Daimler im Fokus der Ermittler Nicht jeder Abgasbetrug pulverisiert den Aktienkurs

Betrugsvorwürfe gegen Autohersteller führen an der Börse immer wieder zu Kursverlusten. Nun steht Daimler in der Kritik - doch ein Absturz wie bei VW ist unwahrscheinlich.
Daimler im Fokus: Auch der Stuttgarter Autobauer soll bei Abgasangaben geschummelt haben. Aktionäre bleiben noch gelassen

Daimler im Fokus: Auch der Stuttgarter Autobauer soll bei Abgasangaben geschummelt haben. Aktionäre bleiben noch gelassen

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Übernahmespekulationen, Geschäftszahlen, Zinsentscheidungen und ähnliches - es gibt an der Börse eine Reihe von Anlässen, die mehr oder weniger regelmäßig auftreten und für Kursbewegungen sorgen. Im Herbst 2015, als der Dieselskandal bei dem Volkswagen-Konzern losbrach, ist ein weiteres Thema hinzugekommen: Der Verdacht gegenüber Autoherstellern, sie hätten bei der Angabe von Abgas- oder Verbrauchswerten betrogen.

Alle paar Monate, so scheint es, gerät seither ein anderer Autobauer in Verdacht, bei den Abgas-Angaben getrickst zu haben. Die regelmäßige Reaktion der Börse auf die Schummelvorwürfe ist dann klar: Aktienverkäufe und Kursverluste.

In dieser Woche war der Stuttgarter Autobauer Daimler  an der Reihe. Mehr als ein Jahrzehnt lang soll das Unternehmen in Europa und den USA Fahrzeuge mit einem unzulässig hohen Schadstoffausstoß verkauft haben, zitierten Medien aus einem Durchsuchungsbeschluss der Behörden.Insgesamt seien davon mehr als eine Million Autos betroffen.

Daimler-Aktie bereits seit Wochen im Sinkflug

Vorwürfe, die Investoren offenbar ernst nehmen: Die Daimler-Aktie rutschte unmittelbar nach Veröffentlichung der Informationen um fast 3 Prozent ab. Das erscheint zwar glimpflich. Schon seit Wochen befindet sich das Papier jedoch ohnehin im Sinkflug, was auch daran liegen dürfte, dass bei Daimler bereits Ende März ebenfalls wegen der Abgasverdächtigungen eine Razzia durchgeführt worden war.

An der Börse werden in solchen Fällen Erinnerungen wach, und zwar vor allem an den September 2015. Seinerzeit brach beim Volkswagen-Konzern so etwas wie die Mutter aller Abgasaffären los: Binnen kurzer Zeit sackte die im Dax  notierte Vorzugsaktie der Wolfsburger von mehr als 160 Euro auf weniger als 100 Euro ab.

Seither hat sich das Papier zwar wieder auf mehr als 140 Euro berappelt. Das Niveau von vor der Krise hat die VW-Aktie aber - ebenso wie übrigens die Aktie der Konzerntochter Audi - bislang nicht wieder erreicht.

Der nachhaltige Kursabschlag hängt womöglich mit den nach wie vor bestehenden Rechtsrisiken zusammen, die der Konzern im Zusammenhang mit der Abgasaffäre einkalkulieren muss.

Merkwürdige Kursentwicklung bei Fiat und PSA

Auf der anderen Seite kann der anhaltende Druck auf den Volkswagen-Aktienkurs aber auch verwundern. Denn wie aus den Verkaufszahlen des Unternehmens hervorgeht, scheint die Affäre die operativen Geschäfte des Riesenkonzerns kaum zu beeinträchtigen. Zwar ist der Absatz von Diesel-Fahrzeugen bei den Wolfsburgern - wie bei vielen anderen Herstellern ebenfalls - seit Ende 2015 stark rückläufig. Insgesamt jedoch hinterlässt die Dieselaffäre in Volkswagens Verkaufsbilanz kaum Spuren: Mit mehr als zehn Millionen verkauften Autos im Jahr 2016 rangiert der Konzern weiterhin an der Weltspitze.

Wie es scheint zucken die Autokäufer nur kurz mit den Schultern, vermuten womöglich, dass die Hersteller ohnehin alle schummeln - und bleiben beim Neuwagenkauf im Zweifel dem Hersteller treu, an den sie sich zuvor bereits gehalten hatten.

Auch Mitsubishi hat getäuscht

Dass die Investoren an der Börse dagegen oft zurückhaltender sind, zeigt sich auch an anderer Stelle. Zum Beispiel bei Mitsubishi.

Auch die Japaner mussten im April 2016 eingestehen, jahrelang Kunden und Behörden getäuscht zu haben. Bei mehreren Hunderttausend Fahrzeugen, darunter auch Modelle des Konkurrenten Nissan, sei an den Verbrauchswerten manipuliert worden, so das Unternehmen.



Folge am Aktienmarkt: Mitsubishis Aktie brach binnen Tagesfrist um mehr als 15 Prozent ein. Und auch der Aktienkurs des japanischen Autoherstellers hat sich von diesem Einbruch bis heute bestenfalls zu etwa zwei Dritteln wieder erholt.

Wie es scheint, liegen jene Investoren, die ihre Auto-Aktien aufgrund von Betrugsvorwürfen gegenüber dem fraglichen Unternehmen verkaufen, also durchaus richtig. Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Im April dieses Jahres etwa wurde bekannt, dass der PSA-Konzern ebenfalls im Zusammenhang mit dem Abgasskandal ins Visier der französischen Behörden geraten ist. Die Aktie von PSA Peugeot Citroën  notiert jedoch heute zumindest auf dem gleichen Niveau wie kurz vor dieser Veröffentlichung.

Vorwürfe gegen Fiat Chrysler

Ähnlich ist es bei Fiat Chrysler : Auch die Italo-Amerikaner müssen sich seit Anfang 2017 gegen Betrugsvorwürfe der US-Behörden verteidigen. Spontan löste das bei der Fiat-Chrysler-Aktie ebenfalls einen Kursrutsch um 15 Prozent aus - doch der ist inzwischen wieder mehr als aufgeholt, und zwar, obwohl der Fall noch längst nicht geklärt ist.

Es bleibt daher als Fazit: Es erscheint nur allzu verständlich, wenn Anleger mit der Erinnerung an den Fall Volkswagen im Hinterkopf beim Verdacht von Schummeleien oder Betrügereien gegen einen Autohersteller dessen Aktien zunächst einmal verkaufen. Vernünftig ist es jedoch nicht unbedingt, denn nicht immer wirken sich solche Vorwürfe auch nachhaltig auf das Kursniveau aus.

Sicher scheint dagegen eins: Wer unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe und nach der ersten heftigen Reaktion an der Börse bei einer solchen Auto-Aktie zugreift, liegt meist richtig. Denn wie immer an der Börse ist die erste Reaktion in der Regel übertrieben.

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