Freitag, 18. Oktober 2019

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Darum werden Europas Aktien demnächst US-Aktien toppen

Turbinenbau in Ostdeutschland: Europäische Firmen dürften US-Konzerne demnächst an der Börse schlagen

Carsten Mumm
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    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

In den vergangenen zehn Jahren haben sich US-Aktien deutlich besser entwickelt als ihre europäischen Pendants. So hat der US-Standardaktienindex S&P 500 per Saldo eine Wertentwicklung von fast 60 Prozent zu verzeichnen und übertraf bereits 2013 seine Allzeithöchststände von 2007. Demgegenüber konnte der Index Stoxx Europe 600 erst in diesem Mai die alten Topniveaus wieder erreichen.

Der Index der größten 50 europäischen Aktiengesellschaften EuroStoxx 50 Börsen-Chart zeigen notiert sogar noch circa 2000 Punkte unter seinem historischen Höchstkurs aus März 2000 bei 5522 Punkten. Charttechnisch befindet sich der Index damit noch immer in einem langfristigen siebzehnjährigen Abwärtstrend.

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Um überhaupt annähernd einmal wieder in diese Sphären vorzustoßen, muss zunächst die massive Hürde bei rund 3650 Punkten genommen werden. Der im September 2016 gestartete sekundäre Aufwärtsmodus wurde jüngst jedoch durch den Bruch der Unterstützung bei 3492 Punkten verlassen. Damit ist zunächst einmal das negative Szenario eingetroffen und es könnten kurzfristig sogar 3345 Punkte angesteuert werden.

In 2017 lagen europäische Aktien bis Ende Mai jedoch vor ihren US-Pendants. Die Korrektur der Märkte im Juni hat den Vorsprung zwar zunächst wieder zu einem Rückstand werden lassen. Mittel- bis langfristig sprechen jedoch einige Faktoren für eine zukünftig bessere Wertentwicklung an den europäischen Aktienbörsen:

  • Politik: Die Wahlen in den Niederlanden und Frankreich hatten - anders als befürchtet - keine negativen Folgen. Die demnächst anstehenden Urnengänge in Deutschland und Österreich haben keine vergleichbar große Sprengkraft. Für Unsicherheit könnte einzig die spätestens im Frühjahr 2018 anstehende Parlamentswahl in Italien sorgen. Damit richtet der sich der Blick vorerst auf die immer deutlicher werdenden Anzeichen einer sich erneuernden europäischen Einigkeit. Für diese Entwicklung steht stellvertretend die auch international viel beachtete Äußerung Angela Merkels nach dem G7-Gipfel auf Sizilien: "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen [ … ] die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück weit vorbei". Donald Trump könnte für das Wiederentdecken der positiven Seiten Gesamt-Europas damit sogar ein Anstoßgeber sein. Für das krisengeschüttelte Europa entsteht neue Hoffnung - ein gutes Vorzeichen für die Aktienbörsen. In den USA haben die ersten Amtsmonate Donald Trumps hingegen politische Instabilität anstatt der erhofften Steuersenkungen oder Staatsausgabenprogramme gebracht.
  • Konjunktur: Die europäische Konjunktur ist nach der Rezession 2012 im Vergleich zur US-Ökonomie später auf den Erholungspfad eingeschwenkt. Dafür ist der Konjunkturzyklus hierzulande aber auch noch nicht so weit fortgeschritten. Besonders positiv für Europa ist derzeit die dynamische Entwicklung des globalen Wachstums. Der IWF hat seine Prognose für das weltweite BIP-Wachstum für 2017 bereits im April auf 3,5 Prozent angehoben. Davon profitiert besonders der Export, dessen Anteil am Umsatz bei den größten europäischen Unternehmen mit etwa 50 Prozent deutlich größer ausfällt als bei US-Aktiengesellschaften mit rund 30 Prozent. Auf eine stabile konjunkturelle Entwicklung in Europa deuten wichtige Frühindikatoren, wie beispielsweise der deutsche Ifo-Geschäftsklimaindex hin, der im Juni von 114,6 auf 115,1 Punkte und damit auf einen neuen Rekordwert anstieg. Auch die derzeit massiv negativen Realzinsen, der Investitionsanreiz schlechthin, unterstützen die wirtschaftliche Dynamik. Der Bund zahlt für eine zehnjährige Bundesanleihe aktuell einen Zins in Höhe von knapp 0,5 Prozent pro Jahr. Abzüglich der Inflation von derzeit etwa 1,5 Prozent ergibt sich ein Realzins in Höhe von -1,0 Prozent, um den sich der zurückzuzahlende Betrag eines Schuldners jährlich real reduziert. Diese Konstellation treibt in der Regel auch die private Investitionsnachfrage an.
  • Geldpolitik: An dem ultraexpansiven Kurs der Europäischen Zentralbank EZB wird sich in den kommenden Monaten nichts ändern. Die EZB wird frühestens ab 2018 beginnen, das Volumen des laufenden Wertpapierkaufprogramms zu reduzieren. Von einer Leitzinsanhebung ist sie damit allerdings noch weitere mindestens sechs Monate entfernt. Der Hauptgrund für die weiterhin expansive Geldpolitik ist eine bisher nicht nachhaltig anziehende Inflation. Nach den energiepreisbedingten höheren Preissteigerungsraten Ende 2016 beziehungsweise Anfang 2017 sanken die jüngsten Inflationszahlen wieder. Aufgrund derzeit nicht absehbarer Zweitrundeneffekte, etwa über eine Lohn-/Preisspirale ist auch in den kommenden Monaten kein deutlich inflationärer Druck erkennbar.
  • Aktienmärkte: Der wichtigste fundamentale Treiber der Aktienmärkte sind die Unternehmensgewinne. Entsprechend der konjunkturellen Entwicklung sind die Gewinnmargen in den USA in den letzten Jahren deutlich stärker gestiegen. Ein wesentlicher Bremsfaktor in Europa war insbesondere die Bankbranche, für die ein Zusammenbruch der Eurozone fatale Folgen gehabt hätte und die unter den Niedrigzinsen besonders zu leiden hatte. Seit den Wahlen in Frankreich Mitte April und aufgrund der jüngst gestiegenen langfristigen Zinsen konnten sich Banken jedoch erholen. Für europäische Aktien sprechen zudem die günstigere Bewertung sowie die vergleichsweise hohe Dividendenrendite. Nicht zuletzt wurden die steigenden Kurse von einer zunehmenden Nachfrage außereuropäischer Investoren getragen, die zusätzlich von dem anziehenden Eurokurs profitieren konnten.

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