Wie Kleinanleger und Apps die Kapitalmärkte verändern Fünf Lehren aus dem Fall Gamestop

Mit ihrer Wette auf die Aktie des Videospielehändlers Gamestop haben Kleinanleger nicht nur eine Schwachstelle von Hedgefonds aufgedeckt. Sie haben die Spielregeln an den Kapitalmärkten umgeschrieben. Worauf Investoren in Zukunft achten müssen.
Eine Meinungsmache von Daniel Pfändler
Trading-App Robinhood: Neuer, einfacher Zugang zu den Finanzmärkten – und zu einem gewissen Nervenkitzel

Trading-App Robinhood: Neuer, einfacher Zugang zu den Finanzmärkten – und zu einem gewissen Nervenkitzel

Foto: JUSTIN SULLIVAN / AFP

Kleinanleger, die milliardenschwere Hedgefonds in die Knie zwingen – das gab es zuvor noch nie. Der Fall des US-Videospielehändlers Gamestop macht weltweit Schlagzeilen, weil er eine so schöne David-gegen-Goliath-Geschichte ist. Prominente Hedgefonds erleiden Milliardenverluste, weil sich ein ganzes Heer von äußerst aktiven, untereinander vernetzten Kleinanlegern gegen sie verbündet hat. Was für eine Story!

Doch dahinter steckt mehr. Der Fall Gamestop ist nur der offensichtliche Ausdruck einer veränderten Marktstruktur, die eine dauerhafte Anpassung des Anlageverhaltens erforderlich macht – bei den Hedgefonds, aber auch bei anderen Anlegern.

Die neue Trading-Welt

Apps wie Robinhood oder Trade Republic eröffnen technikaffinen Kleinanlegern einen neuen, einfachen Zugang zu den Finanzmärkten – insbesondere zu Aktien, aber auch zu Kryptowährungen. Verglichen mit traditionellen Banken oder Direktbanken sind die Transaktionsgebühren dieser Apps sehr gering, einige bieten sogar einen kostenlosen Handel an. Auch Kontoeröffnung und Orderführung sind einfach zu handhaben. Hinzu kommt der Social-Media-Aspekt: Über die Apps lassen sich Portfolios mit Freunden teilen, in Foren wie Reddit können sich die Kleinanleger treffen und Ideen austauschen. Damit sind die Anleger automatisch stark untereinander vernetzt, was Absprachen erleichtert, gezielt bestimmte Wertpapiere zu kaufen, wie bei Gamestop geschehen.

Darüber hinaus hat die Corona-Pandemie augenscheinlich zu einer deutlichen Zunahme der Handelsaktivitäten dieser zumeist jüngeren Kleinanleger geführt – und zwar gleich über zwei Wege. Zum einen haben die Menschen mehr Zeit, weil viele Freizeitaktivitäten nach wie vor eingeschränkt sind. Der Handel mit Wertpapieren bietet neben der Möglichkeit, Gewinn zu erzielen, auch einen gewissen Nervenkitzel. Und er kann Spaß machen. Zum anderen hat die US-Regierung Konsumschecks an alle Privatpersonen verteilt. Dadurch kam zusätzliches Geld in Umlauf, das von einem Teil der Empfänger zum Einstieg in die Aktienmärkte benutzt wurde. Weil die Aktienmärkte seit ihrem Tief im vergangenen März erheblich gestiegen sind, haben viele dieser Anleger Gewinne verbucht, daraufhin ihre Aktivitäten ausgebaut und weitere Anleger angezogen.

Das Spiel funktioniert nur bei bestimmten Werten

Weil die einzelnen Kleinanleger in der Regel mit relativ geringen finanziellen Mitteln handeln, suchen sie sich als Zielaktien für ihre konzertierten Aktionen gern Werte mit niedrigen Kursen, aber hohen Ausschlägen aus. Aktien mit hohen Kurswerten (zum Beispiel Amazon mit einem Aktienpreis  von aktuell rund 2700 Euro), aber auch Werte, die sich wenig bewegen, sind nicht interessant. Es spricht jedoch einiges dafür, dass Kleinanleger im Spiel waren, als die Tesla-Aktie  nach ihrem Stock Split Ende August 2020 plötzlich rasant anstieg. Gemäß der ökonomischen Theorie sollte ein Aktiensplit keinen Einfluss auf den Unternehmenswert haben, oder anders ausgedrückt: Die Marktkapitalisierung eines Unternehmens sollte nicht von der Anzahl Aktien abhängig sein. Doch das Tesla-Papier hielt sich nicht ans Lehrbuch. Aufgrund des massiven Kursanstiegs auf mehr als 2000 US-Dollar hatte das Unternehmen einen Aktiensplit bekannt gegeben, bei dem eine alte Aktie in fünf neue getauscht wurde. Dadurch wurde die Aktie für viele Kleinanleger plötzlich wieder erschwinglich. Noch am Tag des Splits stieg der Kurs um zwölf Prozent.

Die Fehler der Hedgefonds

Bei Gamestop  hatten Hedgefonds auf einen Kursverfall gewettet, weil sie das Geschäftsmodell – den Verkauf von Videospielen – als nicht zukunftsträchtig betrachteten. Also liehen sie sich in großem Ausmaß Aktien des Unternehmens aus und verkauften sie am Markt – in der Annahme, sie später zu einem niedrigeren Preis zurückkaufen zu können. Eine Vielzahl von Kleinanlegern, die sich zuvor insbesondere über ein Reddit-Forum verabredet hatten, hielten dagegen und kauften die Aktie. Die schiere Masse von Kaufaufträgen trieb den Kurs stark nach oben, sodass die Hedgefonds die geliehenen Aktien zu deutlich höheren Preisen zurückkaufen mussten. Das bescherte ihnen erhebliche Verluste und ließ den Preis nur noch weiter steigen – ein sogenannter Short Squeeze. Zum Jahresauftakt hatte die Aktie noch bei weniger als 20 US-Dollar notiert, binnen weniger Wochen stieg der Kurs bis auf 480 US-Dollar in der Spitze.

Damit eine solche Entwicklung überhaupt möglich ist, braucht es nebst einer bedeutenden Käufergruppe auch ein hohes Maß an Short-Positionen, den sogenannten Short Interest. Im Falle von Gamestop waren laut Bloomberg-Daten zum Jahresende 71 Millionen Aktien leerverkauft worden. Das Unternehmen hat aber nur 69 Millionen Aktien begeben. Es waren also erheblich mehr Aktien leerverkauft worden, als es überhaupt gibt. Damit war die Aktie extrem anfällig für einen Short Squeeze.

Der große Fehler der beteiligten Hedgefonds bestand darin, auf diesen technischen Faktor nicht geachtet zu haben. Die These, dass das Geschäftsmodell von Gamestop langfristig nicht überlebensfähig ist und der Aktienkurs daher fallen sollte, mag fundamental richtig sein. Doch die veränderte Marktstruktur im Zusammenhang mit den sehr hohen Beständen an Leerverkäufen machte die entsprechenden Trades sehr gefährlich.

Mittlerweile sollen die Hedgefonds reagiert und ihre Short-Positionen reduziert haben – nicht nur bei Gamestop. Aber auch für die Investoren auf der anderen Seite ist ein Short Squeeze riskant. Schließlich hat sich der fundamentale Wert von Gamestop kaum geändert, weshalb der immer noch stark erhöhte Aktienkurs nicht nachhaltig sein kann. Wenn die Shorts ihre Positionen eingedeckt haben, dürfte es immer weniger Käufer geben, während zunehmend Verkäufer auftreten, die von der erheblichen Überbewertung profitieren wollen. In der Folge könnten Käufer, die spät eingestiegen sind und Aktien zu überhöhten Preisen gekauft haben, schnell auf bedeutenden Verlusten sitzen bleiben.

Investoren können und sollten ihre Lehren aus dieser Episode ziehen:

1. Marktstruktur im Blick haben

Die veränderte Marktstruktur ist sehr bedeutend und sollte nicht außer Acht gelassen werden. Dies gilt, wie die Hedgefonds-Verluste im Fall Gamestop gezeigt haben, nicht nur für Kleinanleger, sondern auch für professionelle Investoren. Ähnliche Entwicklungen sind bei verschiedenen Aktiva möglich und müssen nicht zwingend mit höheren Preisen einhergehen. Ein Beispiel ist der Kollaps des WTI Öl-Future  im vergangenen März. Hier sanken die Preise aufgrund mangelnder Lagerkapazitäten für Öl in den negativen Bereich, was zuvor nicht für möglich gehalten worden war.

2. Finger weg bei Überbewertung

Entfernen sich Wertpapiere zu stark von ihren fundamentalen Werten, sollte man die Finger von ihnen lassen. Bei einem zu späten Einstieg in einen Short Squeeze erwirbt man ein überteuertes Wertpapier und kann sehr schnell hohe Verluste einfahren.

3. Die Kleinanleger werden bleiben

Meines Erachtens wird die Zahl der Kleinanleger, die aktiv an den Finanzmärkten handeln, noch weiter ansteigen, weil der Marktzugang mithilfe der Trading-Apps erheblich einfacher und kostengünstiger geworden ist. Darüber hinaus befinden sich die Risikomärkte in einem Bullenmarkt und bescheren den Anlegern positive Erträge. Sie werden mit ihrer geballten Kaufkraft einen anhaltenden Einfluss auf einzelne Aktiva ausüben können. Allerdings dürfte die koordinierte Absprache zum gezielten Kauf spezifischer Wertpapiere nicht mehr so überraschend und unbeobachtet praktiziert werden können wie in den vergangenen Wochen.

4. Die Hedgefonds passen sich an

Aufgrund ihrer Fehleinschätzung bei Gamestop haben einige Hedgefonds hohe Verluste erlitten und müssen vielleicht sogar schließen. Die professionellen Investoren werden daraus lernen, ihr Risikomanagement anpassen und sich auf die geänderte Marktstruktur einstellen. Sie werden die bekannten Foren etwa bei Reddit mit Datenanalysetools durchleuchten und ihre Positionierung frühzeitiger anpassen. Damit wird das System insgesamt stabiler. Es wird auch in Zukunft immer wieder Short Squeezes geben – nicht nur bei Aktien. Aber gegenwärtig ist deren Eintrittswahrscheinlichkeit bei Einzelwerten geringer geworden.

5. Die Shortseller beobachten

Die Geschichte der Finanzmärkte hat wiederholt gezeigt, dass eine einseitige Positionierung vieler Marktteilnehmer selten gut ausgeht – besonders wenn sie durch gehebelte Produkte noch verstärkt wird. Diesmal war es eine Gruppe von Shortsellern, die unvorsichtig agiert hat und dafür zu Recht teuer bezahlen musste. Die wirklich problematischen Marktbewegungen sind aber jene, bei denen das Herdenverhalten professioneller Investoren und Kleinanleger zu einer Blasenbildung ganzer Assetklassen führt. Wenn eine solche Blase platzt, entstehen nicht nur sehr hohe Verluste für die Investoren, sondern auch äußerst negative Folgen für die Gesamtwirtschaft. Man denke nur an die Aktienmarktblase zur Jahrtausendwende oder die Immobilienkrise in den USA vor 13 Jahren. Shortseller können mit ihren gegen den Markttrend gerichteten Käufen und Verkäufen dämpfend sowohl auf die Blasenbildung als auch auf die folgende Korrektur wirken. Investoren sollten daher ihre Aktivitäten und den Aufbau von Short-Positionen genau verfolgen. Das hätte übrigens auch manchem Wirecard-Anleger einen Verlust erspart.

Daniel Pfändler verfügt über langjährige Erfahrung in der makroökonomischen Analyse und Finanzmarktstrategie. Er ist Gründer der unabhängigen Research Firma Research Ahead und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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