Deutscher Impfstoffhersteller Kursrakete Curevac - Gewinnmitnahmen nach der Rally

Die Aktien des Tübinger Impfstoffherstellers Curevac, die am Freitag an der Nasdaq ihr Börsendebüt feierten, sind bei spekulativen Anlegern begehrt. Gegenüber dem Ausgabekurs hat sich der Preis zeitweise verfünffacht - nun setzen Gewinnmitnahmen ein.
Nasdaq-Videofassade am New Yorker Times Square mit Curevac-Chef Franz-Werner Haas am Freitag (14. August)

Nasdaq-Videofassade am New Yorker Times Square mit Curevac-Chef Franz-Werner Haas am Freitag (14. August)

Foto: Nasdaq MarketSite / dpa

Die Kursrally des Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac, das an einem Corona-Impfstoff arbeitet und am Freitag mit einem fulminanten Preissprung an der Börse in New York gestartet war, ist am Dienstag von ersten Gewinnmitnahmen gebremst worden. Der erste Kurs am Freitag an der Nasdaq beim Börsendebüt lag mit 44 Dollar weit über dem dem Ausgabepreis der Aktie von 16 Dollar. Zum Handelsschluss am Freitag stand die Aktie dann schon bei 55,90 Dollar und kletterte im nachbörslichen Handel weiter. Am Montag im europäischen Handel vollzog die Aktie   von Curevac diesen Kurssprung zunächst nach und stieg bis Montag Mittag um weitere 60 Prozent auf 78 Euro (92 Dollar). Seit der Erstnotiz bei 44 US-Dollar hat sich der Preis damit mehr als verdoppelt - wer zu den wenigen Erstzeichnern der Aktie zählte, die eine Curevac-Aktie zum Ausgabepreis von 16 Dollar zugeteilt bekommen haben (die Emission war zwölffach überzeichnet), hat sein Investment binnen zwei Tagen mehr als verfünffacht.

Am Montag Abend setzten nach Eröffnung der US-Börsen jedoch Gewinnmitnahmen ein: Die Aktie von Curevac gab den Großteil ihrer frühen Gewinne wieder ab und fiel bis Dienstag Nachmittag auf 69 US-Dollar (58 Euro) zurück. Das ist immer noch ein Plus von mehr als 300 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis und ein Plus von rund 50 Prozent gegenüber der Erstnotiz.

Curevac erlöste bei der Aktienplatzierung mehr als 200 Millionen Dollar. Der Hauptinvestor von Curevac, SAP-Mitgründer Dietmar Hopp (80), wird nach dem Börsengang mit einem Anteil knapp unter 50 Prozent die Kontrolle behalten. Ein zentrales Ziel des Börsengangs ist, Geld für die Entwicklung des Corona-Impfstoffs einzusammeln. Aus dem Erlös werden dafür rund 150 Millionen Dollar (knapp 130 Millionen Euro) veranschlagt. Mit weiteren 50 Millionen Dollar soll die kurzfristige Produktionskapazität für das Mittel ausgebaut werden. Der Börsengang von Curevac an der Technologiebörse Nasdaq ist brutto rund 250 Millionen Dollar schwer. Hopp kauft zusätzlich Aktien für 100 Millionen Dollar. Curevac wurde die zunächst 13,3 Millionen Anteilsscheine für jeweils 16 Dollar los - am oberen Ende der veranschlagten Preisspanne.

Curevac ist bei der Suche nach einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 einer von mehreren Hoffnungsträgern weltweit - und nicht der einzige, der dafür frisches Geld an der Börse hebt. Am Donnerstag startete die bereits in Hongkong notierte Aktie der chinesischen Firma Cansino zusätzlich in Shanghai - und der Kurs verdoppelte sich zeitweise.

"Kapitalbedarf von Curevac noch lange nicht gedeckt"

Finanzchef Pierre Kemula (45) betonte, dass mit dem Börsengang der Bedarf an frischem Kapital noch lange nicht gedeckt sei. "Wir werden uns immer nach zusätzlichen Finanzierungsquellen umsehen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Als Biotech-Firma ohne signifikante Umsätze sei Curevac das gewohnt. Curevac verbuchte im vergangenen Jahr einen Verlust von knapp 100 Millionen Euro bei rund 17,5 Millionen Euro Umsatz.

Der Corona-Impfstoff von Curevac ist derzeit in einer Phase-1-Versuchsreihe, deren Ergebnisse im Schlussquartal dieses Jahres vorliegen sollen. Aktuell testet Curevac das Mittel hauptsächlich in Europa, in der nächsten Versuchsrunde mit 20.000 bis 30.000 Personen will die Firma auch nach Südamerika, Afrika und Asien gehen. Es ist geplant, diese größere Testreihe Mitte 2021 abzuschließen. Dann könnte es auch in einigen Ländern außerordentliche Genehmigungen geben, den Impstoff zu verabreichen.

Die Notierung an der Börse habe für Curevac diverse Vorteile über den Kapitalzufluss hinaus, betonte Finanzchef Kemula am Freitag. Gerade an einer Börse wie der Nasdaq mache die Platzierung Curevac international bekannter und werde auch bei der globalen Suche nach Fachkräften helfen. Curevac hat zum Stand Ende Juni 484 Beschäftigte. Bis auf 13 in den USA arbeiten sie alle in Deutschland.

Hopp hielt bisher über seine Firma Dievini knapp 54 Prozent an Curevac, nach dem Börsengang werden es gut 49 Prozent sein. Die stattliche Förderbank KfW kommt dann noch auf knapp 17 Prozent und der Pharmakonzern GlaxoSmithKline auf gut 8 Prozent. An der Börse werden nun knapp zehn Prozent der Anteile gehandelt.

Auch der deutsche Steuerzahler ist bei Curevac dabei

Mitte Juni hatten die deutschen Aufsichtsbehörden dem Tübinger Biotechunternehmen grünes Licht für eine klinische Studie mit einem möglichen Impfstoff gegen das Coronavirus gegeben. Nach Unternehmensangaben sollen ab September Ergebnisse vorliegen. Der Bund hatte angekündigt, sich mit 300 Millionen Euro an Curevac zu beteiligen. Damit erwarb er einen Anteil von 23 Prozent an dem Pharmaunternehmen, der nun auf 19 Prozent sinkt. Der über die Förderbank KfW gehaltene Anteil ist zum heutigen Kurs mehr als 2,1 Milliarden Euro wert. Der Chef der Monopolkommission, Achim Wambach, forderte gegenüber der "Rheinischen Post" am Sonntag einen schnellen Ausstieg des Staats.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (62, CDU) hatte versichert, der Bund werde auf die geschäftspolitischen Entscheidungen der Firma keinen Einfluss nehmen. Anfang Juli erhielt Curevac zudem eine Kreditzusage in Höhe von 75 Millionen Euro von der Europäischen Investitionsbank (EIB).

Anschließend stiegen auch der weltgrößte Impfstoffhersteller Glaxosmithkline und das Emirat Katar bei der Tübinger Firma ein. In der Finanzierungsrunde von Juli wurde Curevac noch mit 1,6 Milliarden Euro bewertet. Der Wert der damals erworbenen Anteile ist innerhalb eines Monats also auf das Vierfache gestiegen. Im März hatte die Meldung für Aufregung gesorgt, US-Präsident Donald Trump wolle nach Curevac greifen. Danach stieg der Bund über die KfW ein.

Firmenchef Haas hält Impfung für 10 Euro für machbar - aber nicht zum Selbstkostenpreis

"Es wird weitere Finanzierungsrunden geben", sagte der neue Vorstandschef Franz-Werner Haas (50) der "Süddeutschen Zeitung" . Bis zur Marktzulassung brauche Curevac "um die 400 Millionen Euro". Man suche nach einem Partner für die Produktion und Vermarktung des Impfstoffs. Die eigene Massenproduktion solle 2022 beginnen. Einen Liefervertrag habe Curevac im Unterschied zu mehreren Wettbewerbern noch nicht unterschrieben, sei aber mit einigen Staaten im Gespräch. Ein Preis von 10 bis 15 Euro je Impfstoffdosis sei machbar - deutlich günstiger als die von Wettbewerbern mit vergleichbarer Technologie. Teile der Gelder sollen auch in das Krebsmittel-Programm fließen, wie das Unternehmen weiter mitteilte. Investitionen sollen schließlich in die "weitere Entwicklung der mRNA-Technologieplattform" des Unternehmens und die Entwicklung anderer "präklinischer und klinischer Programme" erfolgen.

Curevac will mit einem möglichen Covid-19-Impfstoff auch Gewinne für die Eigentümer erzielen. "Wir können das nicht zum Selbstkostenpreis machen. Wir haben Investoren, die seit zehn Jahren Geld in das Unternehmen stecken, also sollte es eine kleine Rendite für sie geben", sagte Kemula im Interview der "Financial Times" (Sonntag). Die Pharmakonzerne Astrazeneca und Johnson & Johnson hatten im Rahmen von großen Vorbestellungen von EU- und US-Behörden angekündigt, zumindest während der Pandemie keinen Gewinn mit möglichen Impfstoffen anzustreben.

Kritik am Finanzplatz Deutschland

Das Deutsche Aktieninstitut hatte am Mittwoch kritisiert, der Curevac-Börsengang in den USA zeige, dass Deutschland noch immer kein attraktiver Standort für Börsengänge junger Wachstumsunternehmen sei. Hier müsse die Politik handeln.

Curevac nutzt ebenso wie das Mainzer Unternehmen Biontech und die US-Firma Moderna die sogenannte RNA-Technologie zur Impfstoffentwicklung. Der genetische Bauplan für modifizierte Virus-Bestandteile wird dabei in den Körper injiziert. Zellen nehmen diese Erbinformation auf und produzieren daraus harmlose Erregerteile, worauf das Immunsystem reagiert. Es speichert die Immunantwort ab, die später gegen eine echte Infektion schützt.

la/ak/cr/dpa-afx/reuters
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