Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Europa hinkt den USA hinterher - zu Lasten der Börse

Die stockende Regierungsbildung in Deutschland untermauert das schwächelnde Europa - zum Glück haben wir Macron.
Von Carsten Mumm
Arbeiter in Frankfurt: US-Unternehmen hängen europäische derzeit in Sachen Innovation ab.

Arbeiter in Frankfurt: US-Unternehmen hängen europäische derzeit in Sachen Innovation ab.

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Carsten Mumm
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Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Uns Europäern ist klar: Es müssten dringend notwendige Themen angegangen werden, zum Beispiel die Reform der Europäischen Union oder Investitionen in Digitalisierung, Bildung, IT und Infrastruktur. Dazu wird es jedoch kurzfristig nicht kommen, denn Berlin ist nicht beschlussfähig. Deutschland überlässt das Denk- und Aktionsfeld vorerst anderen, zum Beispiel dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Über seine Visionen für das zukünftige Europa kann man unterschiedlicher Meinung sein, immerhin denkt aber überhaupt jemand einmal daran. Ohne die Unterstützung einer starken deutschen Bundesregierung werden jedoch auch diese Ansätze wohl im Sande verlaufen.

Langfristig ist das schlecht, kurzfristig lassen sich die Börsen offensichtlich aber nicht beeindrucken. Die guten Unternehmensergebnisse und die robuste Konjunktur lassen die Kurse weiter steigen.

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Zukunft der Eurozone - In der Digitalisierung besteht noch Luft nach oben

Im Vergleich mit den USA fällt auf, dass die wirklich großen Entwicklungssprünge der Unternehmen und die offensichtlichen und bahnbrechenden Innovationsschübe noch nicht auf dem europäischen Kontinent zu beobachten sind. So sind bisher insbesondere in der IT-Branche die US-amerikanischen Unternehmen ihren europäischen Konkurrenten hinsichtlich Umsatz- und Gewinnzahlen davongeeilt. Diese digitale Vormachtstellung zeigt sich in der Herausbildung von fast monopolhaften Weltkonzernen, wie Apple , Facebook , Amazon  oder insbesondere auch Alphabet  (Google ), die gemessen an der Marktkapitalisierung allesamt zu den größten sechs Unternehmen der Welt gehören. An Platz 5 dieser Rangliste liegt seit kurzem übrigens Tencent , das chinesische Pendant zu Facebook.

In Europa dagegen konnten sich Technologiefirmen bisher kaum gegen die amerikanische Konkurrenz behaupten. Europäische Konglomerate wie Airbus haben bisweilen sogar Nachteile durch die verschiedenen Mentalitäten ihrer Anteilseigner. Auch strengere Regulierungen und eine fehlende Subventionskultur können als zentrale Gründe dafür genannt werden, dass auf europäischer Ebene bisher das klare industriepolitische Bekenntnis zu einer Schaffung von europäischen Großkonzernen fehlte. Die nationalen Unternehmen konnten besonders im Technologiebereich auch aufgrund der im Vergleich zu den USA oder China kleineren Absatzmärkte keine bedeutenden Global Player hervorbringen.

Eurozone - Der ökonomische Schulterschluss fehlt

Die Notwendigkeit einer stärkeren ökonomischen Integration innerhalb der Eurozone wird deutlich. Durch den Abbau von Regulierungshürden und eine Förderinitiative auf zentraler europäischer Ebene könnte eine Cluster-Bildung ermöglicht werden, wie zum Beispiel im Silicon Valley, um so sprachliche, kulturelle und ökonomische Barrieren aufzuheben. Ein enges deutsch-französisches Regierungs-Tandem könnte das Fundament einer digitalen Identität Europas sein. Durch staatliche Investitionen in IT-Infrastruktur und die Etablierung digitaler Standards in Behörden ließe sich ein privater Investitionsschub auslösen.

Auch die stark regionale Zersplitterung im Finanzdienstleistungssektor könnte durch Fusionen mit der Perspektive auf gemeinsame Großbanken ein stärkeres Gegengewicht zu den dominierenden Unternehmen in den USA bilden. Zudem würde die Robustheit bei Finanzkrisen zu deutlich mehr Stabilität führen. Eine subventionierte Grundlagenforschung auf europäischer Ebene, unterstützt durch einen größeren EU-Haushalt wäre ein probates Mittel, um zukünftig wieder in Zukunftstechnologien konkurrenzfähig zu werden. Die Jahre 2018 und 2019, die ein weiter positives konjunkturelles Umfeld für Europa versprechen, sollten daher als entscheidender Zeitpunkt gesehen werden, wieder international aufzuschließen - zumal auch die Finanzierungsbedingungen derzeit so günstig wie noch nie sind.

Trotz florierender Makrozahlen - die Gewinnentwicklung im Dax bleibt verhalten

Entsprechend der derzeit guten ökonomischen Lage, stiegen die Aktienkurse in Europa seit Jahresanfang an. Der deutsche Leitindex Dax (Kurswerte anzeigen) markierte in diesem Zuge ein neues Allzeithoch bei 13.526 Punkten. Der Anstieg in 2017 lag damit in der Spitze bei 17,8 Prozent. Seitdem befinden sich die europäischen Aktienmärkte jedoch in einer Konsolidierungsphase. Gewinnmitnahmen nach dem starken Anstieg der letzten Wochen wurden als Hauptargument genannt. Ein weiteres war die laufende Berichtssaison sein. So sind die Gewinne im Dax verglichen mit dem Vorquartal im Schnitt um 5,5 Prozent gesunken.

Zum Vergleich: Im S&P 500, dem breiten US-amerikanischen Standardaktienindex, sind die Gewinne im gleichen Zeitraum um fast 7 Prozent gestiegen. Einen Teil dieser Divergenz wurde durch den Anstieg des Euro verursacht. Dieser bewegte sich seit Jahresanfang gegenüber dem US-Dollar um über 10 Prozent aufwärts und belastet damit insbesondere die Exportnation Deutschland. Der Dax hat jedoch derzeit auch strukturelle Nachteile, beispielsweise die mit ca. 12 Prozent relativ hohe Gewichtung der Autobauer. Deren Gewinne blieben im dritten Quartal unverändert. Ein Sektor, der die Gewinne im Dax drückte, waren die Banken und Versicherungen, die weiterhin ihre Probleme mit dem niedrigen Zinsumfeld haben. Stark belastet wurde auch das Ergebnis der Münchener Rückversicherung durch die Sonderbelastung der Hurrikans in den USA.

Insgesamt war es angesichts der guten Konjunkturlage somit eine eher durchwachsene Berichtssaison für den Dax. Die Gewinnentwicklung bei den Banken sollte sich in den kommenden Monaten mit langsam steigenden Zinsen sukzessive verbessern und somit den Dax unterstützen. Wie lange die Autobauer unter den Veränderungen der Automobilindustrie leiden werden, bleibt dagegen ungewiss. Normale Investitionszyklen laufen 5 bis 10 Jahre, für die Vormachtstellung in der E-Mobilität hätte man hier schon zur Jahrtausendwende starten müssen, nun muss dieses Thema eben mit höchster Priorität nach vorne gebracht werden.

Gibt es noch eine Jahresendrallye?

Auch in diesem Jahr ist ein Schlussspurt bei deutschen Aktien nicht ausgeschlossen, obwohl der Dax kurzfristig angeschlagen ist. Aus markttechnischer Sicht ist die Marke von 13.000 Punkten sehr entscheidend für die weiteren Wochen. Schafft es der Index, sich nachhaltig darüber zu etablieren, könnten die Jahreshöchststände noch einmal getestet werden. Ein Unterschreiten dieser Marke dürfte die Chancen bis zum Jahresende dagegen eintrüben.

Die anhaltend gute konjunkturelle Situation und die aufgrund der "noch" ultra-expansiven Geldpolitik fehlenden verzinslichen Alternativen, dürften die Aktienkurse auch im nächsten Jahr zunächst einmal weiter stützen. Der Dax ist mit einem KGV von ca. 14 für 2018 nicht teuer und bietet eine attraktive Dividendenrendite von immer noch gut 2,5 Prozent. Von wenigen Störfeuern abgesehen, befänden wir uns damit im zehnten Jahr des Börsenaufschwungs - hierfür sollte den großen Notenbankern ein dickes Weihnachtsgeschenk der Anleger sicher sein.

Blickt man weiter nach vorn, wird in den kommenden Jahren entscheidend sein, ob es der europäischen Politik gelingt, das Heft des Handelns wieder in die Hand zu bekommen und die richtigen Akzente zu setzen - womit wir wieder bei der noch ausstehenden Regierungsbildung in Deutschland wären. Die kommenden Wochen bringen diesbezüglich hoffentlich schnelle Klarheit…

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