Mittwoch, 26. Juni 2019

Aktionäre rebellieren gegen Achleitner - Berater empfiehlt Nicht-Entlastung Deutsche Bank stürzt weiter - ISS verliert Geduld mit Führung

Paul Achleitner: Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank gerät unter Druck

Rekordtief einen Tag vor dem Aktionärstreffen: Die Aktie der Deutschen Bank ist am Mittwoch im Handelsverlauf zeitweise bis auf 6,60 Euro gefallen. Das ist das tiefste Niveau seit 45 Jahren. Die Stimmung unter den Aktionären, die seit Jahren den Sturz der Deutsche-Bank-Aktie und die Wertvernichtung in ihren Depots beobachten müssen, ist vor Beginn des Aktionärstreffens in der Frankfurter Festhalle eisig.

Mindestens drei Großaktionäre fordern Insidern zufolge die vorzeitige Ablösung von Aufsichtsratschef Paul Achleitner, dessen Amtszeit noch bis 2022 läuft. Auch die mächtigen Stimmrechtsberater Glass Lewis und Institutional Investor Services (ISS), nach deren Empfehlungen sich viele institutionelle Anleger wie Fonds oder Pensionskassen aus den USA und Großbritannien richten, haben die Geduld verloren. Sie sprachen sich anders als Hermes dafür aus, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.

Hermes will Führung entlasten

Der Aktionärsberater Hermes EOS dagegen stärkt den Führungsgremien der Deutschen Bank den Rücken. Hermes-Vertreter Roland Bosch empfahl am Mittwoch, Vorstand und Aufsichtsrat auf der Hauptversammlung am Donnerstag zu entlasten. Der seit gut einem Jahr amtierende Konzernchef Christian Sewing und sein Team sollten mehr Zeit erhalten, um die Herausforderungen anzugehen und die Wende zu schaffen. "Wir glauben auch nicht, dass ein sofortiger Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats im Interesse der Aktionäre und anderer Interessensvertreter wäre", erklärte Hermes.

Deutsche Bank gesteht IT-Panne ein

Peinlich für die Deutsche Bank: Sie musste unmittelbar vor der Hauptversammlung am Donnerstag eingestehen, dass ein Software-Fehler bei der Überprüfung des Zahlungsverkehrs gefunden worden sei. Das Institut habe mehrere Anwendungen, um Risiken im Zahlungsverkehr zu überwachen, teilte es am Mittwoch mit. "Bei einer dieser Anwendungen sind zwei von 121 Parametern nicht korrekt definiert." Dabei sei es darum gegangen, Transaktionen im Nachhinein zu analysieren, nicht um die Ausführung von Geldströmen. Die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen bestätigte damit einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung". Demnach hat das Geldhaus Probleme, Zahlungen von Großkunden vorschriftsmäßig zu überprüfen. Die Bank arbeite daran, den Fehler "schnellstmöglich" zu beheben und befinde sich dazu "im engen Austausch mit den Regulatoren".

Achleitner seit Jahren in der Kritik

Chefkontrolleur Achleitner steht seit 2012 an der Spitze des Kontrollgremiums. Seit seinem Amtsantritt ist der Aktienkurs um gut 70 Prozent gefallen - ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. Auch die mehrfachen Chefwechsel und Strategieänderungen lasten Kritiker dem 62-jährigen Achleitner an. "Es ist Zeit, dass Achleitner die Verantwortung übernimmt", sagte einer der Insider.

In der Vergangenheit hat Achleitner, der auf den Aktionärsversammlungen fast schon traditionell unter Beschuss steht, sie hinter sich wissen können. Obwohl sich auch im vergangenen Jahr bereits heftige Kritik an dem Aufsichtsratschef entzündet hatte, stimmten letztendlich über 84 Prozent für eine Entlastung. Für eine Abwahl von Achleitner - die auch in diesem Jahr zur Abstimmung steht - votierten damals lediglich gut neun Prozent der Anleger.

Die Entlastung der Führungsmannschaft hat zwar nur symbolische Bedeutung und keine rechtlichen Konsequenzen, aber sie gilt als Gradmesser für das Vertrauen der Aktionäre. Daran mangelt es in diesem Jahr bei einigen wichtigen Unternehmen: So kassierte etwa Bayer-Chef Werner Baumann wegen der Monsanto-Übernahme eine Niederlage, die Führung der Schweizer Großbank UBS wurde ebenfalls abgestraft und nicht entlastet.

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