Montag, 9. Dezember 2019

Zinsen schossen zeitweise auf 10 Prozent hoch Geldmarkt in Not - US-Notenbank interveniert erstmals seit der Finanzkrise

Aufregung am Geldmarkt in den USA: Ein plötzlicher Liquiditätsengpass am Geldmarkt hat die US-Notenbank auf den Plan gerufen. Experten gehen davon aus, dass die Notenbanker weiter intervenieren müssen
Spencer Platt/Getty Images/AFP
Aufregung am Geldmarkt in den USA: Ein plötzlicher Liquiditätsengpass am Geldmarkt hat die US-Notenbank auf den Plan gerufen. Experten gehen davon aus, dass die Notenbanker weiter intervenieren müssen

Die US-Notenbank pumpt erstmals seit der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren wieder Milliarden in den Geldmarkt. Insgesamt 53,15 Milliarden Dollar wurden den Interbankengeschäften mit Hilfe einer kurzfristigen Transaktion zur Verfügung gestellt, wie die Federal Reserve am späten Dienstagabend (Ortszeit) mitteilte.

Ein weiteres Overnight-Repo-Geschäft, wie der Eingriff im Fachjargon genannt wird, soll an diesem Mittwoch folgen. Dabei leihen sich Banken für kurze Zeit Bargeld von der Fed, wobei sie Staatsanleihen und andere Wertpapiere als Sicherheiten hinterlegen. Dazu bestand in den vergangenen Jahren kein Anlass, da die Banken mit ausreichend Liquidität versorgt waren.

In dieser Woche änderte sich das, weil mehrere Ereignisse am Montag parallel zusammentrafen.

  • Zum einen zogen Firmen viel Geld ab, um ihre vierteljährliche anfallende Zahlung von Unternehmenssteuern zu leisten.
  • Zum anderen mussten Banken und andere Investoren den Kauf von US-Staatsanleihen im Wert von 78 Milliarden Dollar abwickeln.
  • Dazu kam auch noch, dass die von den Banken bei der Fed geparkten Reserven so niedrig ausfielen wie seit 2011 nicht mehr: Sie summierten sich zuletzt auf 1,47 Billionen Dollar, was etwa 50 Prozent weniger ist als der vor fünf Jahren erreichte Höchstwert. Das alles machte liquide Mittel derzeit knapp, wie Analysten sagten.
  • Dadurch wiederum explodierten die Zinsen am Geldmarkt, wo sich Banken untereinander Geld leihen. Dort wurden plötzlich bis zu zehn Prozent verlangt und damit etwa das Vierfache des von der Fed festgelegten US-Leitzinsen. Durch die Geldspritze der Zentralbank fielen die Zinsen am Geldmarkt zeitweise wieder auf null, ehe sie am Ende bei 2,0 Prozent landeten.

Experten gehen davon aus, dass die Fed es bei diesem Eingriff nicht belassen wird. Jeffrey Gundlach, Chef des Finanzhauses DoubleLine Capital, rechnet "ziemlich bald" mit einem "QE lite", also einer unkonventionellen Lockerung der Geldpolitik.

Einige Beobachter halten es für möglich, dass die Fed sich schon jetzt für einen regelmäßigen Liquiditätszuschuss entscheidet, etwa über regelmäßige Wertpapierkäufe. Die Kunst bestünde dann jedoch darin, den Märkten zu vermitteln, dass es sich hierbei nicht um eine geldpolitische Lockerung über Anleihekäufe handelt, sondern um eine Maßnahme, um den Verspannungen am Interbankenmarkt zu begegnen.

Es ist aber auch denkbar, dass sich die Fed gegen ein dauerhaftes Vorgehen entscheidet und zunächst durch einzelne Geldmarktgeschäfte wie am Dienstag gegensteuert.

Komplikationen kurz vor Zinsentscheidung kommen zur Unzeit

Für die Fed kommen die Komplikationen am Geldmarkt kurz vor der Entscheidung über ihre weitere Zinspolitik am Mittwochabend zur Unzeit. Experten rechnen mit der zweiten Zinssenkung in diesem Jahr. Zuletzt hatte sie die Zinsen Ende Juli auf die Spanne von 2,0 bis 2,25 Prozent gekappt.

Der Zinsentscheid fällt in eine Zeit erhöhter Nervosität an den Börsen - nach den folgenreichen Drohnen-Angriffen auf Ölanlagen in Saudi-Arabien. Auch sieht sich die Fed Forderungen nach einer weitaus lockereren Geldpolitik aus dem Weißen Haus ausgesetzt. Präsident Donald Trump hält das Zinsniveau für viel zu hoch. Er verlangt eine Senkung des geldpolitischen Schlüsselsatzes auf "null oder weniger".

rei/Reuters/dpa

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