EZB-Geldpolitik erfreut Börsianer Wie Mario Draghi zum Freund der Geldanleger wurde

Die Europäische Zentralbank bleibt bei ihrem Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik auf Kurs. Investoren an den Finanzmärkten begrüßen das, obwohl ihnen die Liquidität bald fehlen wird - warum eigentlich?
Erfreulich zögerlich: EZB-Präsident Mario Draghi

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Auf den ersten Blick könnte die Konstellation verwundern: Gleich zwei Notenbanken haben in dieser Woche geldpolitische Zügelungen bekannt gegeben - und in beiden Fällen reagierten die Finanzmärkte erfreut.

Erst setzte die Zentralbank der Türkei ihren Leitzins gleich um 6,25 Prozentpunkte auf 24 Prozent herauf. Ein Schritt, den Investoren begrüßten, weil er angesichts der Talfahrt der türkischen Lira sowie der bereits erkennbaren Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes dringend erforderlich erschien. Zudem machten die Notenbanker ihre Unabhängigkeit vom türkischen Präsidenten Erdogan deutlich, der sich noch kurz zuvor gegen höhere Zinsen ausgesprochen hatte. Folge: Die Lira gewann nach der Maßnahme schlagartig 5 Prozent an Wert.

Größere Bedeutung auch für die meisten Anleger hierzulande dürfte zudem die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) haben, die wenig später ebenfalls am Donnerstag verkündet wurde. Die EZB unterstrich dabei ihr seit Jahren betont behutsames Vorgehen: So will die Notenbank zwar das Volumen ihrer Anleihenkäufe von bislang 30 Milliarden Euro im Monat ab Oktober auf 15 Milliarden Euro reduzieren. Den vollständigen Stopp der Käufe zum Ende dieses Jahres stellten die Banker um EZB-Präsident Mario Draghi jedoch weiterhin unter den Vorbehalt, dass die Wirtschaftsdaten dies dann auch zulassen müssen. Auch die Zinsen will die EZB noch bis mindestens über den Sommer 2019 hinaus auf dem Rekordtief von 0 Prozent belassen.

Und siehe da: Auch die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank wurden von Investoren positiv aufgenommen. Die Aktienkurse erhielten einen Schub, der Euro legte gegenüber dem Dollar merklich zu.

Verwundern könnte diese Reaktion, weil sie eigentlich der Lehrbuchdarstellung der Ökonomie widerspricht. Zinsen rauf, Kurse runter, und umgekehrt - so lautet dort eine der wohl am häufigsten zitierten Faustregeln. Oder anders formuliert: Öffnen Zentralbanken die Geldschleusen, dann landet ein Großteil der Liquidität nicht selten am Finanzmarkt, wo er für steigende Kurse bei Aktien, Anleihen und anderen Assetklassen sorgt. Drehen Zentralbanken jedoch im Gegenzug den Geldhahn wieder zu, so ist eigentlich die gegenläufige Reaktion der Märkte zu erwarten: also beispielsweise sinkende Aktienkurse.

Jedenfalls in der Theorie. Das dies in der Praxis aktuell nicht zu beobachten ist - obwohl Kritiker seit Jahren vor dem Moment warnen, in dem die EZB ihre ultralockere Geldpolitik wieder zurückzufahren versucht - lässt sich mit einem einfachen Wort erklären: Vertrauen.

Warum Ökonomen den EZB-Kurs auch kritisch sehen

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Die EZB geht seit Jahren bei ihren Maßnahmen und deren Kommunikation gegenüber den Finanzmärkten dermaßen vorsichtig vor, dass die Investoren inzwischen darauf vertrauen, dass dies auch künftig der Fall sein wird, und dass überraschende Entscheidungen, die an den Märkten womöglich Turbulenzen und Verluste verursachen könnten, also ausbleiben werden.

Tatsächlich agieren Mario Draghi und Co für manchen Kritiker sogar schon zu zurückhaltend. Immerhin geht die Zentralbank in ihren eigenen volkswirtschaftlichen Einschätzungen davon aus, dass die Wirtschaft in diesem und dem folgenden Jahr um 2 beziehungsweise 1,8 Prozent wachsen wird. Auch die Inflationsraten von erwarteten 1,7 Prozent bewegen sich längst wieder im durchaus messbaren Bereich.

Zwar gibt es auf der anderen Seite nach wie vor hoch verschuldete Staaten wie vor allem Italien. Dennoch lässt sich im Gesamtbild durchaus darüber streiten, ob es tatsächlich erforderlich ist, immer noch so beharrlich am Krisenmodus festzuhalten, in dem sich die EZB ja seit nunmehr rund zehn Jahren befindet.

Entsprechend skeptisch klingt manches Statement von Ökonomen angesichts der Verlautbarung der Notenbank aus dieser Woche. Die EZB gebe sich weiter taubenhaft, sagt etwa Daniel Hartmann, Chefvolkswirt beim Investmenthaus Bantleon.

Nach Ansicht von Michael Metcalfe, Leiter Global Macro Strategy bei State Street Global Markets, ist das Vorgehen der Zentralbank sogar bewusst darauf angelegt, die Märkte nicht zu verunsichern. Die Zentralbank könnte sich nach Ansicht des Investmentprofis damit allerdings letztlich selbst in Schwierigkeiten bringen. Denn aufgrund der aktuellen Zurückhaltung könnten der EZB später die geldpolitischen Mittel fehlen, um mit dem nächsten Abschwung in der Eurozone fertig zu werden, so Metcalfe.

Wie dem auch sei: Die Investoren an den Aktienmärkten hat die Zentralbank auf ihrem sanften Kurs an ihrer Seite. Das hat übrigens nicht zuletzt noch einen weiteren Grund: nämlich die positive Erfahrung, die Investoren zuletzt damit gemacht haben.

Die Börsianer müssen schließlich nur einen Blick über den Atlantik werfen. In den USA macht die Notenbank Fed seit einigen Jahren vor, woran auch die EZB arbeitet: den betont behutsamen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik. Und in den Vereinigten Staaten haben die Aktienkurse unter dem restriktiven Kurs der Zentralbank bislang nicht gelitten.

Im Gegenteil: Die Fed erhöhte ihre Leitzinsen behutsam, die Konjunktur nahm keinen Schaden, schreibt beispielsweise auch die Commerzbank in einer Analyse. Gleichzeitig steigerten die US-Unternehmen ihre Gewinne kräftig, so die Bank. Folge: Der breite US-Aktienindex S&P 500 stieg seit dem Ende der Wertpapierkäufe durch die Fed um stolze 40 Prozent.

Entscheidend ist also offenbar weniger die Geldpolitik, sondern vielmehr die Entwicklung der Realwirtschaft. Das dürfte auch im Euroraum so sein, glauben die Analysten der Commerzbank - sofern die EZB ihren vorsichtigen Kurs beibehält und die Konjunktur nicht durch plötzlich steigende Zinsen abwürgt.

Nach Ansicht der Bank jedenfalls dürften die Unternehmen in Euroland ihre Gewinne in nächster Zeit weiter steigern. Die Folge wäre: Weiterhin steigende Aktienkurse an europäischen Börsen - trotz der geldpolitischen Zügelung der EZB.

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