Dividenden und Aktienrückkäufe Der fragwürdige Milliardenregen der Ölkonzerne für ihre Aktionäre

ExxonMobil sorgt für Furore mit einem gigantischen Aktienrückkaufprogramm – ein Beispiel von vielen: Die Ölbranche schwimmt im Geld und denkt bei der Verwendung vor allem an die Aktionäre. Dabei gäbe es gerade für Ölfirmen besseres zu tun.
Ausblick unklar: Ölkonzerne agieren bei der Gewinnverwendung derzeit eher kurzsichtig

Ausblick unklar: Ölkonzerne agieren bei der Gewinnverwendung derzeit eher kurzsichtig

Foto: DAVID MCNEW / AFP

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Kurze Sicht oder lange Sicht? Shareholder oder Stakeholder? Wessen Interessen sollte ein Unternehmen bei wichtigen Entscheidungen stärker im Blick haben? Diese Grundsatzfrage stellt sich in der globalen Ölindustrie gerade besonders dringend: Nicht zuletzt seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und dem Ausbruch der Energiekrise in Europa verdient die Branche prächtig.

Die Ölpreise sind zwar in den vergangenen Monaten wieder gesunken. Auf Sicht von zwei Jahren liegen die Preise etwa für die Nordseesorte Brent oder für die US-Sorte WTI aber noch immer mit mehr als 50 Prozent im Plus. Für die Gaspreise gilt das Gleiche in noch stärkerem Maße. Konzernen wie ExxonMobil, Chevron, Shell oder BP beschert das unerwartete Milliardengewinne. Doch was tun mit dem vielen Geld?

Darren Woods hat seine Antwort darauf in dieser Woche gegeben. Der Chef des US-Ölriesen ExxonMobil verkündete ein gigantisches Aktienrückkaufprogramm. Das seit diesem Jahr laufende Programm werde bis zum Jahr 2024 verlängert und habe jetzt ein Volumen von bis zu 50 Milliarden US-Dollar (47,7 Milliarden Euro), teilte der US-Konzern anlässlich einer Investorenpräsentation mit. Ursprünglich hatte Exxon bis 2023 insgesamt 30 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe eingeplant. Da packte der Konzern somit noch einmal eine ordentliche Schippe drauf.

Schippe drauf gelegt: ExxonMobil-CEO Darren Woods steigerte das Aktienrückkaufprogramm seines Konzerns auf 50 Milliarden Dollar

Schippe drauf gelegt: ExxonMobil-CEO Darren Woods steigerte das Aktienrückkaufprogramm seines Konzerns auf 50 Milliarden Dollar

Foto: Brendan McDermid / REUTERS

Hintergrund sind die Rekordergebnisse des Konzerns: Exxons Gewinne im zweiten und dritten Quartal waren so hoch wie noch nie in der 152-jährigen Unternehmensgeschichte. So verdiente Exxon in den drei Monaten bis Ende September netto 19,7 Milliarden Dollar. Das war fast dreimal so viel wie ein Jahr zuvor.

Mit dem vielen Geld erfreut ExxonMobil-Chef Woods nun vor allem seine Aktionäre, also die Shareholder. Die Stakeholder des Unternehmens dagegen, also letztlich all jene, die sich für Exxon und dessen Aktivitäten interessieren oder davon betroffen sind, dürften die Entscheidung weniger begrüßen.

Kritik: Lieber Investitionen in zukunftsträchtige Felder

Exxon muss sich vielmehr Kritik gefallen lassen: In Zeiten von Krieg und Energiekrise und vor allem mitten im Kampf gegen den Klimawandel, so der Vorwurf, sollte ein Konzern, der sein Geld mit "schmutzigen" fossilen Energieträgern verdient, überschüssige Gewinne besser in zukunftsträchtige Felder investieren, also etwa in regenerative Energien und Ähnliches. Die Debatte über Sondersteuern auf Zusatzgewinne in der Ölindustrie reißt vor diesem Hintergrund nicht ab.

Die Impact-Investing-Plattform Inyova kritisiert die Ölindustrie ebenfalls und wirft den Unternehmen Greenwashing vor. Ein Beispiel sei der französische Konzern TotalEnergies, schreibt Inyova in einer aktuellen Mitteilung. Mit einer Werbekampagne versuche Total, sich ein "klimapositives" Image zu verpassen. Die Fakten zeigten jedoch, dass 70 Prozent der Investments von TotalEnergies immer noch in fossile Energie gingen. Zudem soll die Ölproduktion des Konzerns 2023 noch einmal ansteigen, so Inyova. In der Werbung würden zu TotalEnergies jedoch "nahezu ausschließlich grüne Technologien gezeigt und vage Pläne zur CO2-Reduzierung des Geschäftes vermittelt".

Stakeholder: US-Präsident Joe Biden kritisiert die Ausschüttungen der Ölkonzerne

Stakeholder: US-Präsident Joe Biden kritisiert die Ausschüttungen der Ölkonzerne

Foto: IMAGO/BONNIE CASH / IMAGO/UPI Photo

Auch US-Präsident Joe Biden (80) sagte jüngst in Richtung der Konzerne, sie sollten ihre Gewinne nicht nutzen, um Aktien zurückzukaufen oder Dividenden auszuschütten, während anderswo ein Krieg wütet. Stattdessen sollten die Öl-Unternehmen das Geld lieber in die Produktion stecken, so Biden.

Exxon geht offenbar den entgegengesetzten Weg: Der Konzern bestätigte lediglich seine Investitionspläne für die Jahre bis 2027. Pro Jahr sollen demnach zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar investiert werden. Für das kommende Jahr sollen es zwischen 23 und 25 Milliarden sein. Vor der Corona-Pandemie hatte Exxon mehr als 30 Milliarden US-Dollar pro Jahr investiert.

Dividendenzahlungen weltweit auf Rekordhoch

Mit dieser Marschrichtung ist Exxon nicht allein. Vielmehr denkt auch die Konkurrenz bei der Mittelverwendung derzeit in erster Linie an das wohl der Investoren. So ist die globale Ölindustrie wesentlich verantwortlich dafür, dass die Dividendenzahlungen rund um den Globus in diesem Jahr neue Rekordhöhen erreichen . Allein im dritten Quartal 2022 stiegen die Gewinnausschüttungen der börsennotierten Unternehmen weltweit um 7 Prozent auf insgesamt 415,9 Milliarden Dollar, wie das Investmenthaus Janus Henderson kürzlich analysierte. Das ist ein langjähriger Rekordwert für ein drittes Quartal. Haupttreiber für das starke Plus waren nach Angaben des Unternehmens die Ölkonzerne, die ihre Zusatzgewinne an die Investoren auskehrten.

Und auch bei Aktienrückkäufen ist Exxon kein Einzelfall. Der britische Konkurrent BP beispielsweise schwimmt ebenfalls im Geld – und lässt vor allem seine Aktionäre daran teilhaben. BP hatte seinen Gewinn bereits im zweiten Quartal dieses Jahres verdreifacht und meldete kürzlich einen weiteren Gewinnsprung: Von Juli bis September verdoppelte der Konzern sein Nettoergebnis auf mehr als acht Milliarden Dollar.

Folge: Konzernchef Bernard Looney (52) kündigte an, die Quartalsdividende um 10 Prozent anzuheben und das Aktienrückkaufprogramm um 2,5 Milliarden Dollar auszuweiten. Damit summiert sich der Aktienrückkauf für das laufende Jahr auf insgesamt 8,5 Milliarden Dollar. Das entspricht im bisherigen Jahresverlauf 60 Prozent des überschüssigen Barmittelzuflusses von BP.

Aktienrückkäufe zur Kurspflege

Zuvor hatte bereits Shell vorgelegt: Der britische Konzern verdiente im dritten Quartal 6,7 Milliarden Dollar nach 18 Milliarden Dollar im zweiten Quartal. Gegenüber dem Vorjahr hat der Ölriese seine Gewinne damit mehr als verdoppelt. Damals hatte Shell noch rote Zahlen geschrieben.

Konzernchef Ben van Beurden (64) kündigte daraufhin ein Aktienrückkaufprogramm über die kommenden drei Monate im Volumen von vier Milliarden Dollar an. Zudem will der Shell-CEO seine Aktionäre an den Milliardengewinnen beteiligen: Van Beurden stellte eine Erhöhung der Dividende im vierten Quartal um 15 Prozent in Aussicht.

Neben dem Wohl der Anteilseigner dürften die Öl-Bosse dabei stets auch die Pflege des Aktienkurses im Blick haben. Ohnehin gehören Papiere von ExxonMobil, Shell, BP, Chevron und anderen Ölfirmen angesichts der florierenden Geschäfte an der Börse seit Monaten zu den Top-Performern. Aktienrückkäufe helfen dabei mit, denn sie haben stets den Zusatzeffekt der Kurskosmetik.

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