Börsengang in London Deliveroo-Aktie bricht zum Start um 30 Prozent ein

Der Deliveroo-Börsengang in London gerät zum Misserfolg. Große Investoren verweigern den Kauf der neuen Aktien, weil Gründer William Shu keine Kontrolle des Lieferdienstes abgibt. Auch Proteste wegen der Arbeitsbedingungen der Kuriere beeindrucken die Börse.
No Delivery Day: Demonstration von Deliveroo-Kurieren in Mailand Mitte März

No Delivery Day: Demonstration von Deliveroo-Kurieren in Mailand Mitte März

Foto: R4924_italyphotopress / imago images/Italy Photo Press

Die Aktie  des britischen Essenslieferdienstes Deliveroo ist bei ihrem Debüt auf dem Londoner Parkett eingebrochen. Der erste Börsenkurs notierte am Mittwoch bei 331 Pence und damit deutlich unter dem Ausgabepreis von 390 Pence. Danach startete das Papier eine Talfahrt und weitete noch in den ersten Minuten die Verluste auf 275 Pence aus, was einem Minus von 30 Prozent entspricht. Zum Ausgabepreis wurde Deliveroo mit 7,6 Milliarden Pfund (umgerechnet 8,91 Milliarden Euro) bewertet - bereits weniger als ursprünglich angepeilt.

Zuvor hatten britische Fondsmanager bereits mit Skepsis auf die Neuemission des 2013 gegründeten Unternehmens geschaut. Einige stellten die Frage, ob der rote Zahlen schreibende Lieferdienst, an dem Amazon beteiligt ist, jemals seine Bewertung rechtfertigen könnte. Bedenken wurden auch wegen der Trennung in zwei Aktiengattungen mit unterschiedlichen Stimmrechten und des auf Schein-Selbstständige bauenden Geschäftsmodells geäußert. Große Anlagegesellschaften wie Aberdeen Standard Life, Aviva, Legal & General Investment Management und M&G entschieden sich, dem Börsengang fernzubleiben.

Ein Topbanker, der sich nur anonym äußern wollte, beurteilte den Deliveroo-Börsengang als schädlich für die Aussicht auf weitere große Debüts von Aktiengesellschaften in Großbritannien und Europa. Er sprach von einer "massiven Abkopplung des Orderbuchs vom breiteren Markt" - die am Börsengang beteiligten Investmentbanken hätten also die Nachfrage nach Deliveroo-Aktien bei Weitem überschätzt. JPMorgan und Goldman Sachs führten die Ausgabe der Aktien an, daneben waren Bank of America, Citigroup, Jefferies und Numis beteiligt.

Größter Börsengang in London seit 2011

Deliveroo und andere Lieferdienste wie der Dax-Konzern Delivery Hero und der niederländische Konzern Just Eat Takeaway, dem der in Deutschland führende Anbieter Lieferando gehört, zählen zu den großen Gewinnern der Corona-Krise. Während einige der Wettbewerber sich vor allem als Plattform für bestehende Pizzataxis verstehen, setzt Deliveroo auf eigene Kuriere, die formell selbstständig fahren.

Das Geschäftsmodell kollidiert in ähnlicher Weise mit etablierten Arbeitsverträgen wie das des Fahrdienstes Uber, der im Februar eine Niederlage vor dem Obersten Gericht Großbritanniens erlitt: Nun haben die Fahrer dort Anspruch auf normale Arbeitnehmerrechte. Uber stellte seine britischen Fahrer daraufhin im März ein, was laut Bank of America eine halbe Milliarde Dollar kosten dürfte. Im Börsenprospekt wies Deliveroo auf arbeitsrechtliche Risiken in Großbritannien und anderen Märkten hin. Kurz vor dem Börsengang protestierten Deliveroo-Fahrer in mehreren Ländern gegen ihre Arbeitsbedingungen. Die Aktion dürfte einige der Anlagegesellschaften, die sich zu sozial verantwortlichem Investieren bekennen, abgeschreckt haben.

Deliveroo-Chef William Shu (41), der das Unternehmen 2013 gründete, hat sich durch die gewählte Doppelstruktur verschiedener Aktiengattungen ein Übergewicht an Stimmrechten gesichert. Der Börsengang gilt als größter in London seit dem Rohstoffkonzern Glencore im Mai 2011 und der größte eines Technologiekonzerns in London überhaupt. Der britische Finanzminister Rishi Sunak (40) hatte gehofft, mit dem Beispiel Deliveroo weitere Techfirmen nach London locken zu können. Für die "echte britische Tech-Erfolgsgeschichte" ließ er eigens die Börsenregeln lockern, damit auch Firmen mit Sonderrechten für Teile der Aktionäre in den Leitindex FTSE 100 aufgenommen werden können.

Deliveroo arbeitet bislang unprofitabel. Im Jahr 2020 schrumpfte der Verlust von 317 Millionen auf 224 Millionen Pfund (251 Millionen Euro). Noch vor wenigen Wochen gab es an der Börse großen Appetit für schnell wachsende Techfirmen, ungeachtet der Profitabilität. Mit steigenden Anleiherenditen hat dieser Handel jedoch an Attraktivität eingebüßt.

ak/Reuters
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