EZB-Präsidentin Lagarde stellt weiter steigende Zinsen in Aussicht

EZB-Präsidentin Lagarde signalisiert weitere Zinserhöhungen. Im Kampf gegen die Inflation kalkuliert sie dabei ebenso wie Bundesbankpräsident Nagel einen möglichen Wirtschaftsabschwung ein.
"Wir gehen davon aus, dass wir die Zinsen weiter anheben": EZB-Präsidentin Christine Lagarde

"Wir gehen davon aus, dass wir die Zinsen weiter anheben": EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Foto: Hannes P Albert / dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird laut Präsidentin Christine Lagarde (66) auf ihrem Zinserhöhungskurs im Kampf gegen die hohe Inflation nicht nachlassen. Dabei müsse die EZB womöglich in Kauf nehmen, dass durch die Schritte die Wirtschaftsaktivität gedämpft werde, sagte sie am Freitag auf dem European Banking Congress in Frankfurt: "Wir gehen davon aus, dass wir die Zinsen weiter anheben – und die Konjunkturförderung zu entziehen ist womöglich nicht ausreichend."

Wie weit die EZB dabei gehen werde und mit welchem Tempo, werde durch den Inflationsausblick bestimmt. Die Notenbank werde dafür sorgen, dass sich die zu hohe Inflation nicht in den Inflationserwartungen festsetzt. Die nächste Zinssitzung der Währungshüter – zugleich die letzte in diesem Jahr – ist für den 15. Dezember geplant.

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel (56) drang während des gleichen Kongresses auf weitere Zinserhöhungen im Kampf gegen die nach wie vor extrem hohe Inflation. Mit drei großen Leitzinserhöhungen in Folge hätte die EZB wichtige Schritte auf dem Weg der geldpolitischen Normalisierung gemacht. "Aber wir können hier nicht stehen bleiben. Weitere entscheidende Schritte sind notwendig", forderte er.

"Die Inflation ist eine harte Nuss [...] Wenn wir sie knacken wollen, muss auch die Geldpolitik hart sein"

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel

Er hielte es für "falsch, aus Angst vor einem Abschwung mit weiteren entscheidenden Schritten zu warten", betonte Nagel. Die Geldpolitik dürfe nicht zu früh nachlassen. "Die Inflation ist eine harte Nuss, die es zu knacken gilt. Wenn wir sie knacken wollen, muss auch die Geldpolitik hart sein", sagte der Bundesbank-Präsident.

Die Inflation im Euro-Raum ist angefeuert durch den Preisschub bei Energie mittlerweile zweistellig. Im Oktober lag die Teuerung bei 10,6 Prozent – das höchste Niveau seit Gründung der Währungsunion 1999. "Wir gehen davon aus, dass wir die Zinsen weiter auf das Niveau anheben werden, das nötig ist, um sicherzustellen, dass die Inflation rechtzeitig zu unserem mittelfristigen Ziel von zwei Prozent zurückkehrt", sagte Lagarde. Die EZB hat im Kampf gegen den anhaltenden Inflationsschub innerhalb weniger Monate die Zinsen bereits dreimal erhöht. Im September und Oktober hatte die EZB die Schlüsselsätze sogar um jeweils besonders kräftige 0,75 Prozentpunkte nach oben gesetzt.

EZB lässt "neutralen Zins" im Dezember wohl hinter sich

Dadurch liegt der Einlagensatz, den Geldhäuser für das Parken überschüssiger Gelder von der Notenbank bekommen und der am Finanzmarkt als der wichtigste Zins gilt, inzwischen bei 1,5 Prozent. Noch im Juni hatte dieser bei minus 0,5 Prozent gelegen – was Strafzinsen für die Institute bedeutete. Mit einem Niveau von 1,5 Prozent liegt der Satz inzwischen bereits am Rand des sogenannten neutralen Zinses, der eine Volkswirtschaft weder bremst, noch anfeuert. Denn die meisten Schätzungen von Ökonomen für den neutralen Zins liegen zwischen 1,5 und 2,0 Prozent. Damit dürfte nach einer erwarteten Zinserhöhung im Dezember die geldpolitische Konjunkturförderung der EZB dann gestoppt sein.

Bondbestände der Zentralbank sollen sinken

Lagarde machte in ihrer Rede zudem klar, dass die EZB auch den Abbau ihrer durch die jahrelangen Kaufprogramme angeschwollenen Anleihen-Bestände in Angriff nehmen wird. Die Zentralbank müsse auch ihre anderen Instrumente anpassen und auf diese Weise die geldpolitischen Impulse durch die Zinspolitik verstärken. So sei es angemessen, die Notenbankbilanz maßvoll und in einer vorhersehbaren Weise zu normalisieren.

Im Dezember werde die EZB dazu wichtige Weichenstellungen beschließen, sagte Lagarde weiter. Die Euro-Notenbank hat zunächst die Bondbestände aus dem älteren Anleihen-Kaufprogramm APP im Blick, mit dem sie in den Jahren ab 2015 die Konjunktur und die Inflation anschieben wollte. Laut EZB-Vizechef Luis de Guindos (62) will die Notenbank im kommenden Jahr mit dem Abschmelzen beginnen. Mit den flexiblen Reinvestitionen beim Pandemie-Kaufprogramm PEPP will die EZB weiter fortfahren, wie Lagarde sagte. Für dieses Kaufprogramm stellt die EZB bislang in Aussicht, dass auslaufende Anleihen bis mindestens Ende 2024 wieder vollständig ersetzt werden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.