Stärkster Boom seit dem Neuen Markt Anleger investieren fast zehn Milliarden Euro in Börsenneulinge

Seit 20 Jahren haben in Deutschland nicht mehr so viele Unternehmen den Weg an die Börse gewagt wie in den ersten sechs Monaten 2021. Wer zieht im zweiten Halbjahr nach? Und hält der Trend an?
Mister Spex beim Börsengang vor der Frankfurter Börse: 2021 könnte das stärkste Jahr für den deutschen IPO-Markt seit 2000 werden

Mister Spex beim Börsengang vor der Frankfurter Börse: 2021 könnte das stärkste Jahr für den deutschen IPO-Markt seit 2000 werden

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Frank Rumpenhorst / dpa

Nach der Corona-Flaute könnte es in diesem Jahr einen Rekord bei Börsengängen in Deutschland geben. Im ersten Halbjahr wagten 15 Unternehmen den Weg an die Frankfurter Börse, den Auftakt für das dritte Quartal gab in der vergangenen Woche der Onlineoptiker Mister Spex. Insgesamt sammelten die Unternehmen dabei mehr als 9,5 Milliarden Euro von Anlegern ein – so viel wie nie seit dem Jahr 2000.

Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) erwartet, dass im Gesamtjahr die Zahlen von 2018 übertroffen werden, als es in Frankfurt am Main 18 Initial Public Offerings (IPOs) mit einem Gesamtvolumen von 11,35 Milliarden Euro gegeben hatte. Es war das bislang stärkste Jahr nach dem Boom am Neuen Markt von 2000. Damals erlösten 142 Börsengänge mehr als 23 Milliarden Euro.

Die Top 3 des Jahres

Den größten deutschen Börsengang 2021 hat bisher Vodafones Funkturmsparte Vantage Towers AG  hingelegt, die beim Debüt Erlöse von 2,2 Milliarden Euro erzielte. Damit übertraf sie das Debüt von Auto1  (1,8 Milliarden Euro). Jahresdritter ist bisher Softwareentwickler Suse , der im Mai bei Investoren mehr als eine Milliarde Euro einwarb.

Die nächsten Börsenaspiranten

Noch vor dem üblichen Sommerloch werden in Frankfurt drei weitere Börsengänge erwartet. Der nordbayerische Zulieferer Novem, Spezialist für Autozierteile, will am 19. Juli 50 Millionen Euro einsammeln, unter anderem für kleinere Übernahmen. Durch Aufstockungsoptionen könnte das Emissionsvolumen auf mehr als 300 Millionen Euro steigen. Der Hamburger Solarparkbetreiber Blue Elephant Energy hofft auf 150 Millionen Euro, der Müsli-Versender MyMüsli möchte etwa 100 Millionen Euro erlösen.

Weitere Kandidaten für das zweite Halbjahr

Im Herbst werden dann mindestens zehn weitere Unternehmen folgen: die ausgegründete Daimler-Lastwagensparte Daimler Truck; der Getriebehersteller Vitesco, der vom Autozulieferer Continental abgespalten werden soll; der Batteriehersteller BMZ, die Berliner Eigentümer der Sprach-App Babbel Lesson Nine, der Logistiker Trans-o-flex, der Autoteilehändler Autodoc sowie der Arzneimittelhersteller Cheplapharm. Nach dem kurzfristig abgesagten Börsengang im April könnte auch der Internet-Autohändler MeinAuto einen zweiten Anlauf wagen.

Ein spannendes Börsenjahr dürfte auch 2022 werden: Dann wollen prominente Namen wie Flixmobility, Parship, Check24, Veganz, Wintershall-DEA, Chrono24 und Best Secret Anteile an der Börse anbieten.

Der Höhenflug könnte sich abschwächen

Gründe für die boomenden Aktienmärkte sind die niedrigen Zinsen und niedrige Renditen für Anleihen. Allerdings herrscht auch ein gewisser Nachholbedarf, nachdem zahlreiche Börsenanwärter ihre Pläne im vergangenen Jahr auf Eis gelegt hatten, erklärt PwC-Partnerin Nadja Picard.

Mittlerweile schwächen sich die Aussichten für Börsenkandidaten etwas ab. Im zweiten Quartal lagen die Ausgabepreise regelmäßig am unteren Ende der Preisspanne. Investoren würden angesichts der Flut von Börsengängen und der teilweise enttäuschenden Kursentwicklung nach dem Debüt deutlich zurückhaltender und selektiver, erklärt PwC.

Mega-Börsengänge auf der Weltbühne

Bislang allerdings floriert auch der globale Markt noch. Im ersten Halbjahr wagten sich weltweit 980 Unternehmen an die Börse, das zeigt das IPO-Barometer des Beratungsunternehmens EY. Das Emissionsvolumen lag bei 197,8 Milliarden US-Dollar.

Mit einem Erlös von 4,4 Milliarden US-Dollar hat Uber-Konkurrent Didi Ende Juni zugleich die größte Tech-Emission und den größten Börsengang eines chinesischen Konzerns in den USA seit sieben Jahren hingelegt. Damals hatte der Online-Riese Alibaba 25 Milliarden Dollar erlöst.

Der weltweit größte Börsengang 2021 fand laut EY in Hongkong statt: Die Kurzvideoplattform Kuaishou Technology erlöste im Februar 6,2 Milliarden US-Dollar. Noch vor Jahresende könnte der Spitzenreiter allerdings übertroffen werden: Die chinesische Wertpapieraufsicht hat den Monster-Börsengang des Agrarchemiekonzerns Syngenta in Shanghai akzeptiert. Er soll rund 10 Milliarden US-Dollar bringen.

cs/dpa-afx, Reuters
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