Draghi nennt Euro-Rally "Quelle der Unsicherheit" Euro springt über 1,20 Dollar - Draghi spielt auf Zeit

Kurssprung: Der Euro legte nach der EZB-Entscheidung zeitweise mehr als 1 Prozent zum Dollar zu und kletterte über die Marke von 1,20 Dollar

Kurssprung: Der Euro legte nach der EZB-Entscheidung zeitweise mehr als 1 Prozent zum Dollar zu und kletterte über die Marke von 1,20 Dollar

Foto: DADO RUVIC/ REUTERS

Kurz nach der Entscheidung der EZB, die Zinsen im Euro-Raum unverändert zu lassen, hat der Euro gegenüber dem Dollar kräftig zugelegt und ist über die Grenze von 1,20 US-Dollar gesprungen. Damit notiert die Gemeinschaftswährung auf dem höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren.

Bei der Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte die EZB die Zinsen unverändert gelassen und sich außerdem offen gehalten, ob sie im Jahr 2018 das Volumen der Anleihekäufe erhöhen oder gegebenenfalls auch drosseln wird.

Die Notenbank kauft derzeit monatlich Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro. Geplant ist, dass die Käufe mindestens bis Ende des Jahres weitergehen. Entscheidend wird jedoch sein, wie sie Draghi zum Ausmaß der Anleihekäufe im kommenden Jahr 2018 äußern wird.

EZB hebt Konjunkturausblick für Euroraum auf 2,2 Prozent an

Ein wichtiger Faktor für die Beschleunigung der Euro-Aufwertung war auch die Anhebung der Konjunkturprognose durch die EZB. Die Europäische Zentralbank zeigt sich jetzt optimistischer für die Konjunktur im Euroraum als vor drei Monaten: Für das laufende Jahr erwartet die Notenbank nun einen Zuwachs von 2,2 (Juni-Prognose: 1,9) Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP), wie Draghi am Donnerstag in Frankfurt darlegte. 2018 soll die Wirtschaft im Währungsraum der 19 Länder demnach um 1,8 (1,8) Prozent zulegen, für 2019 erwarten die Währungshüter unverändert 1,7 Prozent Wachstum.

Draghi nennt Euro-Rally "Quelle der Unsicherheit"

Die jüngste Aufwertung des Euro macht der Europäischen Zentralbank gleichwohl Sorgen. "Die aktuelle Wechselkursvolatilität stellt eine Unsicherheitsquelle dar, die eine genaue Beobachtung erfordert", sagte Draghi.

Seit Jahresanfang hat der Euro vor allem gegenüber dem US-Dollar kräftig aufgewertet . In der vergangenen Woche kletterte die europäische Gemeinschaftswährung erstmals seit gut zweieinhalb Jahren über die Marke von 1,20 Dollar. Experten begründen das damit, das die Wirtschaft im Euroraum robust wächst, während es in den USA nicht mehr so rund läuft. Dort wurden Hoffnungen auf Steuersenkungen und staatliche Ausgabenprogramme von der Trump-Regierung bisher nicht erfüllt.

Anleihekäufe: EZB spielt wegen Euro-Aufwertung auf Zeit

EZB spielt wegen Euro-Aufwertung auf Zeit

Die Europäische Zentralbank (EZB) wagt wegen der kräftigen Aufwertung des Euro noch keine Weichenstellung in Richtung eines weniger expansiven Kurses. Die Währungshüter ließen am Donnerstag auf ihrer Zinssitzung in Frankfurt die Tür offen, notfalls die besonders in Deutschland umstrittenen Anleihenkäufe erneut auszuweiten. Sie sind momentan das schärfste Schwert der Euro-Wächter.

"Die jüngsten Schwankungen beim Wechselkurs sind eine Quelle der Unsicherheit", sagte Draghi. "Der Wechselkurs ist wichtig für das Wachstum und die Inflation." Die Notenbank müsse die Bewegungen im Blick halten und den Einfluss auf die Preisstabilität beobachten.

Der Euro hat seit Jahresstart um mehr als 14 Prozent zugelegt. Dadurch verteuern sich Produkte aus dem Währungsraum auf dem Weltmarkt. Zudem verbilligen sich Importwaren, was die Inflationsentwicklung bremsen könnte. Für die EZB würde es so noch schwerer, ihr Ziel von knapp zwei Prozent Teuerung zu erreichen. Im August lag die Inflation nur bei 1,5 Prozent.

"Ein sehr substanzielles Ausmaß an geldpolitischer Unterstützung ist weiterhin nötig", bekräftigte Draghi. Die EZB will im Herbst ihre Instrumente auf den Prüfstand stellen. "Wahrscheinlich wird der Großteil der Entscheidungen im Oktober getroffen", kündigte Draghi an. Die EZB könne diese aber auch noch verschieben, sollte sie noch nicht so weit sein. Die Fachleute der Notenbank sollten zunächst Vorschläge für mögliche Optionen machen. Auf der jetzigen Ratssitzung sei bereits über die Dauer der Anleihenkäufe und den monatlichen Umfang gesprochen worden. Die Debatte sei aber noch in einem sehr frühen Stadium.

Nächste Zinssitzung Ende Oktober

Die Käufe im Umfang von aktuell 60 Milliarden Euro pro Monat laufen zum Jahresende aus. Dann werden sie ein Volumen von 2,28 Billionen Euro erreicht haben. Da die Wirtschaftserholung im Euro-Raum immer mehr um sich greift, gehen die meisten Experten davon aus, dass die Notenbank beschließen wird, die Transaktionen ab Januar herunterzufahren. Die nächsten Zinssitzungen sind am 26. Oktober und dann am 14. Dezember.

Den Leitsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld beließen die Währungshüter erwartungsgemäß auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Auf diesem Niveau liegt er bereits seit März 2016. Der sogenannte Einlagensatz steht weiterhin bei minus 0,4 Prozent. Banken müssen also Strafzinsen zahlen, wenn sie über Nacht Geld bei der Notenbank parken.

Das Erstarken des Euro verteuert Produkte europäischer Firmen auf den Weltmärkten tendenziell. Das könnte in der Folge die Exporte aus dem Euroraum und damit das hiesige Wirtschaftswachstum dämpfen. Zugleich werden Einfuhren aus anderen Währungsräumen günstiger, was die Inflation drückt. Damit wird es für die EZB wieder schwieriger, ihr mittelfristiges Ziel einer Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent zu erreichen.

Inflations-Prognose bleibt unverändert bei 1,5 Prozent

Bezüglich der Entwicklung der Verbraucherpreise ließ die EZB ihre Prognosen weitgehend unverändert. Für das laufende Jahr rechnet die Notenbank weiterhin mit einer Inflationsrate von 1,5 Prozent. Für 2018 wird eine Teuerung von 1,2 (Juni-Prognose: 1,3) Prozent veranschlagt, 2019 rechnen die Währungshüter mit 1,5 (1,6) Prozent Inflation. Grund für die leicht zurückgenommenen Prognosen für die kommenden Jahre seien die jüngsten Wechselkursschwankungen des Euro.

Mittelfristig strebt die Notenbank eine jährliche Inflationsrate von knapp unter 2,0 Prozent an - weit genug entfernt von der Nullmarke. Denn dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen aufschieben, in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird

Umfang der Wertpapierkäufe könnte 2018 sinken

"Auf der Pressekonferenz könnte Draghi erstmals explizit darauf hinweisen, dass das monatliche Volumen der Wertpapierkäufe ab Januar nächsten Jahres flexibel und in Einklang mit den Inflationsaussichten angepasst wird", erwarten die Experten der Dekabank. Eine solche Aussage sollte jedoch mit einigen beruhigenden Aussagen kombiniert werden und die Notwendigkeit eines wachstumsfreundlichen Umfelds betonen. Zudem könnte die EZB die Möglichkeit erwähnen, bei Bedarf die Käufe wieder auszuweiten.

Viele Argumente für Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik

Es gibt einige Argumente für einen Ausstieg aus der sehr lockeren Geldpolitik. So deuten viele Indikatoren auf eine Fortsetzung der robusten wirtschaftlichen Erholung im Euroraum hin. Auch der starke Euro hat die Frühindikatoren bisher noch nicht belastet. Auf der anderen Seite liegt die Inflationsrate immer noch merklich unter dem Inflationsziel der EZB von knapp zwei Prozent. So lag die Inflationsrate im August bei 1,5 Prozent. Mit einem deutlichen Anstieg der Rate in den kommenden Monaten rechnet kaum jemand.

Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hat die EZB gar keine Alternative zu einem Ausstieg aus den Anleihekäufen im kommenden Jahr. "Dieser Ausstieg ist mehr oder weniger erzwungen", kommentierte Krämer.

So habe die EZB versprochen lediglich ein Drittel der Anleihen einzelner Staaten zu kaufen.

Der Europäische Gerichtshof und das Bundesverfassungsgericht haben die Anleihekäufe nur unter diesem Vorbehalt genehmigt. Die Grenze könnte laut Krämer schon im Frühjahr bei Anleihen einiger Staaten erreicht sein, falls die EZB nicht vorher ihre Käufe reduziert.

Sollte die EZB die weitere Euro-Aufwertung bremsen wollen, müsste sie bis auf weiteres an der lockeren Geldpolitik festhalten und die Geldschleusen auch im kommenden Jahr weit geöffnet halten - darauf spekulieren einige Dax-Anleger, die am Mittwoch und Donnerstag wieder in den Markt einstiegen.

la/dpa/reuters
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