Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Darum ist der Euro weiter auf dem Vormarsch

Von Carsten Mumm
Dollar-Bündel auf Euro-Scheinen

Dollar-Bündel auf Euro-Scheinen

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Anfang 2017 musste an den internationalen Finanzmärkten nur noch 1,05 US-Dollar für einen Euro gezahlt werden. Viele Experten hielten das baldige Erreichen der Parität, also eines Wechselkurses von 1,00 EUR/USD, für sehr wahrscheinlich. Begründet wurde die Erwartung einer anhaltenden Euroschwäche vor allem mit den absehbaren politischen Turbulenzen im Zuge des Brexit-Vollzugs und der damals anstehenden Parlaments- bzw. Präsidentschaftswahlen in den Niederlanden und Frankreich. Ein erneutes Aufflammen der Euro-Krise wurde befürchtet.

Carsten Mumm
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Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Tatsächlich handelte es sich damals jedoch um die vorläufig tiefste Notierung der Gemeinschaftswährung im Vergleich zum Greenback. Allein in 2017 konnte der Euro 14,15 Prozent gegenüber dem US-Dollar zulegen. Der Anstieg fiel so rasant aus, dass die Sorge vor negativen Auswirkungen auf den Export zu einer leichten Eintrübung am europäischen Aktienmarkt führte. Auch im bisherigen Verlauf des Jahres 2018 setzte sich der Anstieg des Euro fort, der im ersten Quartal sogar die Marke von 1,25 EUR/USD erreichte - erneut entgegen der Erwartung vieler Experten.

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Aus Sicht der Analysten sprachen vor allem das vergleichsweise hohe Wirtschaftswachstum in den USA und die aktuelle Zinsdifferenz gegenüber der Eurozone für die US-Währung. Die Rendite einer einjährigen US-Staatsanleihe liegt derzeit bei 2,05 Prozent p.a. Eine einjährige Bundesanleihe rentiert demgegenüber deutlich negativ mit -0,63 Prozent p.a. Gerade für institutionelle Investoren besteht damit ein Anreiz den deutschen - und teilweise auch europäischen - Negativzinsen durch den Transfer von Kapital über den Atlantik zu entgehen. Das würde die Nachfrage nach US-Dollar ankurbeln und die Währung so aufwerten lassen.

Bei Anlagen in Fremdwährungen ist es jedoch für risikosensitive Anleger üblich, das Risiko eines Wertverlustes durch Wechselkursschwankungen abzusichern. Das ist aus Sicht eines europäischen Anlegers derzeit jedoch nicht rentabel. Die Absicherungskosten betragen ca. 3 Prozent p.a., wodurch der Zinsvorteil mehr als kompensiert wird.

Das Argument der soliden US-Wirtschaftsdynamik war zwar in den vergangenen Jahren gerechtfertigt, im Vergleich zur europäischen Konjunktur zuletzt allerdings nicht mehr. Sowohl die Eurozone als auch die USA erreichten in 2017 eine Wachstumsrate von 2,3 Prozent. Dabei konnten vor allem die Sorgenkinder der vergangenen Jahre wie Portugal oder Griechenland mit 2,5 Prozent und 1,8 Prozent positiv zum Wachstum beigetragen. Auch Spanien hat die Rezession mit einem Zuwachs des BIP von 3,1 Prozent längst überwunden. Das Schlusslicht innerhalb der Eurozonen-Kernländer ist die italienische Ökonomie mit einem Zuwachs von lediglich 1,5 Prozent. Angesichts der schleppenden Strukturreformen und der andauernden politischen Unruhe ist jedoch auch diese Entwicklung positiv zu werten.

Die konjunkturelle Dynamik sorgte zuletzt auch für ein deutliches Absinken der Arbeitslosenrate in der Eurozone auf aktuell nur noch 8,5 Prozent. Der Wert liegt zwar im Vergleich mit Deutschland noch relativ hoch, entscheidend für die positiven konjunkturellen Effekte einer sinkenden Arbeitslosigkeit ist jedoch die Veränderungsrate. Damit ist der Aspekt der konjunkturellen Entwicklung von einem Argument pro US-Dollar zu einem Plus für die Eurozone umgesprungen.

Trumps Säbelrasseln schadet der US-Währung

Auch der Europäischen Zentralbank bleibt diese Entwicklung nicht verborgen. Sollte die positive realwirtschaftliche Entwicklung anhalten und dadurch sogar die Inflation in den kommenden Monaten sukzessive anziehen, gehen der Notenbank die Argumente für eine anhaltend ultra-expansive Geldpolitik aus. Das laufende Wertpapierkaufprogramm dürfte vor diesem Hintergrund wie angekündigt im September 2018 auslaufen. Im ersten Halbjahr 2019 steht dann die erste Leitzinsanhebung auf der Agenda. Der negative Einlagenzins der Banken bei der EZB könnte schon vorher angehoben werden. Damit ist die Perspektive der Zinsdifferenz im Vergleich zum US-Dollar-Raum zumindest bei kurzen Laufzeiten klar: sie wird eher abnehmen als noch weiter steigen.

Politisch haben die letzten 12 Monate in der Eurozone mehr Stabilität gebracht. Anders in den USA: Präsident Donald Trump sorgt durch seine unberechenbaren Twitter-Äußerungen fast täglich für Instabilität. Interne Diskussionen, Russlandaffäre, Handelskrieg und zuletzt die Drohung in Richtung Russland im Zuge des Syrien-Konflikts sorgen für andauernde Unruhe im Weißen Haus und wirken sich auch auf internationale Partner und nicht zuletzt auf die eigene Volkswirtschaft negativ aus. Unternehmen brauchen Planungssicherheit, die derzeit nur teilweise gegeben ist. Vor allem das protektionistische Säbelrasseln sorgte jüngst für Verunsicherung. Eine Abschottung vom internationalen Handel würde langfristig auch der US-Ökonomie massiv Schaden zufügen und die US-Währung schwächen.

Zudem steigt durch die Steuerreform die US-Staatsverschuldung noch einmal deutlich an. Diese hat schon zwischen 2007 und 2017 von 9,365 Billionen auf 20,938 Billionen US-Dollar zugenommen. Gemessen an der Wirtschaftsleistung ist die Verschuldung der USA in dieser Zeit von 64,69 Prozent auf 108,14 Prozent gestiegen. Im Vergleich dazu liegt die Staatsverschuldung der gesamten Eurozone im 3. Quartal 2017 bei gerade einmal 88 Prozent. Solange es wirtschaftlich läuft, sind diese Werte nicht problematisch. Im Falle eines schwächeren Wachstums steigt die Staatsverschuldung jedoch weiter. Ein Teil der aktuellen Schwäche des US-Dollar ist sicher auch diesem Aspekt geschuldet.

Aus charttechnischer Sicht bewegt sich der Euro derzeit in einer Spanne zwischen 1,20 und 1,25 EUR/USD. In diesem Korridor konsolidiert die Währung nach dem schnellen Anstieg der letzten 15 Monate. Einige technische Indikatoren lassen vorerst eine Fortsetzung der seitwärts gerichteten Tendenz erwarten. In diesem Zuge können kurzfristig auch einmal Kurse von unter 1,20 EUR/USD erreicht werden. Aufgrund des starken Widerstands bei 1,25 EUR/USD sind höhere Notierungen indes vorerst unwahrscheinlich. Mit Blick auf die kommenden zwei bis drei Jahre ist die Richtung jedoch klar: der Euro wird weiter an Wert gewinnen - vielleicht mehr als sich Experten heute vorstellen können.

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