Freitag, 18. Oktober 2019

Deutsche Börse ohne LSE Wo bleibt Plan B, Herr Kengeter?

"Wir fühlen uns für die Zukunft sehr gut gerüstet": Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter

Die Deutsche Börse will angesichts des absehbaren Scheiterns der Fusion mit der Londoner Börse (LSE) nach vorne schauen. "Wir fühlen uns als Unternehmen selbst für die Zukunft sehr gut gerüstet", sagt Vorstandschef Kengeter am Mittwoch. Mit seiner Strategie und geplanten Innovationen sei der Konzern "hervorragend" aufgestellt. Sein Ziel bleibe es, das Unternehmen in die internationale Spitzengruppe zurückzuführen. "Denn da gehört die Deutsche Börse hin."

Mit anderen Worten: Es geht auch ohne London. An Selbstbewusstsein fehlt es dem ehemaligen Goldman-Sachs-Manager nicht. Aber einen gleichwertigen Plan B als Ersatz für den so gut wie geplatzten Zusammenschluss mit der LSE hat Kengeter nicht parat. Das würde auch überraschen, zumal auf Fragen nach einem möglichen Scheitern der Fusion der Manager noch kürzlich betonte, er kenne nur einen Plan A.

Der Weg "zurück in die Spitzengruppe" dürfte nach insgesamt mittlerweile fünf gescheiterten Versuchen einer Fusion über eben eine solche vorerst verbaut sein. In einer Branche, wo die schiere Größe eines Handelsplatzes nicht unwichtig für die Kosten und damit das eigene Überleben ist, ist das eine bedrückende Perspektive. Zumal auch nicht auszuschließen ist, dass die LSE jetzt schnell Objekt der Begierde der dominierenden US-Börsen wird und damit sich das Ungleichgewicht zwischen Europa und den USA noch verstärkt.

Doch wo liegt die Zukunft für die Deutsche Börse jenseits von Größe? Kengeter sieht die Herausforderungen für die Branche selbstredend vor allem in "Blockchain" und "künstliche Intelligenz". Gern nutzt der Manager in diesem Kontext dann den Begriff "Börse 4.0" - noch so ein Modewort.

Mit anderen Worten: Börse werde in wenigen Jahren noch stärker als ohnehin schon digital und datengetrieben sein. Auf dieser Basis müssten die Betreiber neue Dienstleistungen anbieten, eine Börse schaffen, die letztlich so einfach zu bedienen sei wie ein App-Store, wie Kengeter zum Neujahrsempfang erklärte. Wie Börse 4.0 im Kleinen aussehen könnte, zeigen Planungen des Unternehmens zu einem Blockchain-Projekt für Überweisungen. Nach einem Plan B sieht das nicht aus.

Auf dem gleichen Empfang attestierte indes Larry Fink, Gründer und Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, den Deutschen einen Mangel an finanzieller Kompetenz. Will sagen: Die Deutschen investieren falsch, weil sie einen Großteil ihres Geldes risikoscheu und eben nicht in Aktien investieren.

Diese Menschen kann Kengeter mit "Börse 4.0" wohl nicht meinen. Kaum vorstellbar, dass sie irgendwann mal - um im Bild zu bleiben - eine App von der Deutschen Börse auf ihr Smartphone laden, um dann fleißig mit Wertpapieren zu handeln, woran die Deutsche Börse gut verdiente. Nicht nur Privatanleger haben sich in der Vergangenheit zu oft an der Börse die Finger verbrannt - etwa am Neuen Markt.

Es mag Zufall sein: Die scheiternde Fusion mit der LSE vor Augen und 14 Jahre nach dem Ende des Neuen Marktes hat die Deutsche Börse am Mittwoch ihr neues Wachstumssegment "Scale" für kleine und mittelgroße Firmen eröffnet. So könnten sich Investoren künftig an diesen Firmen leichter beteiligen, hofft Kengeter. "Damit aus guten Ideen Wachstum und Arbeitsplätze werden." Ein Index werde in Kürze folgen.

Eine Cashcow wird das sicher nicht. Aber wenn es ohne London gehen soll, muss Kengeter etwas Neues versuchen. Ob der unter Insiderhandelsverdacht stehende Ex-Investmentbanker die Früchte dieser kleinteiligen Arbeit wird noch ernten können, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt.

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