Die reichsten Deutschen Nathalie von Siemens - Geld ist nicht genug

Die Gründerfamilie des Münchener Industriekonzerns hat mit Nathalie von Siemens eine neue starke Frau gefunden. Sie will mehr als nur Dividenden kassieren.
Wird auf mittlere Sicht für den Aufsichtsratsvorsitz gehandelt: Nathalie von Siemens gehört dem Siemens-Clan an. Dieser ist reicher als die Haniels, konservativer als die Werhahns - und noch öffentlichkeitsscheuer als die Quandts

Wird auf mittlere Sicht für den Aufsichtsratsvorsitz gehandelt: Nathalie von Siemens gehört dem Siemens-Clan an. Dieser ist reicher als die Haniels, konservativer als die Werhahns - und noch öffentlichkeitsscheuer als die Quandts

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Am Morgen des 27. Januar 2015 beginnt für Siemens eine neue Zeitrechnung. Für das Unternehmen, vor allem aber für eine Frau gleichen Namens, Nathalie von Siemens (44). Gleich soll sie von den Aktionären, die sich in der Münchener Olympiahalle versammelt haben, in den Aufsichtsrat gewählt werden, anstelle des bisherigen Familienvertreters Gerd von Brandenstein (73). Sie steht vor der Bühne der Olympiahalle, plaudert mit Aufsichtsratschef Gerhard Cromme (72) und Vorständen. Sie ist da angekommen, wo sie herkommt: Eine Siemens in der Führung des Konzerns, den ihr Ururgroßvater Werner von Siemens (1816 - 1892) gegründet und zu Weltruhm geführt hat.

Mehr noch: Mit Nathalie von Siemens wird erstmals seit 35 Jahren wieder ein Familienmitglied für den Aufsichtsratsvorsitz gehandelt, wenn Cromme wie geplant 2018 abtritt.

Was bedeutet das für den Konzern, der seit Jahren kaum wächst und dessenChef Joe Kaeser (58) für viel Unruhe sorgt, weil er die gesamte Organisation auseinandernimmt und neu zusammensetzt? Und was heißt das für die Sippe, deren Verschwiegenheit gelegentlich ins Skurrile abgleitet? Etwa wenn sie nicht einmal bestätigt, von wem sie geführt wird.

Tatsächlich zählt der Clan nach wie vor zu den bedeutendsten Großfamilien der Republik. Er hält 6 Prozent an Siemens  im Wert von aktuell 4,4 Milliarden Euro; rein rechnerisch macht das bei 300 volljährigen Familienmitgliedern 14,7 Millionen Euro pro Nase. An Siemens' jährlichem Aktionärszahltag nach der Hauptversammlung strichen die Erben zuletzt im Schnitt eine Dividende von rund 580.000 Euro pro Kopf ein.

Die von Siemens sind reicher als die Haniels, konservativer als die Werhahns - und nochöffentlichkeitsscheuer als die Quandts. So gut wie nichts ist von der Sippe bekannt. In einem Schreiben an manager magazin bezeichnen sich die Damen und Herren selbst als "medienscheu".

Man trifft sich zu den Jahresversammlungen in Münchener Hotels wie dem "Bayerischen Hof" oder auch mal im obersten Stockwerk des Literaturhauses am Salvatorplatz. Die Familie setzt sich aus Dutzenden verschiedenen Namenszweigen zusammen. Deutschbanker (wie Marc-Aurel von Dewitz, 69, bis zur Pensionierung Geschäftsleitungsmitglied der Berliner Niederlassung) sind darunter, stellvertretende Museumsdirektoren (wie Bodo von Dewitz, 65, vom Kölner Museum Ludwig, inzwischen ebenfalls im Ruhestand) und auch Professoren (wie der Frankfurter Ökonom Ferdinand von Siemens, 42). Arriviertes Bürgertum also, in der Regel allerdings mit Adelstitel.

Und wie in jeder Familie, ob klein oder groß, gibt es auch hier mindestens einen, der aus der Reihe tanzt: Carl von Siemens (48). Nach bester Ausbildung an der London School of Economics, in München und Oxford, sowie glänzendem Karrierestart bei der Unternehmensberatung Roland Berger arbeitet der älteste Spross des früheren Siemens-Vorstands und -Aufsichtsrats Peter von Siemens (78) seit vielen Jahren als, ja, tatsächlich!, Journalist.

Als Nachfahre mit relativ großem Aktienpaket gehört er dem obersten Gremium der Gründerfamilie an, dem "Komitee". Für einen wie ihn verbieten sich bunte Geschichten - eigentlich. Aber das ist Carl egal. Er schreibt regelmäßig über Theater, Mode- und Stilthemen. Kürzlich wagte er sich sogar mit kaum verhohlener Kritik am eigenen Industriemulti aus der Deckung: mit einer zwölfseitigen Reportage über das Staudammprojekt "Belo Monte" am Amazonas, an dem Siemens über das Joint Venture Voith Hydro mitbaut.

"Wir haben als Familie eine enge emotionale Bindung an das Unternehmen"

Auf die Idee kam Carl, als er im Januar 2014 mit seinen Verwandten die Siemens-Hauptversammlung besuchte. Für die Familie, Angehörige der Vorstände sowie ehemalige Vorstände sind in der Münchener Olympiahalle stets die vorderen Reihen reserviert. Dort vernahm Carl die Rede der aus Brasilien angereisten Aktivistin Mônica Brito Soares, die - so befand er später in seinem Artikel in der Schweizer Zeitschrift "Das Magazin" - glaubwürdig über das Projekt berichtete, welches Gesetze missachte und die Rechte der indigenen Ureinwohner mit Füßen trete. "Da ich aus den Projekten der Siemens AG eine Dividende bezog, war die Geschichte von Mônica Brito Soares zu meiner eigenen geworden, ob ich es wollte oder nicht." Der streitbare Publizist reiste nach Amazonien, um sich selbst ein Bild zu machen.

Die Siemens-Dynastie

Die Siemens-Dynastie

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Damit hat er sich nicht nur räumlich weit entfernt von seinen Ahnen. Sie führten von Berlin aus das Unternehmen an die Weltspitze und schrieben deutsche Industriegeschichte. Unter ihrer Leitung baute Siemens den ersten Zeigertelegrafen, das erste Telegrafennetz von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, die erste elektrische Eisenbahn und die erste elektrische Straßenbeleuchtung. Erst seit etwa einem Vierteljahrhundert dominieren externe Manager das Technologieunternehmen. 1981 übernahm erstmals ein Familienfremder den Aufsichtsratsvorsitz. Seit der letzte Gründernachfahre im Vorstand, Peter von Siemens, 1993 ausschied, ist die Familie in den Konzerngremien nur noch mit einem einfachen Aufsichtsratsmitglied präsent.

Der streitlustige Peter von Siemens mischte sich von dort aus noch leidenschaftlich ein. Etwa als er den damaligen Vorstandschef Heinrich von Pierer (74) wegen Siemens' Ertragsschwäche maßregelte: "Für diese Rendite sperrt kein Milchmann seinen Laden auf." Er sei sich nicht einmal sicher, ob der Konzern in seiner heutigen Form "überhaupt internationalen Ansprüchen gerecht wird". Pierer reagierte mit einem Zehn-Punkte-Programm, in dem er sich unter anderem von Chips (Infineon ) und passiven Bauelementen (Epcos ) trennte.

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Seit Peter von Siemens den Stab 2008 an Gerd von Brandenstein aus dem Carl-von-Siemens-Zweig übergab, tut die Familie ihre Meinung kaum noch öffentlich kund. Ihre Erklärung zur Korruptionsaffäre ließ sie damals von Cromme auf der Hauptversammlung verlesen. Danach meldete sie sich erst 2013 wieder zu Wort, als sie nach den turbulenten Tagen der Ablösung von Vorstandschef Peter Löscher (58) zur Ordnung rief. "Uns als Familie liegt daran, dass wieder Ruhe einkehrt", sagte Nathalie von Siemens der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Wir haben als Familie eine enge emotionale Bindung an das Unternehmen. Wir versuchen, die Tradition der Gründerväter lebendig zu halten."

Löschers Nachfolger Kaeser wird seither nicht müde, die Vorbildrolle von Familienunternehmen zu betonen. Landauf, landab predigt er: Jeder Mitarbeiter solle sich verhalten, als wäre Siemens seine eigene Firma. Dem Clan gefällt's, in seiner sonst sehr knappen Stellungnahme gegenüber manager magazin billigt er Kaesers Familiensinn ausdrücklich.

Wie die Sippe zu den sonstigen Leistungen des Vorstandschefs steht - darüber schweigt sie. Fest steht: Ruhe ist im Konzern nicht eingekehrt. Seit Kaesers Start hat der halbe Vorstand Siemens verlassen - wie auch das Gremium schon unter Löscher nicht gerade ein Hort der Kontinuität war. Und auf die positiven Wirkungen des Dauerumbaus warten Mitarbeiter wie Aktionäre nach wie vor.

Die Familie trug Kaesers Entscheidungen alle mit, ebenso wie der gesamte Aufsichtsrat. Von Brandenstein fiel in Sitzungen des Kontrollgremiums - vor allem zuletzt - kaum noch durch intensive Nachfragen auf. Auch weil Kaeser die Gründernachfahren mit steigenden Dividenden bei der Stange hält.

Die Sippe ist oft uneins

Wenn die Erfolge jedoch ausbleiben, so vermuten einige Siemensianer, könnte die Familie versuchen, wieder mehr Einfluss zu nehmen auf die Unternehmensgeschicke. So manche in der Familie finden, dass bereits heute mehr Engagement nottäte. Dass Cromme vor einigen Jahren die bewährte Altersgrenze für Aufsichtsräte von 70 kippte, um sich länger auf dem Posten zu halten, kam nicht bei allen gut an.

Der Großteil des Vermögens vieler Clanmitglieder speist sich aus Siemens-Aktien; da sähe man neben Dividenden gern auch einen steigenden Aktienkurs. Dass einzelne Mitglieder Aktien versilbern, ist nicht erwünscht und kam auch seit Jahrzehnten nicht mehr vor, soweit öffentlich verfügbare Akten Auskunft geben. Seit 1897 sind die Erben durch einen Pool-Vertrag aneinander gebunden und sprechen auf Hauptversammlungen mit einer Stimme.

Das bedeutet nicht, dass sie immer einer Meinung wären. Als 1999 das historische Privileg des sechsfachen Stimmrechts für entscheidende Beschlüsse wie Kapitalerhöhungen oder Aufsichtsratswahlen abgeschafft wurde, verlangte die Mehrheit des Clans einen Barausgleich und verklagte den Konzern - gegen die Empfehlung des damaligen Familienoberhaupts Peter von Siemens. Die Klage ging verloren. Inzwischen fallen der Sippe Entscheidungen reichlich schwer. Das zeigte sich jüngst wieder bei der Regelung der Nachfolge Gerd von Brandensteins. Der wollte sich eigentlich schon für die letzte Aufsichtsratswahl Anfang 2013 nicht mehr aufstellen lassen. Als seine Verwandten sich nicht auf einen Nachfolger einigen konnten, trat von Brandenstein doch noch einmal an.

Anderthalb Jahre später teilte er der Sippe mit, dass auf der Hauptversammlung 2015 endgültig Schluss sei. Wieder diskutierte die Familie, statt sich zu entscheiden. Bei einer Zusammenkunft im Spätsommer 2014 stellten sich schließlich der Düsseldorfer Rechtsanwalt Oliver von Seidel (61) und Nathalie von Siemens zur Abstimmung, trotzdem endete das Treffen ohne klares Ergebnis.

Erst auf sanftes Drängen Crommes - die Tagesordnung für das Aktionärstreffen musste veröffentlicht werden - rang sich der Familienrat zu Nathalie von Siemens durch. Für sie sprach mehr als ihr Name: Acht Jahre hat die promovierte Philosophin im Konzern diverse Stationen, darunter Investor Relations und Konzernstrategie, durchlaufen und einen glänzenden Eindruck hinterlassen. "Sie ist sehr angenehm im Umgang, analytisch stark und hat einen weiten Blick", sagt einer, der mit ihr zusammengearbeitet hat. Ihre Auftritte für die unternehmenseigene Stiftung, die sie seit drei Jahren leitet, sind souverän, gelegentlich sogar mitreißend. Und nicht zuletzt half die Personalie Siemens, die Frauenquote im Aufsichtsrat zu erfüllen.

Trotzdem musste Nathalie einen Kompromiss hinnehmen. Anders als die früheren Familienvertreter im Aufsichtsrat ist Nathalie von Siemens nicht mehr zugleich Sprecherin der Familie. Dazu hat die Sippe von Seidel bestimmt, einen gesetzten Herrn, der dem Komitee seit über einem Jahrzehnt angehört. Nathalie darf nur seine Vertreterin sein. "Alle Verantwortung auf einmal, das wäre zu viel", sagt ein Clanmitglied.

Im Siemens-Aufsichtsrat hält sich Nathalie von Siemens bisher sehr zurück. Nur bei Themen, in denen sie sich kompetent fühlt, wie Führungs- und Unternehmenskultur, bringe sie ihre Positionen ein, berichtet ein Insider. "Sie ist eine gute Repräsentantin, und es geht ihr wirklich ums Unternehmen, aber sie muss da noch reinwachsen." So ist ihr Einfluss bisher noch sehr begrenzt. Sie hat im Januar keinen der beiden Ausschusssitze von Brandensteins übernehmen können, dabei wird in den Ausschüssen der Großteil der Arbeit erledigt.

Sollte das bis Ablauf der aktuellen Wahlperiode 2018 so bleiben, wäre die Spekulation, Nathalie könnte Cromme nachfolgen, nur das Wunschdenken einiger Nostalgiker. Um Managerschwergewichte wie Ex-Allianz-Chef Michael Diekmann (60), Bayer-Grande Werner Wenning (68) und Ex-SAP-Chef Jim Hagemann Snabe (49) im Kontrollgremium anzuführen, ist Nathalie von Siemens nicht ausreichend vorbereitet. Jedenfalls noch nicht.

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