"Aktienkultur" in Deutschland "Auf lange Sicht sind wir alle tot"

Es gibt wieder mehr Aktionäre in Deutschland, so viel wie seit 2012 nicht mehr, jubelt das Deutsche Aktieninstitut. Und es sorgt sich - wie jedes Jahr - um die "Aktionärskultur". Dabei sollte der Lobbyverein sich erst einmal selbst die Kulturfrage stellen.
November 1996: Ex-Telekomchef Ron Sommer wirbt für ein Investment in die T-Aktie. Wer bei der zweiten oder dritten Tranche kaufte, hat bis heute Verluste im Depot - trotz der gezahlten Dividenden

November 1996: Ex-Telekomchef Ron Sommer wirbt für ein Investment in die T-Aktie. Wer bei der zweiten oder dritten Tranche kaufte, hat bis heute Verluste im Depot - trotz der gezahlten Dividenden

Foto: Stephanie Pilick/ picture-alliance/ dpa

9,007 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr Aktien und/oder Anteile an Aktienfonds besessen. Das ist ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 6,7 Prozent - und der höchste Stand seit 2012. "Die Deutschen haben 2015 wieder Vertrauen in die Aktie und den Aktienfonds gefasst", bilanziert das Deutsche Aktieninstitut (DAI) nicht ohne Stolz. Der Fondsverband BVI sekundiert: "2015 war ein außergewöhnlich gutes Jahr für die deutsche Fondsbranche".

Von einer "Aktienkultur" wie in anderen Industrienationen sei Deutschland aber noch "weit entfernt", sagt DAI-Chefin Christine Bortenlänger. Denn wenn lediglich 14 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren am Aktienmarkt investiert seien, sei das "immer noch viel zu wenig", ist die Lobbyistin überzeugt. Ihr Messlatte: Das Jahr 2001. Damals gab es nach Angaben des DAI noch fast 13 Millionen Aktienanleger in Deutschland.

2001? War da was?

Erinnern wir uns. 2001 brach eine Horrorzeit für deutsche Privatanleger an. Die Tech-Bubble implodierte weltweit - was der deutsche Privatanleger zuvor an Aktien-Reichtum angehäuft hatte, verlor er in sagenhafter Geschwindigkeit. Und weil viele deutsche Firmen mit zweifelhaftem Geschäftsmodell und Mond-Bewertungen Insolvenz anmelden mussten, häufig sogar noch viel mehr.

Dass das DAI 2001 quasi als Referenzjahr für die "Aktienkultur" heranzieht, sagt leider sehr viel aus über die Schlichtheit der Argumentation dieser Lobbygruppe. Die auch von der Finanzwirtschaft finanzierte Truppe argumentiert brachial ideologisch und rein quantitativ: Je mehr Aktionäre, desto besser.

Das zeigt sich auch bei ihrer freudvollen Bilanz des Jahres 2015: Nur wer vergleichsweise tief in die DAI-Studie eintaucht, erfährt, dass die gestiegene Zahl der Aktionäre in Deutschland nur wenig mit gestiegenem "Vertrauen in die Aktie" zu tun hat. Erst auf Seite 5 steht: "Hauptverantwortlich für den Anstieg der Aktionäre ist die Zahl der Belegschaftsaktionäre." Mit anderen Worten: Ein Großteil der neuen deutschen Aktionäre hat nicht Aktien gekauft, weil es Aktien vertraut, sondern dem Unternehmen, für das sie arbeiten.

Die Haupterfahrung der deutschen Kleinanleger aus den vergangenen Jahren ist: Die Dividenden waren zwar beträchtlich, die Gefahren, den falschen Zeitpunkt für den Ein- oder Ausstieg zu wählen, angesichts der Crashes der Jahre 2001, 2008/2009 und 2011 aber auch.

Ordentliche Rendite - allerdings nicht garantiert

Das DAI sollte deswegen schleunigst zu einer intelligenteren Argumentation finden, als "Aktienkultur" mit "möglichst viele Aktionäre" gleichzusetzen. Der Langfrist-Strategie des einstigen Börsengurus André Kostolany ("Aktien kaufen und schlafen legen") können viele Anleger allein schon deswegen nicht folgen, weil sie zwischendurch dann halt doch immer mal wieder liquide Mittel brauchen. Und für diesen Fall haben die vergangenen fünfzehn Jahre gezeigt, dass dies gut in eine Crash-Phase hineinfallen und somit der Vermögensverlust groß sein kann.

Darauf hinzuweisen ist umso wichtiger, weil die Niedrigzins-Phase gerade vielen Privatanlegern den Aktienmarkt als attraktive Alternative erscheinen lässt. Je mehr Geld aber in den Markt fließt, umso größer wird die Gefahr der Überbewertung und damit wiederum das Crashrisiko.

Aktien-Investments sind also eine Risiko-Veranstaltung. Für viele Anleger kann dies das richtige Mittel sein. Wer sich kompetent macht, fortlaufend informiert und behutsam vorgeht, kann eine ordentliche Rendite einfahren. Dafür gibt es aber keine Garantie. Auch ein Zeitraum von 10 Jahren ist noch keine Garantie für eine positive Rendite, wie zum Beispiel das "verlorene Jahrzehnt" 2001-2011 zeigt. Der Anleger darf nicht blindlings dem auch vom DAI bemühten Argument der "langen Frist" vertrauen. Das hatte schon der Ökonom John Maynard Keynes erkannt: "Auf lange Sicht sind wir alle tot."

Klar ist auch: Der Kreis derjenigen, die sich derart intensiv mit ihren Investments beschäftigen wollen und können, ist begrenzt. Und, wie die zum Teil katastrophale Performance einiger Fondsmanager zeigt, schützt auch das vor Misserfolgen nicht.

Gut möglich also, dass es genau der deutschen "Aktienkultur" entspricht, wenn 14 Prozent der über 14-Jährigen Aktien besitzen. Mit plumpen, ideologischen Appellen, diese Quote zu erhöhen, wird das DAI sie nicht steigern können.

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