Leitzins bleibt bei null Prozent Draghi bleibt locker, Euro steigt auf 1,25 Dollar

EZB-Präsident Mario Draghi hat den Leitzins im Euroraum unverändert gelassen. Der Euro steigt über 1,25 US-Dollar: Mit Donald Trump und Steve Mnuchin hat Draghi einflussreiche Gegenspieler, die von einem schwachen Dollar profitieren. Draghi belässt es jedoch bei leiser Kritik.
EZB-Chef Mario Draghi: Mit US-Finanzminister Steven Mnuchin und Präsident Donald Trump, die beide einen schwachen Dollar wünschen, hat Draghi mächtige Gegenspieler

EZB-Chef Mario Draghi: Mit US-Finanzminister Steven Mnuchin und Präsident Donald Trump, die beide einen schwachen Dollar wünschen, hat Draghi mächtige Gegenspieler

Foto: Arne Dedert/ dpa

Draghi bleibt gelassen, doch der Euro geht steil: Die jüngste Aufwertung des Euro (Kurswerte anzeigen) bereitet Europas Währungshütern zwar Sorge. "Die derzeitige Wechselkursvolatilität stellt eine Unsicherheitsquelle dar, die eine genaue Beobachtung erfordert", sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, am Donnerstag in Frankfurt. Damit hielt sich der EZB-Chef an die unter Notenbankern vereinbarten Redeformeln. Bereits im Dezember hatte sich Draghi ähnlich geäußert, und seine Gelassenheit zeigte Wirkung.

Der Euro ist derzeit so stark wie seit gut drei Jahren nicht mehr - und legte während der Rede Draghis weiter zu. Zuletzt erreichte der Euro die Marke von 1,251 US-Dollar und notiert damit auf dem höchsten Niveau seit mehr als drei Jahren.

An den europäischen Börsen kam das nicht gut an: Der EuroStoxx 50 (Kurswerte anzeigen) und der deutsche Leitindex Dax (Kurswerte anzeigen) fielen daraufhin zurück in die Verlustzone, der Dax gab zeitweise um 200 Punkte nach.

Grund für die Euro-Aufwertung ist auch die Zurückhaltung Draghis. Er äußerte zwar wie gewohnt die "Sorge" der EZB über die rasante Aufwertung des Euro. Zu einer verbalen Intervention, wie sie tags zuvor US-Finanzminister Steve Mnuchin vorgeführt hatte, ließ sich Draghi jedoch nicht hinreißen.

Auch an ihrer Wortwahl zur künftigen Geldpolitik änderte die EZB am Donnerstag nichts. Sie teilte abermals mit, sie werde ihr auf 2,3 Billionen Euro angewachsenes Wertpapierkaufprogramm noch bis mindestens September fortsetzen. Im Oktober hatten Europas Währungshüter ihre milliardenschweren Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen um neun Monate bis mindestens Ende September 2018 verlängert, dabei jedoch das monatliche Volumen von Januar an auf 30 Milliarden Euro halbiert.

Dollar hat seit Trumps Amtsantritt um fast 20 Prozent abgewertet

Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump vor gut einem Jahr hat der Euro im Verhältnis zum US-Dollar fast ein Fünftel an Wert gewonnen und erreichte am Donnerstag einen neuen Höchststand seit Ende 2014. Neben der starken Euro-Wirtschaft und einem absehbaren Ende der extrem lockeren Geldpolitik der EZB war für den Euro-Höhenflug zuletzt vor allem eine Dollar-Schwäche verantwortlich. Experten begründen diese unter anderem mit Furcht vor Handelskonflikten.

Draghi kritisiert verbales Foulspiel von Mnuchin und Ross

Bei aller Zurückhaltung war von Draghi jedoch auch leise Kritik an den USA herauszuhören. Die rasante Abwertung des Dollar geht nach Ansicht von Draghi auch auf verbales Foulspiel der US-Regierung zurück. Der Anstieg des Euro sei auch auf Bemerkungen zurückzuführen, die im Widerspruch zu der Vereinbarung stünden, Währungen hoch- oder herunterzureden, sagte Draghi. Damit spielte der EZB-Chef auf die Aussage von US-Finanzminister Steve Mnuchin an, der gesagt hatte, ein schwacher Dollar sei gut für den US-Handel. Handelsminister Wilbur Ross assistierte: In einem globalen Handelskrieg würden US-Truppen nun in Stellung gehen.

Ohne Mnuchin oder Ross namentlich zu erwähnen, sagte Draghi, dies sei ein Sprachgebrauch, der nicht mit den vereinbarten Spielregeln übereinstimme.

Die Wirtschaft im Euro-Raum bleibt unterdessen im Aufwind, so Draghi. Der Italiener sprach von einem "robusten Tempo der wirtschaftlichen Expansion". Die Belebung könne stärker ausfallen als bislang angenommen. Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2017 habe sich das Wirtschaftswachstum stärker als erwartet beschleunigt. Allerdings blieben auch Risiken, darunter die jüngsten Entwicklungen am Devisenmarkt.

EZB hält an Nullzinspolitik fest

Die Europäische Zentralbank (EZB) hält trotz zunehmender Forderungen nach einem Ende der Geldschwemme unverändert Kurs. Die Währungshüter beließen den Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von null Prozent, wie die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt im Anschluss an die erste Zinssitzung des EZB-Rates in diesem Jahr mitteilte. Geschäftsbanken, die Geld bei der Notenbank parken, müssen dafür weiterhin 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen. Die EZB gab zunächst auch keine Hinweise auf eine Straffung ihrer ultralockeren Geldpolitik.

Wie die EZB weiter mitteilte, wird sie ihr auf 2,3 Billionen angewachsenes Wertpapierkaufprogramm noch bis mindestens September fortsetzen. Eine Verlängerung zu diesem Zeitpunkt ist weiterhin denkbar, falls die EZB keine nachhaltige Annäherung der Inflation an ihren Zielwert von knapp 2 Prozent feststellt. Selbst eine Ausweitung der monatlichen Käufe von derzeit 30 Milliarden Euro ist laut Notenbank möglich.

Damit hat die EZB ihre geldpolitische Kommunikation zunächst nicht verändert. Analysten hatten damit mehrheitlich gerechnet. Erwartet wird jedoch, dass die Notenbank ihre auch als "Guidance" bekannte Signalsprache zur nächsten Sitzung im März anpasst und damit ein Ende ihrer bald drei Jahre laufenden Geldschwemme vorbereitet.

Zuletzt war spekuliert worden, die Währungshüter könnten die Wortwahl zum künftigen Kurs ändern oder gar das Ende der milliardenschweren Anleihenkäufe andeuten. EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio hatte die Erwartungen jedoch gedämpft: Zwar sehe der EZB-Rat die Notwendigkeit, seine geldpolitische Kommunikation graduell anzupassen, soweit die Wirtschaft weiter wachse und die Inflation anziehe. Das bedeute aber nicht, dass derartige Änderungen unmittelbar bevorstünden, sagte Constâncio der italienischen Zeitung "La Repubblica".

Sparzinsen steigen wohl erst 2019

Sparzinsen steigen wohl erst 2019

Im Oktober hatten Europas Währungshüter ihre milliardenschweren Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen um neun Monate bis mindestens Ende September 2018 verlängert, das monatliche Volumen von Januar an aber auf 30 Milliarden Euro halbiert. Beobachter werteten dies als erstes Anzeichen für einen Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik.

Sparer müssen sich jedoch weiter gedulden. Die EZB will den Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld leihen können, erst anheben, wenn die Anleihekäufe beendet sind. Volkswirte rechnen erst im kommenden Jahr mit einem ersten Zinsschritt.

Mit der vor allem in Deutschland umstrittenen ultralockeren Geldpolitik versucht die EZB seit Jahren, Konjunktur und Inflation anzuschieben. Mittelfristig strebt die EZB eine jährliche Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent an - weit genug entfernt von der Nullmarke. Denn dauerhaft niedrige oder gar sinkende Preise könnten Unternehmen und Verbraucher dazu bringen, Investitionen aufzuschieben - das könnte die Konjunktur abwürgen.

Obwohl die Wirtschaft im Euroraum inzwischen robust wächst, hinkt die Inflation hinterher. Im Dezember waren die Verbraucherpreise im gemeinsamen Währungsraum im Jahresvergleich um 1,4 Prozent gestiegen. Im November waren es noch 1,5 Prozent.

Sorgen bereitet den Währungshütern dabei auch der stärkere Euro. Dadurch werden Importe billiger, das dämpft die Inflation. "Die jüngste Entwicklung des Wechselkurses ist eine Quelle der Unsicherheit, die es wegen ihrer möglichen dämpfenden Effekte auf die Importpreise zu beobachten gilt", sagte Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau jüngst der "Börsen-Zeitung".

Euro auf Dreijahreshoch - "Trump trampelt auf dem Dollar herum"

Noch am Morgen setzte der Euro  seinen jüngsten Höhenflug fort. Der Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung kletterte zeitweise bis auf 1,2460 US-Dollar und damit auf den höchsten Stand seit Dezember 2014. Anschließend gab der Euro-Kurs aber wieder leicht nach und notierte zuletzt bei 1,2406 US-Dollar.

Bereits in den vergangenen Tagen hatte sich der Euro deutlich verteuert - allein in dieser Woche stieg der Kurs um rund 2 Cent. Vor einem Jahr hatte der Euro mit 1,07 Dollar nur knapp über der Parität zum Dollar notiert. Doch er gewann 2017 nach seinem Jahrestief von 1,05 Dollar nach und nach wieder an Wert, wobei sich der Anstieg zuletzt deutlich beschleunigt hat.

Jüngster Kurstreiber waren Maßnahmen der US-Regierung unter Präsident Donald Trump. Die größte Volkswirtschaft der Welt will künftig importierte Waschmaschinen und Solarmodule mit hohen Strafzöllen belegen.

"Trump trampelt auf dem Dollar herum"

Die protektionistische Politik von Trump schürte am Devisenmarkt die Furcht vor einem Handelskrieg. "Trump trampelt auf dem Dollar herum", fasste Devisenexpertin Antje Praefcke von der Commerzbank die Marktentwicklung zusammen.

Verschärft wurde die Dollar-Schwäche durch Äußerungen von US-Finanzminister Steven Mnuchin. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hatte Mnuchin gesagt, dass ein schwacher Dollar gut für die USA sei, weil er den Handel fördere. Am Donnerstag verteidigte Mnuchin seine Aussagen, rückte sie jedoch etwas gerade. Zumindest längerfristig sei der Dollarkurs Ausdruck der wirtschaftlichen Stärke der USA. Die seit etwa zwei Jahrzehnten übliche Position der US-Regierung, wonach ein starker Dollar im Interesse der USA sei, kam ihm jedoch erneut nicht über die Lippen.

Draghis mächtige Gegenspieler - wie Mnuchin und Trump den Dollar schwächen

USA haben Interesse an schwachem Dollar

Allerdings gibt es auch Zweifel, ob die EZB die rasante Euro-Aufwertung wirklich stoppen kann. "Ob die EZB den Aufwärtstrend des Euro wirklich stoppen kann, darf bezweifelt werden", meint Jochen Stanzl von CMC Markets. Denn die Ursache für die Aufwertung des Euro  sei nicht die Stärke der Gemeinschaftswährung, sondern vielmehr die Schwäche des US-Dollar. "Und wir wissen vom US-Finanzminister, dass diese Dollar-Schwäche sehr erwünscht ist", sagte Stanzl. "Die von US-Präsident Trump zusätzlich geschürten protektionistischen Entwicklungen üben weiteren Druck auf den US-Dollar aus, gegen den die EZB wahrscheinlich machtlos ist."

Gratwanderung für EZB-Chef - Euro stabil halten, während Dollar fällt

"Auch wenn die Europäische Zentralbank die Zinssätze heute unverändert gelassen hat, muss sie sich zumindest klarer darüber äußern, wann sie beginnen wird, den Kauf von Anleihen zurückzufahren", sagte Paul Hatfield von BNY Mellon Investment. "Die Gratwanderung besteht darin, den Euro stabil zu halten, während der Dollar fällt. Da die Wirtschaft in der Eurozone stark anzieht, möchte Draghi vermeiden, dass sich dies zu sehr auf das Wechselkursverhältnis auswirkt. Wenn er diesen Drahtseilakt meistert, werden die Aktienmärkte davon profitieren", so Hatfield.

Obwohl eine Zinserhöhung nicht unmittelbar bevorstehe, sollten sich Anleger auf das Ende der lockeren Geldpolitik einstellen. Zu erwarten sei eine Zinswende der EZB im September 2018.

Euroland hängt stark von der Exportwirtschaft ab und für die wird es bei einer eigenen stärkeren Währung tendenziell schwieriger Geschäfte im Ausland zu machen - beziehungsweise es kommt weniger von den oft in Dollar abgerechneten Ausfuhren in der eigenen Gewinn- und Verlustrechnung an.

Der Euro-Höhenflug hat am Donnerstag im frühen Handel auch dafür gesorgt, dass der Dax (Kurswerte anzeigen) seinen jüngsten Rekordlauf wieder abgebrochen hat. Bis zum Mittag erholte sich der Dax jedoch wieder, da der Euro-Kurs wieder leicht nachgab. Anleger hoffen zumindest auf einen kurzfristigen Effekt von Draghis Rede.


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Am Rohstoffmarkt trieb die Furcht vor einem Handelskrieg Anleger in den "sicheren Hafen" Gold  . Der Preis der "Antikrisen-Währung" stieg um bis zu 0,6 Prozent auf ein Viereinhalb-Monats-Hoch von 1349,56 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Der erste Zuwachs der US-Lagerbestände seit neun Wochen drückte dagegen den Ölpreis. Die Nordsee-Sorte Brent verbilligte sich um 0,3 Prozent auf 69,73 Dollar je Barrel (159 Liter).