Verabredung zum Kurshype Irrsinnsaktie Gamestop - wenn Kleinanleger Hedgefonds foppen

Ein Kursanstieg um 1700 Prozent in vier Wochen? Nein, es geht nicht um Bitcoins, sondern um den Spielehändler Gamestop. Kleinanleger trieben die Aktie hoch, um Hedgefonds zu ärgern - ein neuer Trend, der auch deutsche Aktien bewegt.
Echtes Geschäft: Gamestop-Filiale in Des Plaines, US-Staat Illinois

Echtes Geschäft: Gamestop-Filiale in Des Plaines, US-Staat Illinois

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Nam Y. Huh / AP

Die jüngsten Geschäftszahlen des US-Videospielehändlers Gamestop waren eigentlich kaum dazu angetan, Investoren in Euphorie zu versetzen. Zwar ging es mit den Onlineverkäufen angesichts der Corona-Beschränkungen stark aufwärts. Insgesamt jedoch veröffentlichte Gamestop Anfang Januar für das Weihnachtsgeschäft einen Umsatzrückgang um 3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf knapp 1,8 Milliarden Dollar , bedingt auch durch die Lockdown-Maßnahmen, die vielerorts den Einzelhandel einschränken. Das Unternehmen mit Hauptsitz im US-Staat Texas betreibt neben dem Onlinehandel weltweit rund 5000 Läden.

Umso merkwürdiger muss Außenstehenden die Entwicklung des Aktienkurses von Gamestop  erscheinen. Das Papier verbrachte den Großteil des Jahres 2020 weit unterhalb der Zehn-Dollar-Marke. Im Herbst des vergangenen Jahres kam dann etwas Bewegung in den Kurs - und seit Beginn 2021 ist er förmlich explodiert. Kostete eine Gamestop-Aktie zu Jahresbeginn noch weniger als 20 Dollar, so sind es inzwischen, nach einem erneuten Ausbruch um rund 150 Prozent am Mittwoch, fast 360 Dollar. Ein Anstieg um 1700 Prozent binnen vier Wochen - derartige Dimensionen kennt man sonst bestenfalls vom Markt für Kryptowährungen wie Bitcoins.

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Kleinanleger gegen Shortseller - diese Aktien stehen im Blickpunkt

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Was steckt dahinter?

Gamestop ist zum Spielball von Spekulanten geworden. Auf der einen Seite stehen verschiedene Hedgefonds, die das Papier als Objekt für Leerverkäufe ausgemacht haben, weil sie an einen Kursrückgang glaubten. Und auf der anderen Seite steht eine Vielzahl von Kleinanlegern, die einen digitalen Aufstand gegen die Wall Street inszenieren. Sie tauschen sich in sozialen Medien wie der US-Plattform Reddit aus und verabreden sich auf diese Weise, den Kurs des Papiers in die Höhe zu treiben - und die Hedgefonds damit alt aussehen zu lassen.

Elon Musk mischt auch mit

Einen zusätzlichen Push erhielt der Gamestop-Aktienkurs, als sich Tesla-Chef Elon Musk (49) in das Treiben einmischte. Musk verbreitete auf dem Kurznachrichtendienst Twitter einen Link zu einem Reddit-Thread über Gamestop . Der Wert des Unternehmens überstieg da bereits die Marke von zehn Milliarden Dollar. Nach dem neuerlichen Kursplus von rund 150 Prozent am Mittwoch ist das Unternehmen an der Börse nun etwa 25 Milliarden Dollar wert.

Einen Erfolg haben die Kleinanleger mit ihrer Aktion auch schon erzielt. Die Hedgefonds Melvin Capital sowie Citron gerieten durch den anhaltenden Kursanstieg von Gamestop Berichten zufolge in ernsthafte Schwierigkeiten. So mussten die Investmenthäuser Citadel und Point72 Melvin Capital zum Wochenstart mit 2,75 Milliarden Dollar unter die Arme greifen, um einen Zusammenbruch des Konkurrenten zu verhindern, schreibt etwa das "Wall Street Journal" . Der Zeitung zufolge hatte sich Melvin unter anderem mit Gamestop-Aktien verzockt.

Börsianer vermuten, dass sich Citron die Finger auf ähnliche Weise verbrannt hat. Der Shortseller hatte vergangene Woche Zweifel am Geschäftsmodell des durch die Pandemie ins Trudeln geratenen Videospielehändlers geäußert und einen raschen Rückfall des Kurses auf 20 Dollar prophezeit. Der Hedgefonds war für einen Kommentar zur jüngsten Kursentwicklung bei Gamestop nicht zu erreichen.

Das Problem der Hedgefonds, die auf Kursrückgänge wetten: Kommen diese nicht zustande, müssen die Investmenthäuser irgendwann ihre Positionen abdecken und zu dem Zweck Aktien kaufen, und zwar, weil sie dann unter Zeitdruck stehen, zu beinahe jedem erdenklichen Kurs. Es kann also zu einem sogenannten Short-Squeeze kommen, bei dem ein Aktienkurs kurzzeitig kerzengerade in die Höhe schießen kann. Ein Szenario, das bei Gamestop gegenwärtig möglicherweise bereits vorliegt. Den Extremfall lieferte die Volkswagen-Stammaktie  im Herbst 2008 im Zuge der Übernahme von Porsche. Damals wurden Hedgefonds, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, kalt erwischt. Es waren kaum noch Aktien zum Nachkaufen verfügbar, und der Kurs schoss kurzzeitig über 1000 Euro.

Gamestop nur ein Fall - auch Varta, Evotec und Nokia kräftig bewegt

"Zahlreiche Anleger hatten auf einen Kursrückgang gesetzt, als es zu einem heißen Thema in sozialen Medien wurde", sagt Jaske Wujastyk, Chef-Marktanalyst für TrendSpider, einem Anbieter von Analysesoftware für Investoren. Der anschließende Kursanstieg habe sie auf dem falschen Fuß erwischt. Sie hätten dann diese Wetten auflösen müssen, um ihre Verluste zu minimieren - ein "Short Squeeze" wie er im Buche steht.

Dabei ist der Videospielhändler nur ein Beispiel von mehreren. Beobachter sehen in dem Gegenüber von Hedgefonds und Kleinanlegern, die sich über soziale Medien organisieren, einen Trend am Finanzmarkt. Jüngstes Beispiel sei Gamestop, sagt etwa Analyst Jochen Stanzl vom Onlinebroker CMC Markets. In kleinerem Maßstab stecke die Methode aber auch hinter den jüngsten Kursgewinnen des Batterieherstellers Varta , sagen Börsianer. Die aktuelle Hausse des finnischen Netzwerkausrüsters Nokia  gehe ebenfalls auf das Konto von solchen Verabredungen in Internetforen.

In Deutschland wurden auch die Papiere des Biotech-Unternehmens Evotec kräftig bewegt: Sie waren nach knapp zweistelligen Kursgewinnen zu Handelsbeginn zwischenzeitlich um weitere 30 Prozent nach oben geschossen. Vermutet wird, dass auch dahinter Leerverkäufer stecken, die sich nach den jüngsten Kursgewinnen mit Aktien eindecken mussten, um Verluste bei Wetten auf fallende Kurs zu begrenzen. Hugo Boss kletterten in diesem Kontext um 12 Prozent. Papiere der Lufthansa gewannen fast 7 Prozent.

Kleinanleger gegen Börsenprofis

"Es ist urkomisch, dass Kleinanleger die Wall Street und erfahrene institutionelle Anleger zum Gespött machen", sagt Rob Paone, Gründer des Personalvermittlers Proof of Talent, der auf Berufe in der Kryptowährungs- und Blockchainbranche spezialisiert ist. Art Hogan, Chefanlagestratege des Vermögensverwalters National Securities, äußert sich ähnlich. "Man weiß, dass es nicht gut ausgehen wird. Aber während es passiert, sitzen die Leute da und schauen fasziniert zu."

Gleichzeitig kursierten im Internet sogenannte "Memes", in denen sich Kleinanleger beispielsweise mit Fotomontagen über die Verluste institutioneller Investoren lustig machen. Denn "Otto Normalanleger" wird von Börsenprofis, die sich selbst gelegentlich als "Masters of the Universe" bezeichnen, meist als "dummes Geld" geschmäht.

cr/Reuters
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