Mittwoch, 13. November 2019

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Was Sie über nachhaltige Geldanlage wissen sollten

Der Demonstrationszug von Fridays for Future zieht durch die Berliner Innenstadt
picture alliance/dpa
Der Demonstrationszug von Fridays for Future zieht durch die Berliner Innenstadt

Nachhaltigkeit ist derzeit in aller Munde. Vor allem Greta Thunberg und die weltweiten "Fridays for Future"-Demonstrationen haben dem Thema bezogen auf den Klimawandel einen enormen Anschub gegeben. Immer mehr Menschen versuchen, durch einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln und Ressourcen, den Verzicht auf Fahrten mit dem eigenen Auto, den energieeffizienten Ausbau ihres Eigenheims und andere Maßnahmen ihren negativen Einfluss auf die Umwelt zu reduzieren.

Carsten Mumm
  • Copyright: Donner & Reuschel
    Donner & Reuschel
    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Auch in der Finanzindustrie wird "nachhaltige Geldanlage" immer wichtiger. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) definiert diese als Geldanlagen, die neben den klassischen ökonomischen Kriterien der Rentabilität, Liquidität und des Risikos zusätzlich Aspekte wie Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung berücksichtigen. Aus dem englischen Sprachgebrauch abgeleitet hat sich passend dazu der Begriff ESG-Investments (Abkürzung für Environmental, Social and Governance) etabliert.

Bisher fehlen allerdings allgemein anerkannte Kriterien für die trennscharfe Unterscheidung nachhaltiger von nicht-nachhaltigen Kapitalanlagen. Wie genau können umweltgerechte, soziale und gut geführte Unternehmen erkannt werden? Wo liegt die Grenze zwischen ESG-konformen und nicht-ESG-konformen Anlagen?

Diesen Fragen widmen sich seit Jahren Wissenschaft, Vermögensverwalter, Berater und Anleger. Einzelne institutionelle Investoren oder Interessensgruppen, wie kirchliche Organisationen oder Stiftungen, haben erste Orientierungsmarken festgelegt, an denen sich andere teilweise ausrichten. So verzichtet beispielsweise der norwegische Staatsfonds schon lange auf die Investition in Unternehmen der Rüstungs- und Tabakindustrie. Kürzlich wurde zudem beschlossen, die Anlagerestriktionen um Unternehmen, die an der Ausbeutung und Nutzung fossiler Rohstoffe beteiligt sind, zu erweitern.

Trotzdem gibt es derzeit verschiedenste Ansätze, verantwortungsbewusst anzulegen:

  • Positivlisten: Sektoren, Staaten oder Unternehmen, in die unter Berücksichtigung von vorab festgelegten Nachhaltigkeitsaspekten investiert werden darf.
  • Negativlisten: Sektoren, Staaten oder Unternehmen, in die unter Berücksichtigung von vorab festgelegten Nachhaltigkeitskriterien nicht investiert werden darf.
  • "Best in class": Auswahl der Unternehmen, die in einem bestimmten Sektor unter ESG-Kriterien am besten abschneiden (kein Ausschluss ganzer Sektoren).
  • Impact Investing: Ausübung eines direkten positiven Einflusses mit den Kapitalanlagen, z.B. Mikrofinanz oder "grüne Anleihen".
  • Active Investing: Ausübung eines indirekten positiven Einflusses über die Einwirkung auf die Unternehmensführung als Großinvestors.

Die erste globale und Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigende Aktienindex-Familie wurde schon im September 1999 - also vor genau 20 Jahren - von S&P Dow Jones Indices und RobecoSAM unter dem Namen Dow Jones Sustainability Indizes (DJSI) aufgelegt und ist heute einer der bekanntesten Vergleichsmaßstäbe für nachhaltige Kapitalanlage. Für die Indizes werden Unternehmen ausgewählt, die gemäß eines eigens definierten "Total Sustainability Scores" die besten Werte innerhalb eines Sektors aufweisen ("Best-in-class). Einmal jährlich erfolgt eine Anpassung der Indexzusammensetzung, in deren Zuge im September 2019 beispielsweise Alphabet Börsen-Chart zeigen aufgenommen und Royal Dutch Shell Börsen-Chart zeigen aus dem Index entfernt wurde.

Auch die Aufsichtsbehörden beschäftigen sich immer eingehender mit nachhaltigen Geldanlagen. So führte die Bafin im Mai 2019 die erste Konferenz zum Thema "Nachhaltige Finanzwirtschaft" durch. "Wer langfristig im Finanzsektor erfolgreich sein will, wird an dem Thema Nachhaltigkeit nicht mehr vorbeikommen", sagte Bafin-Präsident Felix Hufeld in seiner Eröffnungsrede. 2017 war die Bafin Gründungsmitglied des "Network for Greening the Financial System" (NGFS). Seit Anfang 2018 müssen die beaufsichtigen Unternehmen materielle Umwelt- und Klimarisiken in ihrem Risikomanagement explizit berücksichtigen.

Eines der wichtigsten Themen der Aufsichtsbehörden - auch auf europäischer Ebene - ist die Erstellung eines einheitlichen Klassifizierungsystems für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten (Taxonomie). Der Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums der EU-Kommission vom März 2018 sieht zudem vor, dass Vermögensverwalter und institutionelle Anleger künftig angeben müssen, wie sie Nachhaltigkeitsfaktoren in ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen. Zudem werden Verbraucher im Rahmen der Finanzberatung demnächst nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen gefragt.

Allerdings spielt Nachhaltigkeit bei der Kapitalanlage für Private bisher nur eine untergeordnete Rolle. Eine repräsentative Umfrage der Bafin belegt, dass den Begriff "nachhaltige Geldanlage" etwa 60 Prozent der Befragten überhaupt nicht kennen. Zwei Drittel gaben jedoch an, sich gut zu fühlen, wenn sie bei einer Kapitalanlage gleichzeitig etwas Gutes tun können. Über 50 Prozent sind der Meinung, dass nachhaltige Geldanlagen zu ihren persönlichen Werten und Zielen passen.

In den vergangenen Jahren wurde vielfach nachgewiesen, dass nachhaltige Investments nicht notwendigerweise mit Renditeeinbußen einhergehen, wie auch die Wertentwicklung des Dow Jones Sustainability World Index zeigt. Im Gegenteil, kann man mit der Berücksichtigung von ESG-Kriterien sogar essentielle Geschäftsrisiken auf lange Sicht besser erkennen und entsprechend risikoreiche Anlagen damit vermeiden. So können Unternehmen durch die Beachtung von ESG-Standards die Gefahr von Reputationsschäden, Prozessen und Schadensersatz- oder Bußgeldzahlungen für bspw. Umwelt- oder Personenschäden deutlich reduzieren. Negativbeispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind Volkswagen Börsen-Chart zeigen und Bayer Börsen-Chart zeigen. Sowohl "Dieselgate" als auch die Glyphosat-Prozesswelle im Zuge der Übernahme von Monsanto lasten seit Jahren auf den Notierungen. Positiv auf das Image und damit förderlich für den Unternehmenswert wirkt sich hingegen soziales und gesellschaftliches Engagement aus.

Die Finanzindustrie sollte das Thema Sustainable Finance als Chance begreifen und die Weichen für ihre Geschäftsmodelle rechtzeitig stellen. Das allgemeine Bewusstsein für Aspekte der Nachhaltigkeit steigt in Politik und Gesellschaft rasant. Daraus werden unvermeidbar zunehmende Verpflichtungen für die Anbieter resultieren. Die Institute, die sich rechtzeitig über ihre eigene nachhaltige Positionierung Gedanken gemacht und diese auch erkennbar implementiert haben, haben dabei einen enormen zeitlichen Vorteil.

Der Börsenkurs der Woche - vom Profi
Kurse, Indexstände, Aufs und Abs - an der Börse passiert täglich Neues, Besonderes und Überraschendes. An dieser Stelle präsentiert und erklärt jeden Montag ein Finanzmarktprofi sein Börsen-Highlight der Woche.

Zudem bringen ESG-Faktoren eine völlig neue Dimension zur Bewertung von Finanzdienstleistern und deren Services ins Spiel, etwa für Asset Manager. Jahrhundertelang ging es ausschließlich um das Verhältnis von Rendite, Risiko und Liquidität. Mit der Nachhaltigkeit kommt erstmals ein weiterer wesentlicher Aspekt hinzu, mit dem man sich vom Wettbewerb unterscheiden kann.

Sowohl für Anleger als auch für die Aufsicht und Emittenten werden Nachhaltigkeitskriterien bei der Kapitalanlage ein eigenständiger Prüf- und Bewertungsaspekt sein. Wer durch seine Kapitalanlage "Gutes" bewirken möchte, dürfte unter Umständen sogar dazu bereit sein, in punkto Rendite, Risiko und/oder Liquidität Abstriche zu machen - wenn überhaupt notwendig. Unternehmen, die sich auf der anderen Seite möglichst günstig am Kapitalmarkt über Eigen- oder Fremdkapital refinanzieren möchten, braucht ebenfalls klar definierte und transparente ESG-Standards.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung