Leitzins steigt um 0,75 Prozentpunkte US-Notenbank Fed wagt größten Zinssprung seit 1994

Trotz der eingeleiteten Zinswende ist die Inflation in den USA so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr. US-Notenbankchef Jerome Powell strafft seinen geldpolitischen Kurs daher noch einmal deutlich. Anleger fürchten eine Rezession.
Inflation bekämpfen, Rezession verhindern: Fed-Chef Jerome Powell hat den Leitzins am Mittwochabend um 0,75 Prozentpunkte angehoben

Inflation bekämpfen, Rezession verhindern: Fed-Chef Jerome Powell hat den Leitzins am Mittwochabend um 0,75 Prozentpunkte angehoben

Foto: JIM LO SCALZO / EPA

Angesichts der höchsten Inflation seit mehr als 40 Jahren hat die US-Notenbank Fed den Leitzins so kräftig angehoben wie seit 1994 nicht mehr. Sie beschloss am Mittwoch eine Erhöhung um 0,75 Prozentpunkte – also 75 Basispunkte – auf die neue Spanne von 1,50 bis 1,75 Prozent. An den Finanzmärkten war angesichts der jüngst überraschend auf 8,6 Prozent gestiegenen Teuerungsrate mit diesem ungewöhnlich großen Schritt gerechnet worden. Zuletzt hat es eine solche brachiale Maßnahme zur Verteuerung des Geldes unter dem einstigen Notenbankpräsidenten Alan Greenspan (96) gegeben.

"Erwarten Sie nicht, dass Zinsschritte von 75 Basispunkten die Regel sein werden", sagte Fed-Chef Jerome Powell (69) auf der Pressekonferenz nach dem Zinsbeschluss. Zugleich ließ er offen, ob die Notenbank im Juli erneut einen so großen Schritt gehen wird oder eine Erhöhung um einen halben Prozentpunkt wie zuletzt im Mai folgen wird.

Powell räumte offen ein, dass die Notenbank von den weiter anziehenden Verbraucherpreisen auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Zudem habe es einen Anstieg der Inflationserwartungen gegeben: "Wir dachten, dass starkes Handeln gefragt war und das haben wir auch eingelöst", sagte der Fed-Chef mit Blick auf den Zinssprung.

Die US-Devise erhielt nur kurzzeitig Rückenwind durch die Fed-Entscheidung. Der Dollar-Index fiel am Abend (MESZ) um knapp 0,5 Prozent auf 104,82 Punkte, nachdem er in unmittelbarer Reaktion auf die Zinserhöhung auf ein Neunzehneinhalbjahreshoch geklettert war.

Zinsniveau soll auf 3 bis 3,5 Prozent steigen

Die Währungshüter signalisierten in ihrem Zinsausblick zugleich, dass sie dieses Jahr noch mehrfach nachlegen werden. Sie peilen für das Jahresende im Schnitt ein Zinsniveau von 3,4 Prozent an. Im März hatten sie noch einen Wert von 1,9 Prozent ins Auge gefasst. Powell erläuterte, dass ein Zinsniveau von 3 bis 3,5 Prozent zum Jahresende ein anzustrebendes "moderat restriktives Niveau" der Geldpolitik sei – also die Konjunktur bereits leicht bremse.

Die Zentralbank in Washington hat nunmehr die dritte Anhebung in Folge vollzogen. Während die Europäische Zentralbank (EZB) erst für Juli ihre Zinswende signalisiert hat, treibt die Fed den Preis des Geldes somit bereits im Express-Tempo in die Höhe. Die EZB muss beim Übergang zu einem strafferen Kurs allerdings beachten, dass die Renditen für Schuldenpapiere der Euro-Länder zuletzt kräftig gestiegen sind. Südländer wie Italien geraten damit noch mehr unter Druck, da ihre Finanzierungskosten steigen. Die EZB will bei der Wiederanlage der Gelder aus auslaufenden Anleihen daher höher verschuldeten Euro-Ländern künftig besonders unter die Arme greifen.

Diese Widrigkeiten einer Währungsunion kennt die Notenbank der Vereinigten Staaten nicht. Sie entzieht den Märkten mittlerweile sogar Liquidität: Die Fed hat mit dem Eindampfen ihrer in der Corona-Krise auf fast neun Billionen Dollar aufgeblähten Bilanzsumme begonnen. "Es ist also neben den Zinsanhebungen ein weiteres Instrument im Einsatz. Mehr geht im Moment im Kampf gegen die hohe Teuerungsrate nicht", meint Chefökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank.

Angst vor Rezession

An den Finanzmärkten geht bereits die Furcht um, dass die Fed die geldpolitischen Zügel zu stark anziehen und der US-Konjunktur damit eine Rezession drohen könnte. Dies spiegelte sich jüngst in einer Entwicklung am Anleihemarkt wider. Dort warfen zweijährige Staatsanleihen mehr ab als ihre zehnjährigen Pendants. Dieses Phänomen, im Fachjargon als inverse Zinskurve bekannt, gilt als Vorbote einer Rezession.

Powell bekräftigte, dass trotz des strammen Straffungskurses der Notenbank eine Art sanfte Landung der US-Wirtschaft erreichbar sei. Doch die stark schwankenden Rohstoffpreise, die außerhalb der Kontrolle der Notenbank lägen, könnten der Fed einen Strich durch die Rechnung machen, sagte Powell.

Fed reduziert Wachstumserwartungen

Hauptgründe für die hohe Inflation sind stark steigende Preise für Energie und viele Rohstoffe. Als Auslöser gilt der Krieg Russlands in der Ukraine. Hinzu kommen anhaltende Probleme in den internationalen Lieferketten, die ebenfalls für starke Preiszuwächse sorgen. Die Notenbank kann dieser Entwicklung zwar nicht direkt entgegenwirken. Sie kann aber verhindern, dass die Teuerung auf andere Wirtschaftsbereiche übergreift und zu Zweitrundeneffekten wie stark steigenden Löhnen führt. Als entscheidendes Gegenmittel gilt die Verankerung der Inflationserwartungen.

Nach Bekanntgabe der Leitzins-Erhöhung prognostizierte die US-Notenbank zudem ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum, als noch vor drei Monaten angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der weltgrößten Volkswirtschaft soll demnach um 1,7 Prozent wachsen. Das wären 1,1 Prozentpunkte weniger als noch im März prognostiziert. Im Vorjahr war die Wirtschaft im Zuge der Erholung von der Corona-Krise noch um starke 5,7 Prozent gewachsen.

Kommt die Zinswende zu spät?

Die Fed hat ihre Geldpolitik bereits gestrafft, nach Meinung vieler Analysten allerdings zu spät damit begonnen. "Es wird immer offensichtlicher, dass die Notenbanker der dynamischen Inflationsentwicklung deutlich hinterherlaufen", sagt Carsten Mumm, Chefökonom der Privatbank Donner & Reuschel. Zugleich nehme die Gefahr einer Rezession in den USA zu. Jeder Tag mit anhaltend hohen Preissteigerungen sei eine Belastung für den privaten Konsum. Die positiven Effekte des nahezu voll ausgelasteten Arbeitsmarkts und der deutlich steigenden Nominallöhne relativierten sich damit.

Auch Allison Boxer, US-Ökonomin vom Vermögensverwalter Pimco, sieht ein Risiko, dass die Fed den Straffungsbogen überspannt. Auf diese Gefahr weist ebenfalls Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank, hin. Historisch hätten drei von vier Fed-Straffungsphasen die US-Wirtschaft in eine Rezession geführt, sagt der Ökonom. Mit anderen Worten: Es gab in den vergangenen Jahrzehnten nur wenige Episoden mit steigenden Zinsen, die nicht mit wirtschaftlichem Schaden einhergingen. An den Finanzmärkten werden derartige Rezessionsszenarien zunehmend eingepreist.

rei, mje/dpa-afx