Daniel Pfändler

Finanzmarktprognose 2021 Im Herbst wird es brenzlig an der Börse

Daniel Pfändler
Eine Meinungsmache von Daniel Pfändler
Der Aufschwung ist da, aber die Korrekturgefahr nimmt zu. Im Herbst wächst die Wahrscheinlichkeit einer spürbaren Korrektur an den Märkten.
Lockerung der Corona-Maßnahmen: Die aufgestaute Nachfrage beflügelt den Konsum - zumindest vorerst

Lockerung der Corona-Maßnahmen: Die aufgestaute Nachfrage beflügelt den Konsum - zumindest vorerst

Foto: Arnulf Hettrich / Fnoxx / imago images/Arnulf Hettrich

In meinem Jahresausblick hatte ich die Erwartung skizziert, dass sich die Wirtschaft 2021 kräftig erholen wird, weil in großen Teilen der nördlichen Halbkugel die Social-Distancing-Maßnahmen gelockert werden und sich die während der Corona-Pandemie angestaute Nachfrage dynamisch entladen kann. Als Kehrseite der Entwicklung zeichnete sich schon damals ein spürbarer Anstieg der Inflation ab.

Tatsächlich haben sich sowohl das makroökonomische Umfeld als auch die Finanzmärkte bis jetzt positiv entwickelt, auch die Nachfrage nach Rohstoffen ist wie erwartet im Zuge des Aufschwungs kräftig gestiegen, dasselbe gilt für die Renditen von Staatsanleihen wie US-Treasuries und Bundesanleihen. Letzteres war hauptsächlich durch höhere Inflationserwartungen getrieben.

Der Aufschwung verfestigt sich – aber nur bis zum Herbst

Es zeichnet sich ab, dass sich der globale Wirtschaftsaufschwung verfestigen und sowohl sektoriell als auch geografisch an Breite gewinnen kann. Gerade in Europa und Nordamerika ermöglicht der dynamische Impffortschritt eine nachhaltige und deutliche Lockerung der Social-Distancing-Maßnahmen. In der Folge können vermehrt auch die Dienstleistungssektoren zur Erholung beitragen. Entsprechend kann die hohe aufgestaute Nachfrage den Konsum beflügeln und zu einer deutlichen Erholung am Arbeitsmarkt beitragen.

Ärmere Schwellenländer hingegen dürften deutlich länger brauchen, bis eine Durchimpfung erreicht ist. Wie in den vergangenen Wochen aber etwa in Indien oder Brasilien zu sehen war, stellt dies hauptsächlich ein humanitäres Problem dar und steht einer Erholung der (Welt-)Wirtschaft nicht im Wege.

Die Angebotsengpässe, die in den vergangenen Monaten spürbar waren, werden daher vorerst fortbestehen. Diese Lieferschwierigkeiten erhöhen kurzfristig den Aufwärtsdruck auf die Preise und dämpfen die dynamische Erholung. Gleichzeitig verlängert sich dadurch jedoch auch der Aufschwung – weil es länger dauert, bis die Nachfrage befriedigt werden kann.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung dürfte ungefähr im Spätherbst erreicht werden. Dann sollte aufgrund negativer Basiseffekte und abnehmender Preisanpassungen die aktuell erhöhte Inflation mit Blick auf 2022 auch wieder sinken. Denn die Produktionslücken sind – insbesondere in der Eurozone – nach wie vor recht hoch, und es wird dauern, bis eine kräftigere Lohn-Preisspirale in Gang gesetzt wird. In den USA hingegen dürfte die Inflation auch im kommenden Jahr über dem Ziel des Federal Reserve Board liegen. Dort operierte die Wirtschaft schon vor der Pandemie nahe an der Vollbeschäftigung, die Wachstumserholung setzte früher ein und verläuft seither wegen der sehr hohen fiskalischen Unterstützung auch dynamischer.

Zentralbanken fahren ihre Unterstützung zurück

Die Geldpolitik dürfte vorerst unterstützend bleiben, allerdings ist davon auszugehen, dass im dritten Quartal die Diskussion um eine Rückführung der Anleihekäufe energischer werden wird, zunächst in den USA. Das dürfte im vierten Quartal zu Beschlüssen bei der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) führen, die Anleihekäufe ab Anfang 2022 zurückzufahren. Auch in der Eurozone dürften die Anleihekäufe im Rahmen des Pepp (Pandemic Emergency Purchase Programm) im ersten Halbjahr 2022 eingestellt werden. Allerdings wird das Asset Purchase Programm (APP) wohl noch für einen längeren Zeitraum fortgesetzt - und eventuell mit der Einstellung des Pepp sogar noch vergrößert – werden.

An den Finanzmärkten kann das gegenwärtig freundliche Umfeld für risikobehaftete Aktiva noch einige Wochen anhalten. Aktuell nimmt die Wachstumsdynamik sogar zu und damit auch die Gewinndynamik der Unternehmen. Die Inflation ist zwar kräftiger gestiegen als ursprünglich erwartet, aber die Zentralbanken wie die Fed oder die Europäische Zentralbank (EZB) haben deutlich gemacht, dass sie diesen Anstieg als vorübergehend betrachten und nicht mit einer Änderung der Geldpolitik reagieren werden. Somit bleibt auch die Vermögensverteilung mit einer Übergewichtung von Aktien, rohstoffsensitiven Aktiva sowie Carry Produkten vorerst unverändert.

Trendwende im Herbst

Vom Herbst an dürfte sich das Finanzmarktumfeld jedoch deutlich schwieriger gestalten. Selbst wenn die Wachstumsdynamik noch günstig bleibt, dürften die Vorlaufindikatoren zu fallen beginnen, während die Inflationsraten noch zunehmen. Zusätzlich befinden sich dann die Zentralbanken aufgrund der fortgeschrittenen Reduktion in den Überschusskapazitäten bereits mitten in der Diskussion über die Rückführung der Anleihekäufe.

Gleichzeitig dürften in den USA die Löhne wieder stärker wachsen. Viele Unternehmen - insbesondere im Niedriglohnsektor – haben schon jetzt Probleme, ausreichend Mitarbeiter zu gewinnen und reagieren mit höheren Löhnen auf diese Entwicklung. Diese dürften aber die Zweifel nähren, dass der kräftige Inflationsanstieg tatsächlich nur vorübergehend ist. Ein mittel- bis langfristig trüber Inflationsausblick hätte natürlich Folgen für die Geldpolitik der Fed.

Ein größerer Kursrutsch an den Aktienmärkten ist möglich

Damit sänke die (erwartete) Unterstützung durch die Geldpolitik genau zu dem Zeitpunkt, an dem aufgrund der Inflationsdynamik ohnehin mit einem schwierigeren makroökonomischen Umfeld zu rechnen ist und auch das allmählich nachlassende Wachstum weniger Unterstützung bietet. Dadurch trübt sich das Umfeld für die risikobehafteten Aktiva ein und das Risiko einer größeren Korrektur nimmt zu. Ein Rückgang von 10 bis 15 Prozent bei breiten Aktienindizes ist möglich.

Es bietet sich daher an, gegen Ende des dritten Quartals die Investitionsrisiken zu reduzieren. Dies bedeutet geringere Aktienquoten sowie eine Bevorzugung defensiverer Sektoren wie Gesundheit oder Versorger. Auch an den Rohstoffmärkten sollten Positionen dann niedriger ausfallen. Hingegen bieten sich temporär Investitionen in kürzer laufende Staatsanleihen sowie in die Schweizer Franken und in den japanischen Yen als "sichere Häfen" an. Auch der US-Dollar könnte kurzfristig Unterstützung erfahren, bevor er sich erneut abschwächt.

Langfristiger Ausblick bleibt positiv

Allerdings bleibt der langfristige Ausblick für Aktien, Rohstoffe und Spread-Produkte trotzdem günstig. Die globale Wirtschaft dürfte in den kommenden Jahren kräftig wachsen. Die Volkswirtschaften der Schwellenländer – mit der bedeutenden Ausnahme von China – hinken in der Post-Pandemie-Erholung hinterher und haben Nachholpotenzial. In der Eurozone dürfte die Erholung stetiger verlaufen als in den USA, auch weil der fiskalische Impuls seit Ausbruch der Pandemie diesseits des Atlantiks kleiner war. Dazu kommt, dass die Produktionslücke deutlich größer ist und somit keine Notwendigkeit besteht, die geldpolitische Unterstützung mit Ausnahme der aufgrund der Pandemie zusätzlich eingesetzten Instrumente kurzfristig zu reduzieren.

In den USA hingegen dürfte sich das Wachstum im nächsten Jahr erheblich abschwächen. Einerseits ist der konjunkturelle Schub durch die Öffnung vorüber, andererseits wird der fiskalische Impuls deutlich negativ. Der Aufschwung sollte aber auf niedrigerem Niveau anhalten, das Risiko einer harten Landung ist sehr gering. So wird die Fed bei der geldpolitischen Straffung behutsam vorgehen und könnte im nächsten Jahr sogar eine Neuauflage der "Operation Twist" (Verkauf kurzer Staatsanleihen und gleichzeitiger Kauf langer Anleihen) durchführen. Dazu kommt, dass sich die Lieferengpässe 2022 deutlich abschwächen sollten.

Die skizzierte Marktkorrektur wäre dann nicht der Beginn eines lange anhaltenden Bärenmarktes - sondern der Grundstein für den nächsten Aufschwung.

Daniel Pfändler verfügt über langjährige Erfahrung in der makroökonomischen Analyse und Finanzmarktstrategie. Er ist Gründer der unabhängigen Research Firma Research Ahead und Mitglied der Meinungsmacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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