Robinhood wappnet sich mit Milliarden Wut des Börsenmobs trifft Onlinebroker

Der Kampf zwischen Flashmob-Kleinanlegern und Hedgefonds an der Börse schlägt nun auch in der Politik hohe Wellen. Die Broker-App Robinhood steht in der Defensive und sucht Schutz mit einer milliardenschweren Kapitalerhöhung.
Robin Hood oder Sheriff von Nottingham? Der Börsenkampf bringt Robinhood-Chef Vlad Tenev in Bedrängnis

Robin Hood oder Sheriff von Nottingham? Der Börsenkampf bringt Robinhood-Chef Vlad Tenev in Bedrängnis

Foto: Brendan McDermid / REUTERS

Die Turbulenzen an der Börse um den Flashmob-Hype bringen die Betreiber von Broker-Apps in Bedrängnis. Politiker im US-Kongress reagierten auf den Unmut von Kleinanlegern, die sich um ihre Gewinne geprellt sehen und wollen die Rolle von Robinhood und Co. zum Thema im Parlament machen. Der CEO von Robinhood, Vladimir Tenev (33), verteidigte derweil seine Entscheidung im US-Fernsehsender CNBC. Er habe eine "schwierige Entscheidung" getroffen, den Handel mit mehr als einem Dutzend volatiler Aktien einzschränken, so Tenev. Das sei geschehen, um sein Unternehmen und dessen Kunden zu schützen. "Wir haben das absolut nicht getan auf Anweisung irgendeines Market Makers oder Hedgefonds", so Tenev. Der Grund sei viel mehr, dass Robinhood als Onlinebroker "eine Menge an finanziellen Anforderungen" habe.

Robinhood sichert sich kapitalseitig offenbar ab. Wie die Wirtschaftszeitung "Financial Times" ("FT") nun meldet , hat das Unternehmen mehr als eine Milliarde Dollar Kapital eingesammelt - von seinen bisherigen Investoren und durch das Anzapfen von Kreditlinien seiner Banken. Das Unternehmen soll zumindest mehrere hundert Millionen Dollar an Kreditlinien abgerufen haben. Sein Bankenkonsortium werde angeführt von JPMorgan und inkludiere Goldman Sachs, Morgan Stanley, Barclays und Wells Fargo, berichtet die "FT" unter Bezugnahme auf mit den Vorgängen vertrauten Personen.

Auch Trade Republic schränkt Handel ein

Die Kapitalspritze von über einer Milliarde Dollar sei ein "starkes Zeichen des Vertrauens", zitiert die FT einen Robinhood-Sprecher. Das Geld werde dabei helfen, "weiter unsere Kunden zu bedienen".

Am Donnerstag hatten Robinhood und andere Onlinebroker wie Interactive Brokers oder auch die Berliner Trade Republic den Kauf mehrerer Aktien eingeschränkt, die von Aufrufen in sozialen Netzwerken getrieben wurden. Teils wurde das mit dem Schutz der Anleger vor zu hoher Volatilität begründet, teils mit einer Überlastung der Handelsplattformen durch die Vielzahl an Zugriffen. Der Verkauf der Aktien blieb jedoch erlaubt. Ein Großteil der gehypten Werte brach daraufhin ein, erholte sich aber im nachbörslichen Handel in der Nacht auf Freitag.

#eattherich wird Thema im US-Kongress

Beispiel Gamestop: Die Aktie des Videospielhändlers, in den Vortagen um den Faktor 17 hochgejagt, brach am Donnerstag an der New Yorker Börse um 44 Prozent ein, nachbörslich verdoppelte sich der Kurs aber fast schon wieder.

Die Aufregung um die extremen Kurskapriolen der Aktien des Videospielhändlers Gamestop und anderer Unternehmen hat zudem die politische Ebene erreicht. Der künftige Vorsitzende des Bankenausschusses im US-Senat, Sherrod Brown, kündigte am Donnerstag (Ortszeit) eine Anhörung "zum aktuellen Zustand des Aktienmarkts" an. Es sei an der Zeit für die Börsenaufsicht SEC und den Kongress dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft für alle funktioniere, nicht nur für die Wall Street. "Die Leute an der Wall Street scheren sich nur um die Regeln, wenn sie diejenigen sind, denen es wehtut", hieß es in Browns Statement. Ähnlich äußerten sich auch andere Vertreter der Demokraten wie Alexandria Ocasio-Cortez. Zeitgleich zum lauter werdenden Protest gegen "Big Money" und die etablierten Geldhäuser an der Wall Street zog auch der Kurs der Kryptowährung Bitcoin deutlich an, die von vielen langfristig als Alternative zu Währungen wie Dollar oder Euro gesehen wird.

Dass Robinhood den Handel mit den Papieren so einschränkte, dass sie nur noch verkauft, aber nicht mehr gekauft werden können, könnte nun zum Politikum werden und eine größere Debatte um Regulierung lostreten. Laut US-Medien plant auch die Vorsitzende des Finanzausschusses im US-Repräsentantenhaus, Maxine Waters, eine Anhörung. Dabei soll es um die jüngsten Turbulenzen am Finanzmarkt und um die Rolle von Hedgefonds dabei gehen. Auch ranghohe Politiker der demokratischen Partei wie Elizabeth Warren und Alexandria Ocasio-Cortez forderten Aufklärung. Vertreter der republikanischen Partei äußerten ebenfalls Unverständnis für Robinhoods Entscheidung.

Hintergrund ist der große Ärger von Anlegern über Restriktionen beim Handel mit Papieren von Gamestop und anderen Firmen, durch die sie sich bei einer Gewinnstrecke ausgebremst sehen. Vor allem der Onlinebroker Robinhood geriet dadurch massiv in die Kritik und in den Verdacht, Kleinanleger gegenüber Wall-Street-Großinvestoren zu benachteiligen. Neben dem persönlichen Gewinn und Reiz des Spieltriebs zielen die Kleinanleger auch darauf, es den mächtigen Großinvestoren zu zeigen.

Bei Firmen wie Gamestop oder der Kinokette AMC verloren Hedgefonds zuletzt viel Geld mit Wetten auf fallende Kurse, unter anderem weil sich Hobbyhändler in Onlineforen wie Reddit organisierten und die Aktien der Unternehmen erfolgreich nach oben trieben. Am Donnerstag wurden die Verluste der Hedgefonds auf 70 Milliarden Dollar geschätzt, einige gaben große Wetten bereits auf.

Elon Musk feuert den Flashmob an

Vor der New Yorker Börse versammelten sich am Donnerstag Demonstranten unter dem Slogan #eattherich. Unterstützung erhielten sie ausgerechnet vom reichsten Mann der Erde, Tesla-Chef Elon Musk (49). Der seit Langem mit Hedgefonds und anderen Leerverkäufern im Clinch liegende Unternehmer äußerte auf Twitter grundsätzliche Kritik daran, dass es überhaupt erlaubt ist, geliehene Aktien zu verkaufen.

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Am Freitag bewegte Musk weiter Kurse. Nachdem er schlicht "#bitcoin" postete, zog der Kurs  der Kryptowährung Bitcoin um 14 Prozent an und erreichte ein Zwei-Wochen-Hoch von 37.800 Dollar.

Auch Facebook hat dem Pump- and Dump-Spiel offenbar Grenzen gesetzt. Das weltgrößte soziale Netzwerk hat nach dem Gamestop-Hype die beliebte Aktienhandelsgruppe Robinhood Stock Trades geschlossen. Der Gründer des Wall-Street-Diskussionsforums, Allen Tran, sagte, er habe eine Benachrichtigung von Facebook erhalten, wonach die 157.000 Mitglieder umfassende Gruppe wegen Verletzung des Regelwerks gesperrt werde. Reuters hat das Schreiben einsehen können.

Facebook bestätigte ebenfalls die Maßnahme. Das Netzwerk wollte sich dazu nicht weiter äußern. Seit Mitte Januar steigen Kleinanleger bei Gamestop ein und haben dafür gesorgt, dass sich der Börsenwert der US-Einzelhandelskette für Computerspiele und Unterhaltungssoftware deutlich erhöhte. Die Anleger duellieren sich dabei mit professionellen Investoren, die auf fallende Kurse gewettet hatten und für die deswegen Milliarden auf dem Spiel stehen dürften.

wed, ak/Reuters