Notfallhilfen EZB drosselt Tempo bei Anleihekäufen

Europas Währungshüter verringern im vierten Quartal das Tempo ihrer milliardenschweren Anleihenkäufe. Beendet ist das Notkaufprogramm damit nicht. Analysten sprechen von einem Trippelschritt. Auch die Zinsen bleiben auf Rekordtief.
Christine Lagarde: Die hochschnellenden Inflationsraten werden aus Sicht der EZB-Chefin ein vorübergehendes Phänomen bleiben - nach einem Preisauftrieb im Herbst würde die Inflation 2022 wieder fallen

Christine Lagarde: Die hochschnellenden Inflationsraten werden aus Sicht der EZB-Chefin ein vorübergehendes Phänomen bleiben - nach einem Preisauftrieb im Herbst würde die Inflation 2022 wieder fallen

Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht angesichts der gut laufenden Konjunktur bei ihren milliardenschweren Anleihenkäufe leicht vom Gas. Im vierten Quartal 2021 will sie den Erwerb von Staats- und Unternehmenspapieren im Zuge des Corona-Notkaufprogramms Pepp "moderat" drosseln. Das entschied der EZB-Rat bei seiner Sitzung am Donnerstag, teilte die Notenbank in Frankfurt mit. Zuletzt steckte die EZB über das Pepp monatlich etwa 80 Milliarden Euro in Wertpapiere.

Ein Ende des Zinstiefs im Euroraum ist nicht in Sicht: Den Leitzins im Euroraum hält die EZB weiterhin auf dem Rekordtief von null Prozent. Geschäftsbanken müssen nach wie vor 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. Die Laufzeit des in der Pandemie aufgelegten Notkaufprogramms mit einem Volumen von 1,85 Billionen Euro bis mindestens Ende März 2022 bestätigten die Währungshüter.

Ökonomen äußerten sich in ersten Reaktionen positiv. "Es ist gut, dass sich der EZB-Rat bewegt und einen allerersten Trippelschritt auf dem langen Weg zu einem Ende der Anleihekäufe unternimmt," sagte Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW. "Ein einfaches 'Weiter so' würde der Reputation der EZB schaden." Bastian Hepperle vom Bankhaus Lampe merkte an, die EZB werde "weniger peppig". Ein Ende der Käufe sei aber noch nicht in Sicht. Frühestens auf der Oktober-Sitzung werde der EZB-Rat entscheiden, ob das Pepp verlängert beziehungsweise aufgestockt oder in anderen Kaufprogrammen aufgehen werde.

Die Anleihenkäufe der EZB helfen Staaten wie Unternehmen: Diese müssen für ihre Wertpapiere nicht so hohe Zinsen bieten, wenn eine Zentralbank als großer Käufer am Markt auftritt. Das ist besonders für Staaten wichtig, die zur Abfederung der Folgen der Corona-Krise milliardenschwere Hilfsprogramme aufgelegt haben.

Wirtschaft im Euroraum steuert offenbar auf Erholungskurs

Die Wirtschaft entwickele sich im laufenden Jahr besser als erwartet, hatte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos (61) in einem Anfang September veröffentlichten Interview gesagt: "Wenn sich die Inflation und die Wirtschaft erholen, wird es logischerweise zu einer schrittweisen Normalisierung der Geldpolitik und auch der Finanzpolitik kommen."

EZB-Chefin Christine Lagarde (65) äußerte sich am Nachmittag zur Konjunktur im EZB-Raum. Volkswirte der Zentralbank erwarten demnach ein Wirtschaftswachstum von 5,0 Prozent (bisher 4,6) im laufenden Jahr. Im kommenden Jahr könnten es 4,6 Prozent sein und 2023 dann rund 2,1 Prozent. Die Inflation sehen die Währungshüter im laufenden Jahr im Schnitt bei 2,1 Prozent, die Erwartungen der EZB lagen hier bislang bei 1,9 Prozent.

Die Notenbankchefs von Österreich, den Niederlanden sowie Bundesbankpräsident Jens Weidmann (53) hatten angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs und der anziehenden Inflation im Vorfeld der EZB-Entscheidung gefordert, über geringere Anleihenkäufe nachzudenken. Kritiker werfen der EZB vor, mit dem vielen billigen Geld die Inflation anzuheizen, die sie eigentlich im Zaum halten will.

Oberstes Ziel der Notenbank sind stabile Preise. Beim Umgang mit höheren Teuerungsraten hat sich die EZB inzwischen allerdings mehr Flexibilität verschafft: Die Notenbank strebt neuerdings für den Währungsraum eine jährliche Teuerungsrate von zwei Prozent an und ist zumindest zeitweise bereit, eine moderates Über- oder Unterschreiten dieser Marke zu akzeptieren.

Im August 2021 lagen die Verbraucherpreise im Euroraum um 3,0 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Damit kletterte die Inflation im Euroraum auf den höchsten Stand seit fast zehn Jahren. Die Zinsen will die EZB erst wieder anheben, wenn sie ihr Inflationsziel nachhaltig erreicht sieht. Aus Sicht der EZB ist der Anstieg der Verbraucherpreise vorübergehend und auf Sonderfaktoren infolge der Corona-Krise zurückzuführen.

rei/DPA/Reuters