Börsen in Europa schließen mit heftigen Abschlägen Coronavirus-Alarm - Dax mit größtem Tagesverlust seit 2016

Anleger in Angst: Der Dax verliert zu Börsenschluss 4 Prozent und fährt damit den größten Tagesverlust seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 ein. Aktien von Fluggesellschaften geben ebenso kräftig nach wie deutsche Autowerte. Die Indizes an der Wall Street zeigen in den ersten Handelsstunden ebenfalls deutliche Verluste.
Touristen mit Mundschutz vor der Mailänder Kathedrale: Der Ausbruch des Coronavirus in Italien schockt die Märkte

Touristen mit Mundschutz vor der Mailänder Kathedrale: Der Ausbruch des Coronavirus in Italien schockt die Märkte

Foto: DPA

Der Ausbruch des Coronavirus in Italien hat an den Aktienmärkten weltweit zum Ausverkauf geführt und mehr als die gesamten Gewinne seit Jahresanfang zunichtegemacht. Der Dax  gab am Montag 4 Prozent nach und stand zu Börsenschluss bei 13.035 Zählern. Der EuroStoxx 50 (Kurswerte anzeigen) verlor ebenfalls 4 Prozent auf 3647 Punkte. Der Leitindex der Mailänder Börse brach gar um mehr als fünf Prozent ein.

Damit steuerten alle drei Indizes auf ihren größten Tagesverlust seit dem 24. Juni 2016 zu - dem Tag nach dem Brexit-Referendum. Die Dax-Bilanz seit Jahresbeginn ist mit einem Abschlag von 1,6 Prozent nun wieder negativ. Für den MDax (Kurswerte anzeigen) der mittelgroßen Börsenwerte ging es am ersten Handelstag der neuen Woche um 3,79 Prozent auf 27.884,91 Punkte abwärts. Den Nebenwerteindex SDax (Kurswerte anzeigen) erwischte es mit einem Minus von fast 5 Prozent noch schlimmer.

Die Erholung der Aktienmärkte nach einem Rückgang der Virus-Neuinfektionen sei verfrüht gewesen, sagte Analyst Michael Bissinger von der DZ Bank. Sorgen macht den Anlegern, dass sich das Coronavirus inzwischen in Ländern außerhalb Chinas stark vermehrt. In Asien trifft dies auf Südkorea zu, in Europa seit dem Wochenende auf Italien.

"Es sind die nicht abschätzbaren Folgen einer globalen Pandemie, die nun zu einem weltweiten Ausverkauf bei Aktien geführt haben", schrieb Analyst Jochen Stanzl von CMC Marktes. Das Virus, das bislang das chinesische Wachstum bedroht habe, setze nun Fragezeichen hinter das Erholungspotenzial der Weltwirtschaft.

Weltweit verbuchten die Börsen am Montag hohe Abschläge. In Paris und London stürzten die Indizes um gut 4 Prozent ab, in Mailand ging es sogar um mehr als 5 Prozent in den Keller. In den USA notierte der Dow Jones Industrial (Kurswerte anzeigen) zum europäischen Handelsschluss gut 3 Prozent tiefer.


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Tech-Werte in USA auf Talfahrt

Unter Druck gerieten in den USA allem Aktien von Unternehmen, die unmittelbar von den Folgen der Infektionskrankheit betroffen sind, etwa Reise- und Fluggesellschaften, Buchungsportale oder Krankenversicherungen. Im Dow waren die Aktien von UnitedHealth mit minus 6,4 Prozent Schlusslicht, an der Nasdaq nahmen American Airlines mit minus 7,7 Prozent den letzten Platz ein und auch die Online-Reiseportale Booking Holdings und Expedia Group zeigten sich mit minus 6,7 Prozent und 5,5 Prozent sehr schwach.

Verschont blieben aber auch stark von der weltwirtschaftlichen Entwicklung abhängige Technologietitel nicht, denn wenn die Produktion still steht oder sich verlangsamt, Lieferketten-Engpässe sich bemerkbar machen und auch die Nachfrage sich abschwächt, schlägt dies auch direkt in diesen Branche durch. So büßten im Dow am späteren Nachmittag Apple (Kurswerte anzeigen)und Microsoft (Kurswerte anzeigen) bis zu 4,1 Prozent ein.

Zu den wenigen Gewinnern an US-Börsen zählten als defensiv und damit weniger konjunkturabhängig geltende Aktien von Konsumgüterherstellern, Telekomanbietern und Pharmaherstellern. Hier legten allen voran die Anteile von Gilead Sciences um 5,6 Prozent zu. Zeitweise erreichten sie den höchsten Stand seit Herbst 2018. Das Biotech-Unternehmen hat mit Remdesirvir ein Mittel entwickelt, das in klinischen Studien in Wuhan erst kürzlich Wirksamkeit bewiesen hatte. Mutige Anleger spekulieren offenbar auf mögliche weitergehende bahnbrechende Erfolge.

Airlines, Autowerte, selbst Tickethändler in Deutschland unter Druck

Hierzulande gerieten vor allem Aktien konjunktursensibler Sektoren unter Druck. Im Dax, MDax und SDax gab es keinen einzigen Gewinner. Die Papiere der Fluggesellschaft Lufthansa (Kurswerte anzeigen) brachen am Dax-Ende um 8,81 Prozent ein. Die Folgen des Virus beeinträchtigten vor allem das Langstrecken- und Frachtgeschäft, schrieb Analyst Dirk Schlamp von der DZ Bank. Auch Autowerte mussten deutliche Einbußen hinnehmen. Für BMW (Kurswerte anzeigen), Daimler (Kurswerte anzeigen) und Volkswagen (VW)  ist China der wichtigste Einzelmarkt.

Am MDax-Ende verloren die Anteilscheine von CTS Eventim  9,63 Prozent. Der Tickethändler und Veranstalter leidet besonders darunter, dass das öffentliche Leben in vielen Gegenden Norditaliens inzwischen praktisch stillsteht. Sportveranstaltungen und auch der Karneval von Venedig wurden abgesagt. CTS ist direkt betroffen, ihm gehört der italienische Konzert- und Show-Veranstalter Vivo Concerti.

Als defensiv eingestufte Werte waren mit nur moderaten Abschlägen vorne, etwa die Papiere des Immobilienkonzerns Vonovia (Kurswerte anzeigen) im Dax mit minus 0,86 Prozent.

"Keine Panik aber viele Angstverkäufe"

"Wir sehen noch keine Panik an den Börsen. Bei den heutigen Verkäufen sind aber viele Angstverkäufe dabei", schrieb Marktbeobachter Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. Die Anleger würden zunehmende unruhig. Vor allem die, die erst spät auf den Börsenzug aufgesprungen sind, rutschen jetzt ins Minus. "Die Kombination aus ohnehin hohen Bewertungen und dem Coronavirus ist im Moment ein gefährlich giftiger Cocktail für die Aktienmärkte", fuhr der Experte fort.

Euro steigt wegen Virus-Verunsicherung

Der Eurokurs (Kurswerte anzeigen) hat am Montag zugelegt. Die weitere Ausbreitung des Coronavirus sorgte für Verunsicherung. Am Nachmittag kostete die Gemeinschaftswährung 1,0854 US-Dollar. Am Morgen hatte er nur knapp über der Marke von 1,08 Dollar notiert. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,0818 (Freitag: 1,0801) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,9244 (0,9258) Euro.

An den Finanzmärkten dominieren Sorgen über die Ausbreitung des Coronavirus außerhalb Chinas. "Die wachsende Verunsicherung hat den Eurokurs gestützt", sagte Thu-Lan Nguyen, Devisenexpertin von der Commerzbank. In diesem Umfeld profitierten generell Währungen von Staaten, in denen die Zinsen niedrig seien. Dies seien der japanische Yen, der Schweizer Franken aber auch der Euro, sagte die Expertin.

Ölpreise gehen in die Knie, Goldpreis steigt

Auch am Rohstoffmarkt spiegelte sich die Angst vor einem Rückschlag für die Weltwirtschaft wider. Die Rohöl-Sorte Brent (Kurswerte anzeigen) aus der Nordsee verbilligte sich um bis zu 4,3 Prozent auf 565,98 Dollar je Barrel (159 Liter). Der Preis für das wichtige Industriemetall Kupfer fiel um 1,6 Prozent auf 5671,50 Dollar je Tonne. Eine beschleunigte Ausbreitung des Coronavirus könnte einen nie dagewesenen Einbruch der weltweiten Geschäftstätigkeit auslösen, warnte Anlagestratege Stephen Innes vom Brokerhaus AxiTrader.

Aus Furcht vor den Virus-Folgen flüchteten viele Anleger in "sichere Häfen". So stieg der Preis für die "Krisen-Währung" Gold (Kurswerte anzeigen) am Nachmittag um 2,8 Prozent auf ein Sieben-Jahres-Hoch von 1688,66 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) und steuerte auf den größten Tagesgewinn seit dreieinhalb Jahren zu. In Euro war das Edelmetall mit 1560,39 Euro so teuer wie nie. Das war der achte Tag in Folge mit einem Rekordhoch.

Zuflucht suchten die verunsicherten Investoren auch bei Bundesanleihen und drückten die Renditen sämtlicher Papiere unter null Prozent. Die 30-jährigen Titel rentierten mit minus 0,043 so niedrig wie zuletzt vor vier Monaten. Gleiches galt für die richtungweisenden zehnjährigen Papiere, deren Rendite auf minus 0,5 Prozent fiel. Ihr US-Pendants warfen mit plus 1,377 Prozent so wenig ab wie vor dreieinhalb Jahren. Negative Renditen bedeuten, dass Investoren draufzahlen, wenn sie Anleihen kaufen. Sie nehmen dies aber in Kauf, weil sie diese Papiere bei Bedarf schnell wieder zu Geld machen können.

mit Nachrichtenagenturen