"Historischer Moment" in Stuttgart Daimler teilt sich auf - Truck AG soll an die Börse

Der weltgrößte Lkw-Hersteller bekommt seinen eigenen Auftritt an der Börse. Der Daimler-Konzern will seine Truck AG noch 2021 abspalten. Dabei sein könnte dann auch Karin Radström, die in den Vorstand der Trucksparte aufgestiegen ist.
Neues Vorstandsmitglied der Truck AG: Karin Radström übernimmt die Verantwortung für Mercedes-Benz Lkw

Neues Vorstandsmitglied der Truck AG: Karin Radström übernimmt die Verantwortung für Mercedes-Benz Lkw

Foto: Daimler Trucks and Buses Communications / Daimler Truck

Daimler will seine Nutzfahrzeugtochter Daimler Truck AG noch in diesem Jahr an die Börse bringen. Eine deutliche Mehrheit der seit Ende 2019 rechtlich selbstständigen Gesellschaft solle börsennotiert werden und an die Aktionäre des Dax-Konzerns übergehen, teilte Daimler am Mittwoch mit. Der Börsengang soll bis Ende 2021 abgeschlossen sein. Da die Finanz- und Mobilitätsdienstleistungen zugleich auf die Lkw- und die Pkw-Firma aufgeteilt wird, besteht der Konzern künftig aus zwei unabhängigen Unternehmen.

Über den Schritt war bereits im Dezember spekuliert worden. Der Dax-Konzern hatte sich Ende 2019 in eine Holding mit drei eigenständigen Tochter-Aktiengesellschaften für Mercedes-Benz Pkw & Vans, Trucks & Buses sowie Mobility (Finanz- und Mobilitätsdienstleistungen) aufgespalten. Ein Ziel des kostspieligen Umbaus war mehr Flexibilität, um Geldgeber zu gewinnen, die sich auf einem der Geschäftsfelder, aber nicht beim ganzen Konzern engagieren wollen. Der Konzern zielt darauf ab, die Truck-Tochter in den Börsenleitindex Dax zu bringen. Die aufs Autogeschäft fokussierte Restgesellschaft will die Führung um Ola Källenius (51) zu einem späteren Zeitpunkt in Mercedes-Benz umbenennen, wie die Automarke. Källenius sprach von einem "historischen Moment".

Aufsichtsratschef Manfred Bischoff (78) kündigte eine außerordentliche Hauptversammlung für das dritte Quartal an, um endgültig über den Spin-off zu entscheiden. "Die Vorteile einer Aufteilung liegen auf der Hand", sagte er jedoch. "Die Kapitalmärkte" würden "die Möglichkeit zu schätzen wissen, in klarer fokussierte 'Pure Play'-Unternehmen zu investieren."

Einige Analysten fordern schon lange einen Börsengang der Lkw-Sparte, die bei Schwerlastern Weltmarktführer ist. Jedoch wurde bisher damit gerechnet, dass nur ein Minderheitsanteil an die Börse kommt. Die Daimler-Aktie  schoss um mehr als 8 Prozent nach oben.

Radström wird neues Vorstandsmitglied

Die Trucksparte wird von Martin Daum (61) geführt, allerdings hilft bei der Sanierung John O'Leary von der US-Tochter Freightliner in der Zentrale aus. Daimler ist vor allem dank der starken Position in den USA der Weltmarktführer im Lkw-Geschäft, verlor zuletzt aber Marktanteile in Europa und kämpft zudem mit steigenden Kosten.

Unterstützt werden beide zudem seit dem 01. Februar von Karin Radström (41), die im Vorstand die Verantwortung für Mercedes-Benz Lkw übernommen hat. Sie tritt, wie bereits im Oktober gemeldet, die Nachfolge von Stefan Buchner (61) an, der in den Ruhestand gegangen ist. Radström war zuvor bei Scania im Vorstand für Vertrieb und Marketing zuständig. Die gebürtige Schwedin hatte 2004 bereits ihre Ausbildung bei Scania begonnen.

Milliardenfonds überzeugt genervten Betriebsrat

Daimler-Betriebratschef Michael Brecht (55) äußerte seine Zustimmung zum Börsenplan. Noch im Dezember hatte er sich im Interview mit dem manager magazin  "genervt" über das Thema geäußert und Widerstand angekündigt, "wenn es nur darum geht, eine Sonderausschüttung für die Aktionäre zu generieren". Bedingung für ein Ja sei ein Plan, der "durch massive Zukunftsinvestitionen Beschäftigung sichern" könne. Offenbar wurde diese Bedingung nun erfüllt. Zusätzlich zur laufenden Finanzplanung bekomme die Trucksparte einen Investitionsfonds von 1,5 Milliarden Euro, erklärte Brecht.

Daimler Trucks will unter anderem mit batterieelektrischen Antrieben und Brennstoffzellen (in Kooperation mit Volvo) sowie beim autonomen Fahren "den Lkw neu erfinden", wie Brecht sagte. Für automatisierte Lastwagen hat sich Daimler inzwischen mit der in Roboautotechnik führenden Alphabet-Tochter Waymo zusammengeschlossen. Deren Chef John Krafcik (59) weist den Eindruck zurück , Daimler werde zum Lieferanten degradiert.

Daimler Truck setzte 2019 mit mehr als 100.000 Mitarbeitern allein 40,2 Milliarden Euro um, mit Marken von Mercedes-Benz über Freightliner bis Fuso. Dazu kamen 4,7 Milliarden Euro mit Bussen. Das operative Ergebnis beider Töchter lag zusammen bei rund 2,8 Milliarden Euro.

Daimler folgt mit der Aufspaltung dem Modell, nach dem Siemens sich von seiner Energietechniksparte Siemens Energy getrennt hatte. Der Münchener Technologiekonzern gab die Mehrheit der Siemens-Energy-Aktien an die eigenen Aktionäre ab und behielt selbst nur 35,1 Prozent der Anteile. Beide Aktien hatten sich nach dem Börsengang von Siemens Energy positiv entwickelt. Der Turbinenhersteller gilt inzwischen als Kandidat für den Dax.

Volkswagen hatte seine Lkw- und Bustochter Traton dagegen 2019 auf normalem Weg an die Börse gebracht. Der Wolfsburger Autokonzern sammelte dabei gut 1,5 Milliarden Euro ein, behielt aber eine deutliche Mehrheit an Traton und muss die Holding für MAN und Scania damit immer noch voll in der Bilanz konsolidieren. Im Juli 2020 trat mit Matthias Gründler (55) ein neuer Traton-Chef an, der das Unternehmen in Hochgeschwindigkeit saniert .

ak/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.