Optimismus nach Brüsseler Gipfel EU-Einigung schiebt Dax über 13.000 Punkte

Europaweit haben Anleger das Corona-Hilfspaket der EU gefeiert. Einziger Verlierer im Dax ist die Deutsche Bank, deren positive Nachrichten im Vergleich zur US-Konkurrenz nicht positiv genug sind.
Aktienhändler in Frankfurt

Aktienhändler in Frankfurt

Foto: AP

Die Einigung der EU-Staaten auf ein billionenschweres Finanzpaket im Kampf gegen die Corona-Krise sorgt an Europas Börsen für Feierlaune. Gefragt waren nicht nur Aktien, sondern auch die Staatsanleihen von Italien, Spanien, Griechenland und Portugal. Die südeuropäischen Länder werden den größten Anteil der Finanzhilfen erhalten, auf das sich die EU-Mitglieder nach einem zähen Verhandlungs-Marathon am Dienstagmorgen geeinigt haben. "Das ist ein historischer Moment, ohne den die Zukunft der Gemeinschaftswährung und die Union selbst in Gefahr gewesen wären", sagte Ricardo Evangelista, Analyst beim Brokerhaus ActivTrades.

Der Dax   legte ein Prozent auf 13.171,83 Punkte zu, nachdem er erst zum Wochenanfang die 13.000er Marke übersprungen hatte. Er war zeitweise nur noch etwa drei Prozent von seinem Allzeithoch vom Februar entfernt. Der Eurostoxx 50  ging 0,5 Prozent fester bei 3.405,38 Zählern aus dem Handel. "Sie wussten, sie mussten liefern, und sie haben geliefert", kommentierte Commerzbank-Analystin Esther Reichelt den Kompromiss der EU-Staats- und Regierungschefs auf einen Wiederaufbaufonds und den mehrjährigen Haushaltsrahmen der Europäischen Union. Das größte Finanzpaket in der EU-Geschichte soll durch einen neuen Aufbaufonds mit einem Volumen von 750 Milliarden Euro besonders von der Corona-Krise betroffenen EU-Staaten wieder auf die Beine helfen. 390 Milliarden Euro werden davon als Zuschüsse gezahlt.

Der Index der mittelgroßen Werte MDax rückte um 0,43 Prozent auf 27 234,98 Zähler vor.

Nach mehr als viertägigen Verhandlungen nahmen die 27 EU-Mitgliedstaaten den Kompromiss im Kampf gegen die Corona-Wirtschaftskrise am frühen Dienstagmorgen an. Das Paket über 1,8 Billionen Euro umfasst mehr als eine Billion Euro für den nächsten siebenjährigen Haushaltsrahmen und 750 Milliarden Euro für ein Konjunktur- und Investitionsprogramm gegen die Folgen der Pandemiekrise.

Deutsche Bank einziger Verlierer des Tages

Unter den Favoriten im Dax zogen die Aktien von Continental um 3,5 Prozent an. Der Autozulieferer und Reifenhersteller hatte am Vorabend mit seinem vorläufigen Bericht zum zweiten Quartal überrascht. Der Umsatz war zwar abgesackt und ein Verlust eingefahren worden, doch Händler und Analysten hatten überwiegend noch Schlimmeres befürchtet. Tagesgewinner waren die stark schwankenden Papiere des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard, die um gut 16 Prozent stiegen.

Bei den Einzelwerten im Dax konnten die Bayer-Aktien zeitweise bis zu 2,1 Prozent zulegen und gingen 0,3 Prozent fester aus dem Handel. Zwar verlor der Pharma- und Chemiekonzern das erste Berufungsverfahren in den USA um den angeblich krebserregenden Unkrautvernichter Glyphosat. Allerdings reduzierte das Gericht in Kalifornien den Schadenersatz im sogenannten Johnson-Fall um fast drei Viertel auf 20,5 Millionen Dollar.

Einziger Verlierer im Dax waren die in diesem Jahr bereits sehr gut gelaufenen Anteilscheine der Deutschen Bank, die um mehr als vier Prozent fielen. Die harte Kernkapitalquote der Bank hatte sich zwar besser entwickelt als von Analysten und der Bank selbst gedacht. Ähnliches gilt offenbar auch für weitere Geschäftszahlen des zweiten Quartals. Nach den überwiegend sehr starken Quartalszahlen der US-Konkurrenz aber sei die positive Überraschung seitens der Deutschen Bank sehr mäßig ausgefallen, sagte ein Börsianer.

An der Spitze des Nebenwerte-Index SDax sprangen die Aktien von Wacker Chemie nach Berichten über Produktionsausfälle bei der chinesischen Konkurrenz um rund zehn Prozent hoch. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg aus informierten Kreisen gemeldet hatte, könnte es in einem Werk von GCL-Poly Energy, einem der weltweit größten Anbieter des Solarindustrie-Grundstoffs Polysilizium, nach Beschädigungen durch Explosionen zu einem längeren Produktionsausfall kommen.

Euro zieht nach Gipfel an

Der Euro zog nach dem EU-Gipfel an und notierte zuletzt bei 1,1496 US-Dollar. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs auf 1,1443 (Montag: 1,1448) US-Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8739 (0,8735) Euro. Am Rentenmarkt fiel die Umlaufrendite von minus 0,46 Prozent am Vortag auf minus 0,48 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,04 Prozent auf 145,20 Punkte. Der Bund-Future legte um 0,05 Prozent auf 176,35 Zähler zu.

Der Goldpreis stieg um bis zu 1,4 Prozent auf 1841,01 Dollar je Feinunze (31 Gramm) und damit auf den höchsten Stand seit September 2011. "Anleger kaufen das Metall in Erwartung einer steigenden Inflation", sagte Alexander Zumpfe, Händler beim Goldhandelshaus Heraeus. Neben dem EU-Paket spielten dabei in den USA geplante Konjunkturhilfen eine Rolle. "Die Märkte werden also mit Liquidität geflutet, was mittelfristig für einen Anstieg der Inflation sorgen könnte."

Auch die Öl-Preise legten zu. Ein Barrel der Sorte Brent aus der Nordsee zog zeitweise 3,7 Prozent auf 44,89 Dollar an. US-Leichtöl WTI notierte mit 42,40 Dollar je Barrel ebenfalls auf einem Niveau, das zuletzt Anfang März erreicht worden war. Neben dem EU-Paket spielten dabei Hoffnungen auf einen Corona-Impfstoff eine Rolle: Die Universität Oxford hält es für möglich, dass der zusammen mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelte Impfstoff bis Jahresende bereitstehen könnte. Am Montag hatten die Forscher ermutigende Ergebnisse zu ersten Studien veröffentlicht.

rei/cr/dpa/Reuters