Irrer Aktienhandel Der Aufstand der Flashmob-Trader gegen die Wall Street

Private Anleger pushen mit Absprachen in den sozialen Medien kleine Aktien wie Gamestop zu exorbitanten Kursgewinnen - zum Schaden etablierter Hedgefonds. Dahinter steht eine Mischung aus Spieltrieb, Machtrausch und Gier.
Opfer: Der Chef des Hedgefonds Citron, Andrew Left, geriet durch die Angriffe in Not.

Opfer: Der Chef des Hedgefonds Citron, Andrew Left, geriet durch die Angriffe in Not.

Foto: BRENDAN MCDERMID / REUTERS

Die anonymen Rebellen sind nicht zimperlich in ihrer Wortwahl. "An alle großen verfickten Hedgefonds, dies ist eine Botschaft an euch", schreibt einer von ihnen im Forum "WallStreetBets" des Portals Reddit, natürlich unter Pseudonym. "We fucking own you now. Fuck you Melvin Capital. Fuck you Citron Research." Was hier passiere, sei eine Übernahme durch die Normalbürger. "Das wird in die Geschichte eingehen."

So brüsten sich in den Reddit-Foren Menschen, die nach eigenen Angaben teils mehrere Tausend Dollar in Aktien des Videospielehändlers Gamestop investiert haben – und so seit Tagen schon die Kurse der eigentlich angeschlagenen Firma in absurde Höhen treiben. Die Aktie von Gamestop, ein Nebenwert eigentlich, hat innerhalb von vier Wochen 1700 Prozent zugelegt, das Unternehmen ist inzwischen mehr als zehn Milliarden Dollar wert. Ein ähnliches Muster ist bei etlichen anderen Aktien zu beobachten, darunter auch bei durchaus gesunden Firmen: in den USA bei AMC, Blackberry oder Marcy's, in Europa bei Nokia oder der deutschen Varta.

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Kleinanleger gegen Shortseller - diese Aktien stehen im Blickpunkt

Foto: Jim Young / REUTERS

Das typische Vorgehen dieser Flashmob-Trader: Sie investieren gegen die Short-Positionen bekannter Hedgefonds, die auf fallende Aktienkurse wetten. So gerieten etwa die im Reddit-Forum direkt angesprochenen Hedgefonds Melvin Capital und Citron in dieser Woche durch die anhaltenden Kurssteigerungen von Gamestop in Not. Der 13 Milliarden Dollar schwere US-Fonds Melvin Capital musste mit 2,75 Milliarden Dollar von den Investmenthäusern Citadel und Point72 gestützt werden, um die größte Hedgefonds-Pleite seit 1990 zu vermeiden. Und Citron-Chef Andrew Left sah sich zu einer Videobotschaft gezwungen.  "Jeder denkt, dass diese Aktie scheiße ist", verteidigte er darin seine Short-Strategie. "Die Leute kaufen sie nur aus einem Grund: Für sie ist es ein Spiel."

Die Spielfläche, auf der sich die Anleger tummeln, ist ein Bereich der Chat-Plattform Reddit namens "WallStreetBets". In diesem bereits 2012 etablierten Segment tauschen angeblich bis zu 2,5 Millionen Zocker hochspekulative Aktientipps aus. Zwar betonten die Moderatoren des Forums in einem Statement gerade erst, dass es keine konzertierte Aktion für oder gegen einzelne Aktien gebe. Fakt ist aber: Hier wurden in den vergangenen Wochen Gamestop und all die anderen Werte gepusht.

Klassenkampf, Machtrausch und Gier

Die wahren Motive der Reddit-User liegen im Dunkeln. Vermutlich ist es eine Mischung aus Klassenkampf, Machtrausch und schlichter Gier. Liest man die Kommentare in den Foren, werden die Investments zum Aufstand gegen die Wall Street stilisiert: die Normalbürger gegen die vermeintlichen "Masters of the universe", Motto: Wir hier unten gegen die da oben.

Technisch ausgerüstet mit kostengünstigen Trading-Apps wie Robinhood oder Trade Republic sind in den vergangenen Monaten viele Anleger an die Börse gekommen. In der in den Foren verbreiteten Logik verderben die Hedgefonds, die auf sinkende Kurse wetten, den normalen Menschen die ihnen zustehenden Gewinne. Die anderen Anleger sollten keinesfalls den Mainstream-Medien glauben, die nur Sympathie für die Hedgefonds erzeugen wollten, Short-Wetten seien nichts anderes als "domestic terrorism". Wenn das Forum "WallStreetBets" geschlossen würde, schreibt einer unter dem Pseudonym "WSB Chairman" auf Twitter, "sollten sie besser jeden einzelnen Wall-Street-Hedgefonds zu Fall bringen, der ununterbrochen Gangstertaktiken anwendet, um schnelles Geld zu machen."

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Der Account inszeniert sich als Wortführer der Bewegung, ist aber in der Community umstritten; dort wird eher auf den angeblich offiziellen Twitter-Account "wsbmod" der Moderatoren verwiesen. Da der Tweet von "WSB Chairman" aber sogar von Elon Musk (49) gelikt wurde, kursiert er in der Szene voller Stolz. "Der Jesus der Bourgeoisie hält uns den Rücken frei", jubelt ein anonymer User bei Reddit.

Profiinvestoren zeigen sich angesichts solcher Verbindungen überrascht. "Die Gamer-Generation macht zusammen mit Elon Musk Jagd auf Hedgefonds", erklärt etwa Baki Irmak bei Twitter. Der Anlagexperte hat lange bei der Deutschen Bank und ihrer Fondstochter DWS gearbeitet, bevor er den Digital Leaders Fund gründete. Sein Schluss: "It's a game, stupid!"

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Und damit zum zweiten Motiv. Die Querverweise und Beiträge in den Foren lassen neben dem angeblichen Klassenkampf auf eine Art spielerisches Jagdfieber schließen. Gegenseitig treiben sich die User in den Foren mit immer neuen Kurszwischenständen an, die ihre Macht an den Märkten widerspiegeln. So wurden am Mittwoch die exorbitanten Kurssprünge der AMC-Aktie vor Handelsstart gepostet: "Ihr seid Psychopathen, Leute!" Die Gamestop-Aktie soll auf 1000 Dollar gepeitscht werden.

Zum einen offenbaren sich hier spielerische Züge. Etwa wenn "WBS Chairman" der Community kurz vor dem offiziellen Börsenstart einheizt und dabei wie zu Computerspielern spricht. "Noch zehn Minuten, bis das Spiel beginnt. Habt ihr eure Controller?" Oder kurz darauf: "Let the Hunger Games begin". Oder wenn andere stolz posten, dass der Hashtag #SaveAMC an diesem Mittwoch das in den USA am stärksten trendende Thema auf Twitter ist – #SaveAMC ist dabei eine Anspielung darauf, dass die Kleinanleger die AMC-Aktie gegen die Spekulanten verteidigen, die auf fallende Kurse wetten. Auch der Aufruf, den Hashtag #OccupyWallStreet zu pushen, passt in die spielerische Herangehensweise.

Zum anderen offenbart sich in der gemeinsamen Jagd eine Art Rausch an der eigenen Macht. Gepaart mit einer starken Abneigung gegen "Mainstream-Medien", gegen die offiziellen Autoritäten wie die Börsenaufsicht SEC oder gegen Big Money allgemein erinnert das stark an die Gegenbewegungen auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Dazu kommt – womöglich das dritte Motiv – die Gier der Anleger. Die Mob-Investoren können mit ihren Gemeinschaftsaktionen durchaus Geld verdienen. Die Aktien, um die es geht, sind klein genug, dass die Masse der Kleinanleger wirklich Kurssteigerungen auslösen kann. Über die sozialen Netzwerke werden nun gezielt einzelne Aktien gepusht, bei denen professionelle Investoren eine Gegenposition halten. So sind laut einer Reuters-Analyse die 20 Small-Cap-Unternehmen des Russell 2000-Index mit den größten Wetten gegen sich in diesem Jahr bisher im Durchschnitt um 60 Prozent gestiegen.

Hedgefonds mit größeren Shortpositionen bei einzelnen Aktien könnten angesichts der Kurssteigerungen gezwungen sein, Aktien nachzukaufen – ein klassischer Squeeze out. Die Mob-Investoren können also, wenn sie rechtzeitig aussteigen, erhebliche Gewinne erzielen.

So nicht: Nasdaq-Chefin Adena Friedman

So nicht: Nasdaq-Chefin Adena Friedman

Foto: Javier Rojas / imago/ZUMA Press

Viele Marktteilnehmer fordern daher bereits eine Untersuchung der Fälle. Börsen und Aufsichtsbehörden sollten aufpassen, ob es sich bei den Chats und Social-Media-Aktivitäten um gezielte Manipulationsversuche handele, erklärte etwa Adena Friedman (52), die Vorstandschefin der Nasdaq, dem amerikanischen TV-Sender CNBC. Sogar drastische Schritte kann sie sich vorstellen. Sollten ihre Leute einen signifikanten Chat-Anstieg in den sozialen Medien und gleichzeitig ungewöhnliche Handelsaktivitäten beobachten, könnten sie die betroffene Aktie zeitweise vom Handel aussetzen, um den Vorgang zu untersuchen und die Börsenaufsicht SEC einzuschalten.

Wie lange die Jagd noch weitergeht? Er habe so etwas wie jetzt noch nie zuvor gesehen, sagt Eric Kuby, Chefanleger bei North Star Investment Management in Chicago. "Aber das ist etwas, das nicht mehr lange anhalten wird, weil es von jeglicher wirtschaftlichen Realität völlig abgekoppelt ist." Es sei jedenfalls komplett irrational und werde sicher "ganz schlimm enden". Und Matthias Scheiber von Wells Fargo Asset Management in London fühlt sich angesichts der völlig von der Realität entkoppelten Übertreibungen bereits an die New-Economy-Blase erinnert: Auch in den frühen 2000er Jahren haben man kurzfristige Verzerrungen erlebt, die von privaten Anlegern ausgelöst wurden.

lhy/ Reuters
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