsammeln. Eine Kapitalerhöhung soll dem Betreiber von "wirkaufendeinauto.de" und anderen Onlineportalen allein eine Milliarde Euro einbringen, wie das Berliner Unternehmen am Mittwoch mitteilte. Daneben wollten auch die bestehenden Aktionäre Papiere verkaufen, hieß es in der Erklärung - ein eher ungewöhnlicher Schritt bei Techwerten. Welche der Investoren Kasse machen, war zunächst nicht bekannt. Neben den Gründern Christian Bertermann und Hakan Koç mit 30 Prozent ist unter anderem die japanische Holding Softbank mit 20 Prozent beteiligt, die ihr Portfolio zuletzt rasant umstellen musste.

750 Millionen Euro vom Erlös will Auto1 in das eigene Wachstum investieren. Mit dem Rest soll eine Wandelanleihe zurückgezahlt werden, die das Unternehmen im Frühjahr 2020 bei Hedgefonds aufgenommen hatte.

"Wir wollen in den nächsten Jahren erheblich investieren, um unsere Marke Autohero und unser operatives Geschäft weiter auszubauen", sagte Mitgründer und Auto1-Chef Christian Bertermann (36) laut Mitteilung. Der Börsengang sei "der nächste logische Schritt".

Tatsächlich war das Ziel bereits bekannt. Zugleich hat das Unternehmen, in den Worten von Finanzvorstand Markus Boser (53), nicht mehr als "einen Weg in Richtung Profitabilität aufgezeigt" - und das Wachstum geriet zuletzt ins Stocken, ein schlechtes Zeichen für einen Techwert. Lesen Sie hier die Hintergründe des Börsengangs .

Mitgründer Hakan Koç (36), bislang als Co-Chef das öffentliche Gesicht des Unternehmens, ist zum Jahreswechsel in den Aufsichtsrat gewechselt. Den Vorsitz hat dort seit 2017 Gerhard Cromme (77), ein Veteran der Deutschland AG, dem sich Koç scherzhaft als "Azubi" andiente. Cromme initiierte einst die Fusion des inzwischen wieder zerlegten Stahlriesen Thyssenkrupp und führte die Kommission, die einen Kodex für Corporate Governance formulierte. Er war Multiaufsichtsrat von Siemens über Allianz, Eon und Lufthansa bis Volkswagen. Aktuell führt Cromme neben Auto1 auch den Beirat (Advisory Council) des im MDax notierten Immobilienkonzerns Aroundtown sowie den Aufsichtsrat des Berliner Wagniskapitalfonds Target Global, der auch an Auto1 beteiligt ist. Mit dem Auto1-IPO bekommt er noch einmal einen großen Auftritt.

Auto1 peilt Verdopplung des Firmenwerts gegenüber Sommer an

Auto1 dürfte der erste Börsengang des Jahres in Deutschland sein. Den Münchener Luxusmodehändler Mytheresa, der seine Börsenpläne am Dienstag offiziell verkündet hatte, zieht es nach New York. Auto1 peilt das erste Quartal an; in der Regel dauert es aber von der offiziellen Ankündigung bis zur Erstnotiz etwa vier Wochen. Nach Informationen von manager magazin soll es schon Anfang Februar so weit sein. Organisiert wird der Börsengang von den Investmentbanken BNP Paribas, Citi, Goldman Sachs und Deutsche Bank.

Mit dem An- und Verkauf von Autos an Privatkunden und an Händler hatte das 2012 gegründete Unternehmen 2019 rund 3,5 Milliarden Euro Umsatz mit dem Verkauf von mehr als 615.000 Fahrzeugen erwirtschaftet, in der Corona-Krise ist der Umsatz zuletzt abgebröckelt. Geschäftszahlen für Ende 2020 wurden noch nicht veröffentlicht - falls es mit dem Börsengang Anfang Februar klappt, dürften bis dahin auch allenfalls vorläufige Zahlen vorliegen. Dem Vernehmen nach lief das vierte Quartal schwächer als das dritte, aber nicht katastrophal. "In den Jahren 2014 bis 2019 wuchs der Umsatz erheblich", verkündet Auto1 aktuell. Im ersten Halbjahr 2020 folgte jedoch ein herber Einbruch, auch angesichts in vielen Ländern geschlossener Zulassungsämter.

Das 2012 gegründete Unternehmen ist in mehr als 30 Ländern tätig. Es sieht sich selbst als "führende Plattform für den Kauf und Verkauf von Gebrauchtwagen in Europa" - in einem stark fragmentierten Markt. Mitunter war auch von einem "Amazon für Gebrauchtwagen" die Rede.

Um das Wachstum wieder anzukurbeln, setzt Bettermann nun verstärkt auf den Direktverkauf über Autohero an Endkunden - dafür nimmt er in den nächsten Jahren Verluste in Kauf. Ärger mit den 60.000 Händlern, die Auto1 bisher den Großteil der angekauften Wagen abnehmen, fürchtet der Vorstandschef nicht. Die Autos, die bei Autohero angeboten würden, seien jünger und hätten weniger Kilometer auf dem Tacho als jene, für die sich die Händler interessierten. Vorbild für die Strategie ist vor allem die US-Firma Carvana. Das Unternehmen, das an der New Yorker Börse inzwischen mit 50 Milliarden Dollar bewertet wird, inszeniert die Fahrzeugauslieferung als Event. Mit verglasten Transportern, die den Blick auf das Auto freigeben, will Auto1 für ähnliche Aufmerksamkeit sorgen. 

In Finanzkreisen heißt es, ein Börsenwert von mindestens sechs Milliarden und bis zu acht Milliarden Euro werde für Auto1 angestrebt. Offiziell wollte sich eine Firmensprecherin hierzu nicht äußern. In der jüngsten Finanzierungsrunde wurde Auto1 mit 2,9 Milliarden Euro bewertet. Diese hatte die Gründer Koç und Bertermann bereits mit einem Vermögen von 1,2 Milliarden Euro in die manager-magazin-Liste der reichsten Deutschen  katapultiert.

ak, rs/Reuters, dpa-afx
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