Freitag, 13. Dezember 2019

Lockere Geldpolitik treibt Aktienkurse Das Missverständnis zwischen Börsianern und der EZB

Feuerwerk zum Abschied: Der scheidende EZB-Präsident Draghi stellt noch niedrigere Zinsen in Aussicht.
Francisco Seco/AP
Feuerwerk zum Abschied: Der scheidende EZB-Präsident Draghi stellt noch niedrigere Zinsen in Aussicht.

Mit ihrer lockeren Geldpolitik sorgen Zentralbanken wie diese Woche die EZB für Freude bei Anlegern. Dabei haben die Notenbanker eigentlich vor allem eins zu bieten: schlechte Nachrichten.

Diese Woche war es wieder soweit: Die Europäische Zentralbank ließ die Aktienkurse steigen. Zwar ging es mit dem Dax Börsen-Chart zeigen unmittelbar, nachdem die Währungshüter ihre Entscheidungen in Frankfurt publik gemacht hatten, abwärts. Das lag aber nur daran, dass sich Investoren noch klarere Zeichen in Richtung einer weiteren Lockerung der Geldpolitik erhofft hatten, als sie sie von der EZB dann tatsächlich bekamen. Im Vorfeld des EZB-Entscheids waren die Aktienkurse in dieser Erwartung umso deutlicher angestiegen. Auch am Freitag legte der Markt gemessen am Leitindex wieder den Vorwärtsgang ein.

Kein Wunder: Die Botschaften von EZB-Präsident Mario Draghi und Kollegen sind so deutlich, wie sie von Zentralbankern eben sein können: Kaum jemand am Finanzmarkt zweifelt offenbar noch daran, dass die Zentralbanker ihre Geldpolitik weiter lockern werden. Nachdem lange auf die Zinswende gewartet wurde, mit wieder steigenden Leitzinsen, gehen nun viele recht sicher davon aus, dass die Leitzinsen zum Ende von Draghis Amtszeit im Herbst nicht erhöht sondern stattdessen vielmehr noch weiter gesenkt werden. Auch über eine Neuauflage des milliardenschweren Anleihekaufprogramms, mit dem die EZB schon einmal riesige Geldsummen in die Märkte spülte, wird spätestens nach entsprechenden Äußerungen Draghis in dieser Woche bereits wieder kräftig spekuliert.

Was das alles heißt, ist klar: "Mario Draghi legt die Zündschnur für ein geldpolitisches Feuerwerk im September", urteilt Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Robert Greil, Chefstratege bei Merck Finck, wird noch deutlicher: "Die nächste Liquiditätswelle wird wohl ab Herbst über die Märkte hereinbrachen", so seine Prognose, die sich mit dem Tenor der Beobachter und Analysten deckt.

Geldpolitisches Feuerwerk, Liquiditätswelle - das sind Begriffe, die in den Ohren vieler Investoren wie Musik klingen. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 waren es immer wieder die Notenbanken rund um den Globus, die die Aktien- und Anleihenkurse an den Finanzmärkten in die Höhe trieben, indem sie die Akteure mit viel billigem Geld versorgten. Gerade erleben wir den Auftakt zu einer neuen Geldflut von EZB, US-amerikanischer Fed und anderen Zentralbanken - kein Wunder, dass sich Investoren schon wieder die Hände reiben.

Was die Börsianer aber nicht aus den Augen verlieren sollten: Was da von EZB und anderen Notenbanken verkündet wird, sind eigentlich keine guten Nachrichten - es sind vielmehr schlechte. Der Grund für die lockere Geldpolitik ist schließlich die sich weltweit eintrübende Konjunktur. Vielerorts gehen die Raten des Wirtschaftswachstums zurück, Unternehmen senken ihre Prognosen oder müssen bereits Umsatz- und Gewinnrückgänge verkünden. Das ist die realwirtschaftliche Seite der aktuellen Geldpolitik, und sie gibt Investoren alles andere als Grund zur Freude.

Denn bei aller Freude über das günstige Geld: Der Faktor, der langfristig den größten Einfluss auf die Entwicklung der Aktienkurse hat, ist nach wie vor die Gewinnentwicklung der Unternehmen. Ob es den Investoren passt oder nicht - früher oder später wird sich also auch die aktuell laufende Konjunktureintrübung in den Aktienkursen niederschlagen.

Den Worten von EZB-Präsident Mario Draghi war das in dieser Woche deutlich zu vernehmen. Vor allem die Situation des verarbeitenden Gewerbes werde schlechter und schlechter sagte der Chef-Notenbanker. Zudem verwies er auf die nach wie vor große Bedrohung, die von den Handelsstreitigkeiten der USA vor allem mit China auch für die europäische Wirtschaft ausgehen. Insbesondere viele exportorientierte deutsche Unternehmen dürften dem Treiben mit großer Sorge zusehen.

Auch die Gefahr eine "harten Brexit" sei längst nicht vom Tisch, so Draghi. Nach der Wahl des Hardliners Boris Johnson in dieser Woche zum britischen Premierminister dürfte klar sein: Die Gefahr ist gegenwärtig womöglich größer als je zuvor.

Abgesehen davon gibt es zahlreiche weitere Anzeichen, an denen sich die konjunkturelle Abkühlung ablesen lässt. Wie in dieser Woche bekannt wurde, fiel beispielsweise der viel beachtete Ifo-Index für das Geschäftsklima in der deutschen Wirtschaft im Juli auf den tiefsten Stand seit April 2013 drastisch zurück. Auch europaweit befindet sich die Stimmung in den Chefetagen auf dem tiefsten Stand seit Jahren, wie kurz zuvor der Indikator von IHS Markit deutlich machte.

Hinzu kommen Gewinnwarnungen zahlreicher Unternehmen. Aus dem Dax beispielsweise bereiteten zuletzt Daimler Börsen-Chart zeigen, Continental Börsen-Chart zeigen, Lufthansa Börsen-Chart zeigen und BASF Börsen-Chart zeigen ihre Aktionäre auf sinkende Profite vor.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Kurzum: Anleger sollten bedenken, dass die extrem lockere Geldpolitik der Notenbanken nicht nur Grund zur Freude ist. Sie ist vielmehr zugleich ein wichtiges Warnsignal dafür, dass die Risiken am Aktienmarkt steigen.

Allerdings lohnt im Einzelfall immer der genaue Blick: Einige Aktien - zum Beispiel viele aus der Automobilindustrie - sind in letzter Zeit angesichts der sich verschlechternden Gesamtlage bereits erheblich im Kurs gefallen. Dort sind die neuen Risiken also wohl zumindest zum Teil bereits eingepreist. Gut möglich, dass Investoren bei solchen Papieren mehr Grund zur Freude über die Liquidität der Notenbanken haben können.

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