Sonntag, 17. November 2019

Ende einer Ära Thyssenkrupp muss seinen Platz im Dax für MTU räumen

Thyssenkrupp-Logo: Mit Thyssen war ein Teil des 1999 fusionierten Unternehmens seit dem ersten Tag des deutschen Leitindex im Jahr 1988 dabei

Herber Prestigeverlust für Thyssenkrupp: Der mehr als 200 Jahre alte Industriekonzern muss sich aus der Topliga der 30 wertvollsten Börsenunternehmen verabschieden. Der Konzern war seit der Gründung des deutschen Leitindexes Dax Börsen-Chart zeigen im Jahr 1988 dabei. Ersetzt wird Thyssenkrupp vom Münchener Triebwerksbauer MTU Aero Engines, wie die Deutsche Börse Börsen-Chart zeigen am Mittwochabend in Frankfurt mitteilte. Vollzogen wird der Wechsel von Thyssenkrupp zu MTU zum 23. September.

Die Aktien von MTU Börsen-Chart zeigen waren bereits zu Wochenbeginn in Erwartung der Entscheidung zeitweise auf ein Rekordhoch von 254 Euro gestiegen, bevor erste Gewinnmitnahmen einsetzten. Binnen fünf Jahren hat sich der Kurs der Aktie mehr als vervierfacht.

Der Konzern hat in den vergangenen Jahren einen Rekordlauf hingelegt. Das Münchener Unternehmen mit gut 10.000 Mitarbeitern und 4,6 Milliarden Euro Jahresumsatz profitiert vom Wachstum der Luftfahrt. Da immer mehr Menschen weltweit fliegen, sind Triebwerke gefragt. Übertroffene Jahresziele und brummende Geschäfte haben die Aktie binnen eines Jahres um 32 Prozent hoch getrieben. Über zehn Jahre steht ein sagenhaftes Plus von 750 Prozent.

MTU baut die Triebwerke nicht nur, sondern wartet sie auch: Bei der Instandhaltung und Reparatur des V2500 etwa, dem Antrieb der Airbus-A320-Familie, ist MTU nach eigenen Angaben weltweit führend. Auch im Militärgeschäft ist MTU eine Branchengröße, so als Partner bei der Wartung für fast alle Luftfahrtantriebe der Bundeswehr. In Erding bei München arbeiten Bundeswehr- und MTU-Beschäftigte Hand in Hand. Zudem baut der Konzern Triebwerk-Module für den Eurofighter.

Thyssenkrupp steckt tief in der Krise

Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen steckt dagegen seit langem in der Krise. "Dass uns der Abstieg aus dem Dax enttäuscht, steht außer Frage. Als Gründungsmitglied wären wir dem Leitindex gern erhalten geblieben", kommentierte Thyssenkrupp-Vorstandschef Guido Kerkhoff das Ausscheiden. "Man muss aber auch ehrlich sein: Unsere Performance war zu schwach, daher ist der Gang in den MDax Börsen-Chart zeigen die logische Konsequenz."

Die Finanzdecke bei Thyssenkrupp ist dünn - auch eine Folge von milliardenschweren Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Brasilien und den USA. Die als Befreiungsschlag geplante Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata wurde von der EU untersagt. Vorstandschef Kerkhoff sagte daraufhin auch die Aufspaltung des Konzerns in zwei eigenständige Unternehmen ab.

Aufzugsparte soll verkauft werden oder an die Börse gehen

Um Geld in die leeren Kassen zu bekommen, plant Kerkhoff den Börsengang oder einen Verkauf der profitablen Aufzugssparte. Ihr Wert wird von Analysten deutlich höher eingeschätzt als der des gesamten Konzerns mit seinen weltweit rund 160.000 Mitarbeitern. Für die Beschäftigten hat der Dax-Abstieg keine direkten Folgen. Sie sind von dem Konzernumbau betroffen, bei dem 6000 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, davon 4000 in Deutschland.

Wichtig sind Index-Änderungen vor allem für Fonds, die Indizes exakt nachbilden (ETF). Dort muss dann entsprechend umgeschichtet und umgewichtet werden, was Einfluss auf die Aktienkurse haben kann. Im MDax, der zweiten Börsenliga mit 60 Mitgliedern, gibt es nach Einschätzung von Experten aber auch Chancen zur Erholung. Dort dürften die Essener "ein sehr sichtbarer und dominanter Wert werden", meinte beispielsweise Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt.

Kerkhoff will die Chancen nutzen. "Wichtig ist, dass wir den Konzern jetzt neu und profitabler aufstellen, um so das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Darauf liegt unser Fokus, daran arbeiten wir mit aller Kraft", betonte er in seiner ersten Reaktion auf den Dax-Abstieg.

Aktie ist auf dem tiefsten Stand seit 2003

Schließlich ist der Kurs der Thyssenkrupp-Aktie ein einziges Trauerspiel - der Kurssprung nach dem erneuten Strategieschwenk verpuffte schnell. Inzwischen ist das Papier auf den tiefsten Stand seit 2003 gefallen und kostet nur noch etwas mehr als 9 Euro.

Die Performance-Daten der Aktie lesen sich wie ein Schreckensszenario: Alleine in diesem Jahr beträgt der Verlust 37 Prozent, seit Kerkhoffs Amtsantritt sind es rund 55 Prozent und seit dem Rekordhoch von 46,92 Euro im Herbst 2007 sank der Kurs um 80 Prozent. Unter den aktuell im Dax gelisteten Werten hat in diesem Zeitraum nur die Deutsche Bank mehr verloren.

So sehen Analysten die Zukunft von Thyssenkrupp

Die Experten kommen dem jüngsten Absturz der Aktie kaum hinterher. So haben derzeit nur zwei Analysten ein Kursziel unter 10 Euro - größter Pessimist ist Alphavalue-Experte Hans-Peter Wodniok. Er stufte das Papier nach den Zahlen zum dritten Quartal von "Reduce" auf "Sell" - zudem senkte er das Kursziel um 30 Prozent auf 6,65 Euro.

Sorgen bereitet ihm vor allem der hohe Schuldenberg und die Last aus den stark gestiegenen Pensionsrückstellungen, nachdem die Stahlsparte wieder voll in der Konzernbilanz integriert ist. Das ist der Hauptgrund dafür, dass er sein Kursziel so deutlich reduzierte.

Nach den Quartalszahlen senkten viele Experten ihre Kursziele - aber trotz der Reduzierungen liegen die meisten zum Teil noch deutlich über dem aktuellen Kursniveau. Zu den größten Optimisten zählen Jefferies-Experte Alan Spence und Kepler-Cheuvreux-Analyst Rochus Brauneiser - das Kursziel der beiden liegt mit 16 Euro um fast 70 Prozent über dem aktuellen Niveau.


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Beide empfehlen das Papier dementsprechend auch zum Kauf. Insgesamt tun das neun der 19 von Bloomberg erfassten Experten, sieben halten sich derzeit bedeckt und geben weder eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung - lediglich drei raten zum Verkauf. Denn die meisten sehen ein großes Potenzial in einem Börsengang der Aufzugsparte

mg, la/dpa-afx, rtr

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