Freitag, 10. April 2020

Expertenurteile als Kontraindikator So irren sich Analysten seit Jahren bei der Deutschen Bank

Deutsche-Bank-Niederlassung in London: Das Institut sucht einen Weg aus seiner Krise - Investoren scheinen wieder daran zu glauben
Tolga Akmen / AFP
Deutsche-Bank-Niederlassung in London: Das Institut sucht einen Weg aus seiner Krise - Investoren scheinen wieder daran zu glauben

Um es gleich vorweg zu nehmen: Aktienanalysten sind selbstverständlich auch nur Menschen, die ihren Job machen. Keine Hellseher. Ebenso wenig wie irgendjemand sonst auf der Welt können sie in die Zukunft blicken.

Das Problem ist nur: Anders als die meisten Menschen verrichten die Analysten bei Banken, Investmenthäusern und Researchfirmen eine Arbeit, die genau diesen Eindruck erwecken kann: Unbedarfte Anleger können auf die Idee kommen, die Urteile zu Aktien oder anderen Wertpapieren so zu lesen, als ermöglichten diese einen mehr oder weniger verlässlichen Blick in die Zukunft. Und das kann eigentlich nur schiefgehen.

Das Stichwort führt direkt zur Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen, einem aktuellen und besonders krassen Beispiel dafür, wie problematisch die Empfehlungen von Analysten für Investoren sein können. Kein Zweifel: Die Zunft arbeitet insgesamt sicher seriös und mag mit ihren Einschätzungen auch schon manches Mal ins Schwarze getroffen haben. Aufmerksame Beobachter der Finanzwelt wissen jedoch, dass Aktienanalysen allzu oft auch zu irreführenden Schlüssen gelangen - und selten dürfte sich das so drastisch gezeigt haben, wie in diesen Tagen sowie rückblickend in den vergangenen Jahren im Fall der Deutschen Bank.

Die Fakten in aller Kürze: Die Talfahrt, die die Aktie der Deutschen Bank in den vergangenen Jahren hingelegt hat, ist inzwischen legendär. 2007, kurz vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise, notierte das Papier auf Rekordniveau. Das historische Hoch, erreicht am 11. Mai 2007, betrug 91,63 Euro. Dann ging es abwärts, begleitet von erodierenden Geschäftsergebnissen, verschiedenen Skandalen und mehrfachen Wechseln des Führungspersonals.

Auf dem Tiefpunkt, Mitte August vergangenen Jahres, kostete eine Deutsche-Bank-Aktie kurzzeitig weniger als sechs Euro. Der Wertverlust im Laufe der gut zwölf Jahre zwischen Höchst- und Tiefstkurs betrug also etwas mehr als 93 Prozent.

Doch kurz darauf geschah, womit zu der Zeit kaum jemand ernsthaft gerechnet haben dürfte (am allerwenigsten offenbar die Analysten, die die Deutsche-Bank-Aktie "covern", doch dazu später mehr): Der Aktienkurs der Deutschen Bank begann plötzlich wieder zu steigen. Zunächst zaghaft und von Rücksetzern begleitet, zuletzt jedoch mit zunehmendem Tempo. Inzwischen notiert die Deutsche-Bank-Aktie bereits wieder bei mehr als neun Euro, womit sie im laufenden Jahr auf einen Wertzuwachs von stattlichen 35 Prozent kommt. Kein anderes Papier im Dax Börsen-Chart zeigen hat sich 2020 bislang so erfreulich entwickelt.

Warum steigt plötzlich der Aktienkurs?

Über die Gründe für dieses phänomenale Comeback lässt sich, wie meist bei kurzfristigen Kursgewinnen im zweistelligen Prozentbereich, nur rätseln. Im Juli vergangenen Jahres hatte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing angekündigt,einen Schlussstrich unter die Probleme der Vergangenheit ziehen und das Institut per Grundsanierung in die Zukunft führen zu wollen. Von da an vergingen jedoch noch einmal einige Monate, bis die Aktie zu ihrem aktuellen Höhenflug ansetzte, und zwar ohne dass Sewing in der Zwischenzeit wirklich nennenswerte Neuigkeiten zu den Plänen präsentiert hätte: Zwar kommt die Bank bei ihrer Restrukturierung offenbar gut voran. Bei der mangelnden Profitabilität macht sie aber weiter kaum Fortschritte.

Auch die Geschäftsergebnisse, die der CEO zuletzt preisgab, rechtfertigen den Kurs-Hype kaum: Ende Januar musste die Deutsche Bank ihren fünften Jahresverlust in Folge melden.

Doch das ist eben lediglich der Blick in den Rückspiegel. Investoren, die beim Deutsche-Bank-Papier jetzt zugreifen, glauben offensichtlich schlicht an eine positive Entwicklung des Instituts in der Zukunft. Investoren wie die Capital Group aus Kalifornien beispielsweise. Das Finanzhaus hat in dieser Woche eine Beteiligung an der Deutschen Bank von mehr als 3 Prozent publik gemacht und gehört damit nun zu den größten Aktionären. Auch das hat dem Aktienkurs Berichten zufolge zusätzlichen Auftrieb verliehen.

Vor der Kurstalfahrt riet kaum ein Analyst zum Verkauf

Und dann wären da eben noch die Analysten. Einer von ihnen, nämlich Andrew Lim von der französischen Großbank Société Générale Börsen-Chart zeigen, verbesserte vor wenigen Tagen sein Urteil von "verkaufen" auf "halten". Auch diese Entscheidung sei ein Treiber für den Aktienkurs gewesen, berichteten daraufhin die Nachrichtenagenturen.

Aber warum eigentlich? Wer sich die Begleitung der Deutschen-Bank-Aktie durch die zahlreichen Analysten von Banken und Researchhäusern in den vergangenen Jahren anschaut, kann eigentlich nur zu einem Urteil kommen: Ganz gleich, welche Empfehlung diese Experten zu dem Papier abgeben - Investoren sollten eher das genaue Gegenteil tun.

Die Gründe dafür: 2007, als die Deutsche-Bank-Aktie auf ihrem Höhepunkt und damit kurz vor ihrer langanhaltenden Talfahrt war, gab es beinahe keinen Analysten, der zum Verkauf des Papiers geraten hätte. Daten von Bloomberg etwa lassen lediglich eine einzige Verkaufsempfehlung aus jener Zeit erkennen. Dann, im Laufe des Kursrückgangs um mehr als 90 Prozent, wechselten auch die Analysten nach und nach das Lager: Je weiter der Kurs abrutschte, desto mehr von ihnen rieten zum Verkauf der Aktie - bei der offenbar ohnehin bereits ein immenser Verkaufsdruck bestand.

Erstmals keine einzige Kaufempfehlung für Deutsche-Bank-Aktie

Anfang dieses Jahres war dann ein historischer Moment erreicht: Erstmals seit Bloomberg die Daten verfolgt, lag keine einzige Kaufempfehlung für die Deutsche-Bank-Aktie mehr vor, und bis heute ist auch noch keine wieder dazugekommen. Stattdessen gibt es ausschließlich Ratschläge der Analysten, das Papier zu verkaufen oder lediglich zu halten. Und das ausgerechnet in dem Moment, in dem die Aktie nach jahrelanger Talfahrt endlich einmal wieder messbare Kursgewinne zu erzielen scheint.

Vor dem Hintergrund kann es schon verwundern, dass ausgerechnet das Urteil eines Analysten zur Deutschen Bank nach wie vor Einfluss auf den Kurs haben soll. Schließlich kursieren Zweifel an der Zuverlässigkeit von Analystenurteilen nicht erst seit Kurzem am Finanzmarkt. Seit Jahren gibt es Berichte über Studien, die der Zunft eine geringe Treffgenauigkeit attestieren oder die deren Arbeit gleich rundweg als "wertlos" abtun.

Derartige Pauschalurteile dürften dann allerdings doch zu weit gehen. Wie das Beispiel der Deutschen Bank zeigt, können Investoren Aktienanalysen doch offenbar zumindest zu einem Zweck gut nutzen: als Kontraindikator.

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