Freitag, 22. November 2019

EZB dürfte Zinsen erneut senken - Debatte um Strafzinsen Draghis Finale - Aktionäre frohlocken, Sparer zittern

Cheap money Mario: EZB-Chef Draghi dürfte am Donnerstag die Zinsen erneut senken

Der Dax Börsen-Chart zeigen hat vor der Zinsentscheidung der EZB bereits deutlich zugelegt. Doch im Gegensatz zu Aktionären blicken konservative deutsche Sparer dem morgigen EZB-Spitzentreffen mit Sorge entgegen. Wenn EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag vor die Presse tritt, schauen nicht nur die Banken nach Frankfurt, auch für die Sparer kann die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) bedeutsam sein. Verkündet der EZB-Präsident eine weitere Absenkung des Einlagezinses für Banken, drohen künftig womöglich auch Privatkunden Strafzinsen (Minuszinsen) auf ihr Erspartes. Ob die Zinssenkung der angestrebten Konjunkturbelebung dient, ist jedoch umstritten.

Es wird erwartet, dass die EZB vor dem Hintergrund der Inflation von zuletzt einem Prozent in der Eurozone an ihrer expansiven Geldpolitik der vergangenen Jahre festhält und den Einlagezins für Banken von zur Zeit minus 0,4 Prozent weiter absenkt. Für Banken wird es dann noch teurer, Geld bei der EZB einzulagern. Das soll sie animieren, das Geld für die Kreditvergabe an Unternehmen und Privatkunden auszugeben, um so letztlich die Wirtschaft zu beflügeln.

Es gibt aber Befürchtungen, dass Banken diesen "Strafzins" auf ihre Einlagen bei der Zentralbank früher oder später an ihre eigenen Kunden weitergeben könnten, um Verlustgeschäften vorzubeugen, die sie nicht an anderer Stelle ausgleichen können. Auch mehr Verbraucher als bislang müssten dann womöglich Strafzinsen zahlen - derzeit trifft dies erst vereinzelt Vermögende mit mindestens 100.000 Euro auf einem Konto.

Sparguthaben von mehr als 100.000 Euro von Strafzins bedroht

Bisher seien zwar "die allermeisten Banken davor zurückgeschreckt", sagte am Mittwoch der Leiter der Finanzsparte des Vergleichsportals Verivox, Oliver Maier. "Doch diese Bastion könnte fallen, wenn die Zinsen weiter sinken."

Der Präsident des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes, Michael Breuer, kritisierte im "Kölner Stadt-Anzeiger": "Die breite Masse der Kleinsparer erhält keine Zinsen mehr auf das Ersparte oder die Altersvorsorge." Breuer sprach von einer "paradoxen Zinslandschaft", die EZB-Politik sei "eine breite Umverteilung von Vermögen von unten nach oben".

Der Zins für Einlagen bei der Zentralbank ist seit 2014 negativ. Der EZB-Rat könnte den Banken am Donnerstag gleichzeitig mit Erleichterungen entgegen kommen - und beispielsweise die Zinssätze staffeln oder Freibeträge einführen.

Debatte über mögliche neue Anleihekäufe

Uneins sind Finanzexperten dagegen über mögliche neue Anleihekäufe, gegen die es zuletzt auch Bedenken aus Reihen der EZB gegeben hatte. Ob am Ende neue Staats- oder sogar Unternehmensanleihen gekauft werden, ist fraglich.

So oder so: Draghi setzt weiter auf monetäre Anreize. Anfang Juni hatte er angekündigt, dass die EZB auch den Leitzins nicht vor Mitte 2020 erhöhen werde. Die Zentralbank hatte den zentralen Zinssatz im März 2016 auf 0,0 Prozent gesenkt, um mit günstigem Kapital Konjunktur und Inflation anzukurbeln.

Die EZB strebt eine Inflation von knapp unter zwei Prozent an und sieht damit weitgehende Preisstabilität in einer gesunden Wirtschaft gegeben. Die geringe Inflation erhöht den Druck auf die Notenbank zu stärkeren konjunkturstimulierenden Maßnahmen.

Machtlose Notenbank: Warum das billige Geld der EZB nicht mehr hilft

Auch Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde will wohl an diesem Kurs festhalten, wenn sie im November an die Spitze der EZB rückt: Ende August betonte sie, dass die Geldpolitik in der nahen Zukunft "entgegenkommend" bleiben müsse.

Erwartet wird am Donnerstag ein ganzes Bündel an Schritten zur Stützung der Konjunktur. Für Draghi ist es bereits das vorletzte Zinstreffen. Ende Oktober endet seine achtjährige Amtszeit, dann übergibt er die Führung der Europäischen Zentralbank an die Französin Christine Lagarde.

Letztmalig hatte die EZB im Jahr 2011 ihre Schlüsselzinsen angehoben.

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