VW, GM und Co. hängen Tesla ab Favoritenwechsel beim Elektro-Autorennen an der Börse

2020 war an der Börse das Tesla-Jahr - doch seit Januar ist alles anders. Aktionäre bevorzugen jetzt traditionelle Autobauer wie Volkswagen oder General Motors. Die Old-Car-Economy überzeugt plötzlich mit ihren Elektroplänen.
Elektroautos beim Rennen in Berlin: Investoren beurteilen Hersteller an der Börse zunehmend nach deren Aussichten im Geschäft mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen

Elektroautos beim Rennen in Berlin: Investoren beurteilen Hersteller an der Börse zunehmend nach deren Aussichten im Geschäft mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen

Foto: DPA

Es ist eines der am heißesten diskutierten Themen am Aktienmarkt: Welcher Autohersteller wird beim Rennen in die mobile Zukunft, in der Benzin- und Dieselantriebe wohl keine große Rolle mehr spielen werden, auf lange Sicht die Nase vorn haben?

Im vergangenen Jahr schien die Antwort der Investoren darauf klar. Sie rissen sich förmlich um Aktien von Tesla, trieben den Kurs der Papiere aus Kalifornien von knapp 90 Dollar zu Beginn 2020 auf bis zu 880 Dollar zwölf Monate später. Der Börsenwert des Unternehmens von Mitgründer und Chef Elon Musk (49) vervielfachte sich ebenfalls und erreichte im Januar dieses Jahres bei etwa 840 Milliarden Dollar seinen bisherigen Höchststand.

Seither hat sich die Gunst der Anleger jedoch zu einem großen Teil verlagert. Eine Tesla-Aktie kostet gegenwärtig rund 650 Dollar. Seit ihrem Rekordstand Ende Januar hat das Papier damit rund 25 Prozent an Wert verloren. Sie performte damit deutlich schlechter als der US-Aktienmarkt insgesamt, der im gleichen Zeitraum gemessen am breiten Index S&P 500 sogar hauchdünn im Plus landete.

Besonders bemerkenswert jedoch: Auch so ziemlich das gesamte Feld der traditionellen Autoindustrie hat Tesla an der Börse in den vergangenen Monaten abgehängt, und zwar nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Herausragend ist vor allem die Performance der Volkswagen-Aktie, die seit Anfang Januar bereits um mehr als 45 Prozent teurer geworden ist. Das Papier notiert inzwischen auf einem Niveau, das es seit 2015 nicht mehr gesehen hatte - der Autobauer aus Wolfsburg wurde damit in dieser Woche zum wertvollsten Konzern an Deutschlands Börse.

Und die Konkurrenz klebt Volkswagen bei der Börsenrallye am Hinterrad: Mitsubishi, General Motors, Ford - die Papiere der drei legten in diesem Jahr ebenfalls bereits um mehr als 40 Prozent zu. Die Aktie von Daimler notiert fast 30 Prozent im Plus, bei BMW sind es immerhin knapp 20 Prozent.

Noch ist es zwar nur eine kleine Korrektur. Mit einem Börsenwert von nach wie vor beinahe 630 Milliarden Dollar stellt Tesla Konzerne wie Volkswagen (knapp 140 Milliarden Euro), Daimler (knapp 80 Milliarden Euro) oder BMW (rund 54 Milliarden Euro) weiterhin deutlich in den Schatten. Ein Riesenvertrauensvorschuss seitens der Börsianer also weiterhin - der Stimmungswandel ist jedoch spürbar.

Und er hat Gründe. Zum einen spielt der durch erfolgreiche Impfkampagnen in vielen Ländern geschürte Optimismus der Investoren eine Rolle, dass die Corona-Krise bald überwunden sein und die Wirtschaft ein starkes Comeback erleben könnte. Am Aktienmarkt werden daher seit Monaten zyklische Werte bevorzugt, Papiere von Unternehmen also, die im Konjunkturaufschwung gewöhnlich gute Geschäfte machen. Dazu zählen grundsätzlich auch Autobauer, die darauf hoffen können, dass Kunden während der Pandemie verschobene Fahrzeugkäufe womöglich nachholen werden.

Tesla ist jedoch ein Sonderfall: Der Konzern wird von Anlegern seit jeher eher als Tech-Unternehmen gesehen - und Tech-Aktien stehen insbesondere an der Wall Street nach starken Kursgewinnen der Vergangenheit gegenwärtig unter Druck.

Sinneswandel bei Anlegern

Vor allem aber dürfte ein grundlegender Sinneswandel der Investoren beim Favoritenwechsel eine Rolle spielen. Lange Zeit waren Börsianer offenbar der Ansicht, Tesla würde dem Rest der Branche auf dem Weg in die Zukunft mehr oder weniger das Licht ausknipsen. Nun zeigt sich jedoch: Hersteller wie Volkswagen, General Motors oder Mitsubishi nehmen den Wandel ihrer Produkte und Geschäftsmodelle ebenfalls sehr ernst - und sie scheinen Anleger mit ihren Plänen inzwischen mehr und mehr zu überzeugen.

Bestes Beispiel ist wiederum Volkswagen: Der Konzern stellte vergangene Woche in einem zweistündigen Präsentationsmarathon seine künftige globale Strategie für den Aufbau einer Batterieproduktion mit sechs neuen Fabriken sowie einer Ladeinfrastruktur vor. Wer noch Zweifel an der Entschiedenheit gehabt haben sollte, mit der das Volkswagen-Management die elektrifizierte Zukunft angeht, dürfte nach diesem ersten "Power Day" des Konzerns - der wohl bewusst Teslas "Battery Day" nachempfunden war - eines Besseren belehrt worden sein.

Auch unter den Konkurrenten der Wolfsburger findet sich kaum ein Unternehmen, das nicht bereits klare Ansagen zur Umstellung auf Elektroantriebe gemacht hätte. BMW etwa machte ebenfalls erst vergangene Woche klar, in Sachen Elektroautos künftig aufs Tempo drücken zu wollen - wenngleich Konzernchef Oliver Zipse (57) eine vollständige Umstellung auf diese Antriebsart weiterhin ablehnt.

Der größte US-Autobauer General Motors kündigte bereits vor einem Jahr an, bis 2025 insgesamt 20 Milliarden Dollar in die Entwicklung von elektrischen und selbstfahrenden Autos investieren zu wollen. Zudem will der Konzern E-Modelle für alle Marken seiner Produktpalette anbieten. Ende Januar dieses Jahres legte GM nach: Jetzt will das Unternehmen sein weltweites Neuwagenangebot bis 2035 komplett auf emissionsfreie Fahrzeuge umstellen. Bis 2040 will der Konzern insgesamt CO₂-neutral werden .

Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. An der Börse kommen solche Ankündigungen in diesen Tagen immer besser an. Während traditionelle Hersteller ihre Elektropläne mehr und mehr konkretisieren, haben es Newcomer wie Tesla zunehmend schwer, ihre hohe Bewertung zu rechtfertigen, zitiert das "Wall Street Journal"  dazu Michael Muders, Portfoliomanager mit Fokus auf Autoaktien bei Union Investment. "Wir sehen gerade eine Neubewertung der traditionellen Autobauer durch die Finanzmärkte."

Investoren erwarten überzeugende Elektropläne

Unterstützung erhalten Investoren dabei vonseiten der Analysten in Banken und Investmenthäusern, die ebenfalls zunehmend Vertrauen in die Pläne von Volkswagen, BMW, Daimler und Co. fassen. Laut "Wall Street Journal" steht dabei mittlerweile eine Frage im Raum: Haben wir "Peak Tesla" bereits erreicht?

Wie sehr Investoren bei der Wahl ihrer Autoaktien auf die Elektropläne der Hersteller achten, zeigt auch eine Umfrage des Analysehauses Bernstein Research. Demnach nannten 75 Prozent der Teilnehmer eine klare Konzernbotschaft sowie eine überzeugende Elektrostrategie als sehr wichtig oder ausschlaggebend für ihre Investmententscheidung.

Die herkömmlichen Autoproduzenten können solche skeptischen Anleger offenbar inzwischen immer besser überzeugen.

cr
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.