Mittwoch, 18. September 2019

Kursrutsch an der Börse "Trump sieht Strafzölle als Allheilmittel"

Dax im Minus: Der Dax stürzt am Freitag zeitweise unter 11.700 Punkte

Erneut abwärts: Die Eskalation im Handelskrieg zwischen USA und China, neue Strafzölle der USA gegen Mexiko sowie die wieder aufgeflammte Furcht vor US-Strafzöllen auf europäische Waren hat den Dax Börsen-Chart zeigen am Freitag erneut auf Talfahrt geschickt. Der deutsche Leitindex fiel zeitweise um 1,8 Prozent auf 11.671 Punkte und damit auf das tiefste Niveau seit zwei Monaten. Binnen weniger Tage hat der Dax um mehr als 4 Prozent nachgegeben. Im späten Handel konnte der Dax jedoch die Marke von 11.700 Zählern zurückerobern.

Erst China, vielleicht bald die EU und nun Mexiko: Donald Trump scheint Zölle regelrecht als Allheilmittel zu sehen. "Trump ist mit seiner Zollpolitik auf einem ökonomischen Irrweg und gefährdet damit zunehmend die Weltwirtschaft", sagt Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck Privatbankiers. "Es wird immer klarer, dass sich die USA mit dieser Politik ins Abseits schießen. Greil rät er an den Aktienmärkten weiter zur Vorsicht: "Je weiter sich die globalen Konjunkturperspektiven eintrüben, desto unwahrscheinlicher wird ein positiverer Gewinnrevisionstrend."

Trump mit Ehefrau Melania beim Sumo-Ringen: Donald sieht Politik als Kampf

Sämtliche Dax-30-Aktien notierten im Minus. Deutliche Verluste zwischen 3 und 4 Prozent verzeichneten die Autowerte Volkswagen Vz. Börsen-Chart zeigen, Daimler Börsen-Chart zeigen und Continental Börsen-Chart zeigen. Die deutschen Autobauer und Zulieferer wären von US-Strafzöllen in besonderem Maße betroffen.

Zu den Verlierern im Dax gehörten die Aktien von Wirecard Börsen-Chart zeigen und der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen: Während die Aktie von Wirecard zweistellig einbrach, droht die Aktie der Deutschen Bank mit einem Minus von 2 Prozent unter die Marke von 6 Euro zu fallen.

Im Handelsstreit der beiden größten Volkswirtschaften China und USA schwinden unterdessen die Hoffnungen auf eine rasche Lösung. Als Vergeltung auf bereits verhängte Strafzölle Washingtons treten an diesem Freitag neue Abgaben der Chinesen in Kraft. Das Handelsministerium in Peking will um Mitternacht (Ortszeit) Zölle auf US-Waren im Wert von 60 Milliarden Dollar anheben. Je nach Produkt gelten dann Zölle von bis zu 25 Prozent. Insgesamt sind 5140 Produkte betroffen. Die Strafen, die Peking bereits Mitte Mai angekündigt hatte, folgen auf die jüngste Erhöhung der Strafzölle Washingtons von zehn auf 25 Prozent auf chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden Dollar.

Neue US-Strafzölle gegen China - und gegen Mexiko

Unabhängig davon hatte das US-Handelsministerium am Mittwoch angekündigt, vorläufig auch Strafzölle von bis zu 1730 Prozent auf chinesische Matratzen zu erheben. Stahl-Bierfässer sollen mit einem Strafzoll von bis zu 79,71 Prozent belegt werden. Beide Produkte seien von chinesischen Anbietern zu Dumping-Preisen angeboten worden. Auch Bierfässer aus Deutschland und Mexiko sollen demnach vorläufig mit Anti-Dumping-Zöllen von 8,6 Prozent und 18,5 Prozent belegt werden.

Zudem kündigte US-Präsident Donald Trump Strafzölle auf sämtliche mexikanische Importe an. Trump hat wegen illegaler Migration den Notstand an der Grenze zu Mexiko ausgerufen und will das Nachbarland nun zusätzlich wirtschaftlich unter Druck setzen.

Dax Realtime: Sehen Sie hier Dax und Dow in Echtzeit

Wall Street startet mit Verlusten

Neue Zolldrohungen von US-Präsident Donald Trump gegen Mexiko haben Anleger an der Wall Street am Freitag verunsichert. Der Dow Jones Börsen-Chart zeigen der Standardwerte verlor 1,3 Prozent auf 24.842 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 gab 1,3 Prozent auf 2750 Zähler nach. Der Index der Technologiebörse Nasdaq Composite Börsen-Chart zeigen fiel um 1,5 Prozent auf 7452 Punkte.

Trump will den Nachbarn Mexiko mit der Androhung von Strafzöllen dazu bewegen, illegale Einwanderung in die USA stärker zu bekämpfen. Dabei hatten sich die beiden Staaten unlängst auf einen Nachfolger für das Freihandelsabkommen Nafta geeinigt.

Angesichts der stockenden Handelsgespräche mit China kommt der neue Konflikt aus Sicht von Investoren zur Unzeit. "Amerikanische Firmen müssen Versorgungsketten außerhalb von China finden, da der Streit dort wohl nicht so bald enden wird und eines dieser dafür herausgedeuteten Länder war Mexiko", sagte Stratege Art Hogan vom Handelshaus National Securities in New York.

GM und Ford unter Druck - Fabriken in Mexiko

Unter Druck gerieten dementsprechend die Aktien von General Motors (GM) und Ford Börsen-Chart zeigen , die Fahrzeuge in Mexiko fertigen und von dort Zulieferteile erhalten. Die Papiere beider Autokonzerne verloren jeweils mehr als drei Prozent.

Auch stark konjunkturabhängige Werte wie Boeing Börsen-Chart zeigen und Caterpillar gerieten unter die Räder, ebenso wie Chipwerte und Bankentitel.

Eine gesenkte Gesamtjahresprognose brockte Gap den größten Kursrutsch seit zweieinhalb Jahren ein. Die Aktien der US-Modekette fielen um knapp 16 Prozent und sind mit 17,33 Dollar so billig wie zuletzt vor drei Jahren.

Neue Vorwürfe: Erneuter Kursrutsch bei Wirecard

Zu den größten Verlierern im Dax zählte die Aktie von Wirecard Börsen-Chart zeigen mit einem Verlust von mehr als 6 Prozent auf 146 Euro. Die Aktie hatte bereits am Mittwoch deutlich nachgegeben. Die Aktie von Wirecard hatte Anfang der Woche die Marke von 160 Euro zurückerobert und war binnen sechs Wochen um rund 60 Prozent gestiegen. Nun setzen im schwachen Marktumfeld Gewinnmitnahmen ein - Anleger bringen Geld in Sicherheit, zumal am Freitag neue Vorwürfe gegen Wirecard erhoben wurden: Börsianer verwiesen auf einen "Handelsblatt"-Bericht, wonach Wirecard im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen betrügerische Online-Börsenhändler ins Visier der Behörden geraten sei. Das Unternehmen wies dies zurück: Seines Wissens gehe niemand in dem Zusammenhang gegen Wirecard vor, hieß es in einer Stellungnahme. "Aufgrund unseres Risikomanagements wurde der Kunde frühzeitig aktiv gekündigt."

Dem Bericht zufolge haben betrügerische Internet-Anbieter wie "Option888" über Konten bei der Wirecard Bank Gelder von Kunden für hoch riskante Geschäfte eingesammelt. Das Geld sei aber nie investiert worden, sondern in dunklen Kanälen verschwunden. Dem Zahlungsabwickler drohten nun zivilrechtliche Klagen. Alle Kunden werden nach Wirecard-Angaben vorab nach dem Geldwäschegesetz überprüft und laufend überwacht. "Sollte ein Verstoß eines Kunden gegen gesetzliche, aufsichtsrechtliche oder interne Vorschriften bekannt werden, werden entsprechend sofortige Maßnahmen ergriffen und die Geschäftsbeziehung beendet."

Die jüngste Stabilisierung am deutschen Aktienmarkt dürfte sich vor diesem Hintergrund als Strohfeuer erweisen. Am Freitag deuten alle Anzeichen auf Kursverluste hin. Zudem dürften auch die von der US-Regierung gegen Mexiko angekündigten Strafzölle als Vergeltung für illegale Migration Anlegern die Kauflaune weiter verderben - vom 10. Juni an sollen Zölle in Höhe von fünf Prozent auf sämtliche Einfuhren aus Mexiko gelten, bis Oktober sollen sie schrittweise bis auf 25 Prozent angehoben werden.

Erster Verlustmonat des Jahres für den Dax

Der X-Dax als vorbörslicher Indikator signalisierte rund eine Dreiviertelstunde vor dem Börsenstart ein Minus von 1 Prozent auf 11 784 Punkte. Das wäre der tiefste Stand seit Anfang April. Damit steuert der deutsche Leitindex am letzten Handelstag im Mai geradewegs auf den ersten diesjährigen Börsenmonat mit Verlusten zu. Für den EuroStoxx 50 wurde zuletzt ebenfalls ein Abschlag von 1 Prozent erwartet.

Im Zwist zwischen den USA und China scheint derzeit kein Ende in Sicht. Die chinesische Regierung läutet nun die nächste Runde ein. Kreisen zufolge ist auch der seit einigen Tagen durch die Medien geisternde Plan fertig, die USA von Seltenen Erden abzuschneiden. Dabei handelt es sich um 17 Metalle, die insbesondere in der für die US wichtigen Hightech-Industrie benutzt werden, etwa für Smartphones und Computer.

Asiens Börsen mit Verlusten

Die drohenden Strafzölle auf mexikanische Waren haben bereits Asiens Anleger nervös werden lassen. Schließlich hätten die beiden Staaten erst kürzlich ein Handelsabkommen geschlossen, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. "Dies erschwert es anderen Staaten, bei Verhandlungen den Worten der USA zu glauben." Der japanische Nikkei-Index verlor am Freitag 1,6 Prozent auf 20.604 Punkte. Die chinesische Börse in Shanghai büßte 0,3 Prozent auf 2898 Zähler ein. Hier verhinderten Spekulationen auf Konjunkturprogramme der Regierung in Peking größere Verluste, sagten Analysten.

Der neue Konflikt sei zwar nur zwischen den USA und Mexiko, sagte Anlagestratege Yoshinori Shigemi von der Vermögensverwaltung der US-Bank JPMorgan. "Aber die jüngste Aktion von US-Präsident Donald Trump ruft dessen harte Haltung in Handelsfragen in Erinnerung." Daher wachse die Skepsis, ob es - wie in Aussicht gestellt - bald zu einer Vereinbarung zwischen den USA und Japan kommen wird. Zu den größten Verlierern am japanischen Aktienmarkt gehörten die exportabhängigen Autobauer. Die Titel von Mazda, Toyota, Nissan und Honda fielen um bis zu 6,4 Prozent. Die unmittelbaren Folgen des Zollstreits zwischen den USA und Mexiko ließen sich bislang zwar kaum abschätzen, sagte Shigemi. Die Furcht vor einem Absatzrückgang wachse aber.

Eurokurs stabil

Der Kurs des Euro hat sich am Freitag vorerst stabilisiert. Bereits am Vortag hatte sich die Gemeinschaftswährung kaum verändert gehalten, nachdem sie in der ersten Wochenhälfte deutlich gesunken war. Am Morgen wurde der Euro bei 1,1127 US-Dollar gehandelt und damit etwa zum gleichen Kurs wie am Vorabend. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs zuletzt am Donnerstagnachmittag auf 1,1134 (Mittwoch: 1,1156) Dollar festgesetzt.

Nach Einschätzung von Marktbeobachtern wird der Euro durch die politische Entwicklung in Italien belastet. Matteo Salvini, der Chef der rechten Lega und Vizepremierminister, hat laut der Nachrichtenagentur Bloomberg mit einem Ende der Regierungskoalition gedroht. Falls die mitregierende Fünf-Sterne-Bewegung seine Steuerpläne nicht mittrage, könne die Regierung in Rom in drei Monaten beendet sein.

Im Tagesverlauf dürften Konjunkturdaten stärker in den Fokus rücken und für neue Impulse am Devisenmarkt sorgen. Auf dem Programm stehen unter anderem Daten zur Preisentwicklung in Deutschland, der größten Volkswirtschaft der Eurozone, und in den USA.

luk / dpa-afx, reuters

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung