Börsenprofi Markus Zschaber erklärt Daimler - Dividende entschädigt für Warten auf goldene Zeiten

Von Markus Zschaber
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Wohin man auch schaut, die Aktienmärkte befinden sich, getrieben durch solide Konjunkturdaten, ein Abflauen der politischen Risiken und eine unterstützende Geldpolitik der Notenbanken im Höhenflug. So erreichte auch der deutsche Leitindex Dax  im Laufe dieser Woche ein neues Allzeithoch bei derzeit 12.951 Punkten und steht damit kurz davor die Grenze von 13.000 Punkten erstmals zu überschreiten. Doch schaut man sich die jeweiligen Einzeltitel des Index im Detail an, stellt man fest, dass die Entwicklung der Aktien im Einzelnen doch sehr unterschiedlich ist. Stehen einige klassische Werte wie SAP  oder Henkel  nah an ihren Rekordhochs, liegen andere Unternehmen noch weit hinter ihren Allzeithochs zurück.

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So auch der deutsche Premiumautomobilhersteller Daimler , der in dieser Woche verkündete, ein erstes Werk in Russland zu bauen, in dem ab 2019 jährlich rund 25.000 Autos vom Band laufen sollen. Im Frühjahr 2015 kostete eine Aktie des Stuttgarter Autobauers in der Spitze etwas mehr als 95 Euro, heute notiert die Aktie rund 31 Prozent tiefer bei 65,50 Euro. Im folgenden Text wollen wir uns den Autobauer mal etwas genauer anschauen und bewerten ob der derzeitige Kursabschlag im Vergleich zu 2015 gerechtfertigt ist.

Zunächst wollen wir einen Blick auf die fundamentale Verfassung von Daimler werfen. Eine strukturierte Fundamentalanalyse ist Grundvoraussetzung zur Identifizierung von über- bzw. unterbewerteten Aktien. Mit einem ersten Blick auf das Zahlenwerk des ersten Quartals 2017 lässt sich schnell feststellen, dass die Geschäfte für Daimler noch nie besser liefen. So stieg beispielsweise der Umsatz von 34,2 Milliarden Euro in 2015, über 35,0 Milliarden Euro in 2016 auf 38,7 Milliarden Euro im ersten Quartal 2017. Über zwei Jahre hinweg konnte Daimler seinen Umsatz also um rund 13 Prozent steigern. Noch besser sieht es beim Gewinn aus. Noch nie hat Daimler so viele Autos verkauft und so profitabel gewirtschaftet.

Markus Zschaber

Markus Zschaber ist Gründer der Vermögens-verwaltung V.M.Z. (www.zschaber.de ) und Leiter des Instituts für Kapitalmarkt-Analyse (www.kapitalmarktanalyse.com ).Bitte beachten Sie die wichtigen Hinweise und den Haftungsausschluss hinter diesem Link. 

So lag das Konzernergebnis im ersten Quartal 2015 noch bei 2,05 Milliarden Euro, im ersten Quartal 2017 schon bei 2,80 Milliarden und damit mehr als 36 Prozent höher. Wachstum konnte Daimler dabei in fast allen Geschäftsfeldern erzielen, allein im Lkw-Geschäft war der Umsatz mit minus 3 Prozent leicht rückläufig. Doch auch im Lkw-Geschäft zeichnen sich positive Tendenzen ab, so stieg das Ebit der Sparte um 29 Prozent, die angesetzten Sparmaßnahmen scheinen also sehr gut zu wirken. Zudem zahlt Daimler seinen Aktionären eine kräftige Dividende. Die Dividendenrendite liegt auf dem aktuellen Kursniveau bei rund 5 Prozent.

Ein kurzer Blick auf das Zahlenwerk erklärt also nicht, weshalb die Daimler-Aktie trotz deutlich besseren Zahlen als vor zwei Jahren so viel tiefer gehandelt wird. Wer dies verstehen möchte, muss sich zum einen tiefer in den Konzernlagebericht einlesen, zum anderen einen Blick über das Unternehmen hinweg auf die Verfassung der Gesamtbranche werfen.

Wie aus dem Konzernlagebericht hervorgeht, ermitteln derzeit diverse Landes- und Bundesbehörden im Zusammenhang mit Dieselabgasemissionen gegen Daimler. Zu den namhaftesten Instanzen zählen dabei unter anderem das US-amerikanische Justiz-ministerium DOJ und die US-Umweltschutzbehörde EPA. Schnell werden bei diesen Namen Erinnerungen wach an den "VW-Dieselabgasskandal", der VW nach aktuellen Schätzungen zwischen 20 und 30 Milliarden Euro kosten wird. Trotz der Beteuerung des Managements, dass es eine Abgasmanipulation bei Daimler nicht gegeben hat, kann das Unternehmen nicht ausschließen, dass die derzeitigen Ermittlungen, Untersuchungen und Verfahren für das Unternehmen zu nachteiligen Ergebnissen führen. Daimler warnt in seinem Lagebricht ausdrücklich, dass es hierbei zu nicht unerheblichen negativen Auswirkungen auf die Ertrags- bzw. Vermögenslage des Unternehmens kommen könnte.

Dieses Risiko gehen Anleger bei Daimler ein

Hier liegt ein sehr großer Unsicherheitsfaktor vor. Die Angst, mit dem Kauf der Daimler-Aktie sich auch ungeahnte Risiken ins Portfolio zu legen, schreckt derzeit viele Anleger davon ab die Aktie zu kaufen.

Zum anderen befindet sich die Automobilbranche vor einer großen Veränderung. Durch den "VW-Abgasskandal" hat sich der Trend hin zu Elektroautos global noch einmal deutlich beschleunigt. Besondere Beachtung fand diesbezüglich dieser Tage auch die Meldung, dass China wohl an einer Mindestabsatzquote für Elektroautos ab dem 1. Januar 2018 festhalten möchte. Dies würde vor allem die deutsche Automobilindustrie hart treffen, da man dem Trend der Elektromobilität in der Entwicklung größtenteils noch massiv hinterher hinkt. So sind die deutschen Autobauer wie auch Daimler auf dem Gebiet der Elektromobilität keineswegs Marktführer. Marktführer hier ist der amerikanische Autobauer Tesla, dessen E-Autos in allen Belangen neue Maßstäbe setzen. Auch diese Tatsache lastet stark auf der Daimler-Aktie. Sollte es Daimler nicht gelingen, den Technologierückstand aufzuholen, könnte man in einer Zukunft, die ausschließlich auf Elektromobilitätsantriebe setzt, abgehängt werden und schlussendlich große Marktanteile verlieren.

Sowohl die Ermittlungen zu etwaigen Abgasmanipulationen als auch der Technologierückstand in punkto Elektromobilität sind zwei nicht zu verachtende Risiken. Diese Risiken stehen auch in Abhängigkeit zueinander. So ist ein Szenario denkbar, in dem Daimler wegen Abgasmanipulationen welcher Art auch immer hohe Strafen zahlen muss und daher gezwungen ist, in der Forschung und Entwicklung zu sparen und sich dadurch der Abstand zu Tesla weiter vergrößert.

Doch ganz so schwarz würde ich die Dinge bei Daimler nicht malen. Wie man bei VW gesehen hat, waren die Strafen zwar hart, aber VW konnte diese stemmen und sich 2016 wieder als größter Autobauer der Welt behaupten. Zudem würde eine Abgasmanipulation bei Daimler wohl nicht ansatzweise die Dimensionen erreichen, wie sie bei VW aufgetreten sind.

Weitere Hoffnung gibt die Tatsache, dass Elektroautos zum heutigen Tage noch lange kein Massenprodukt, sondern eher ein Nischenprodukt sind. Bis Elektromobilität dem Verbrennungsmotor auf dem breiten Massenmarkt ernsthaft Konkurrenz macht, werden sicher noch mindestens fünf Jahre ins Land ziehen. Zeit genug für Daimler, den Technologierückstand aufzuholen.

Daimler hat in seiner Geschichte durchaus bewiesen, dass man auch große Krisen und Probleme erfolgreich überwinden bzw. lösen kann. Davon gehe ich auch diesmal aus, da das Kerngeschäft hochprofitabel ist, die Bilanz solide ausschaut und Daimler über ein gutes Management verfügt. Daher erachte ich den Abschlag, der derzeit in der Daimler-Aktie eingepreist ist, durchaus als mögliche Einstiegschance, mit gewissen aber kalkulierbaren Risiken.

Wir selbst als Vermögensverwalter beobachten weiterhin das Segment der Automobilwerte und beschäftigen uns noch intensiver mit dem Zahlenwerk, den möglichen Auseinandersetzungen und den damit verbundenen Rückstellungen - aber dann investieren wir heute oder morgen für unsere Kunden. Einen mittel- bis langfristigen Anlagehorizont sollten Anleger daher also mitbringen und bis dahin entschädigt ja eine Dividendenrendite von rund 5 Prozent fürs Warten.

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