Montag, 6. April 2020

Coronavirus und die Folgen Zeit für den ökonomischen Notfallplan!

Die rasche Ausbreitung des Coronavirus in Ländern außerhalb Chinas hat die Aktienmärkte weltweit unter Druck gesetzt.

Nachdem die Börsen das Corona-Virus lange Zeit ignoriert haben, scheint sich langsam die Erkenntnis durchzusetzen, dass das Virus das Zeug hat, der Weltwirtschaft mehr zu schaden, als ursprünglich gedacht. Kein Wunder, dass die Aktienmärkte in den letzten Tagen tief abgetaucht sind.

Daniel Stelter
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    Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious" und Unternehmensberater. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 bei der Boston Consulting Group (BCG),zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Sein neues Buch "CORONOMICS: Nach dem Corona-Schock - Neustart aus der Krise" erscheint am 30. April 2020.
    Twitter: @thinkBTO

War es das schon? Ich weiß es nicht. Vieles spricht dafür, dass die Börsianer immer noch mit einer V-förmigen Erholung rechnen, während die Anleihenmärkte schon längst bei dem U angekommen sind. Von einem "L" sprechen wir noch nicht, denn das wäre der schlimmste aller Fälle: die Spanische Grippe 2.0. Ein humanitäres Desaster mit fatalen Folgen für die Wirtschaft.

Schon ein "U" können wir uns nicht leisten

Dabei kann sich die Weltwirtschaft nicht einmal ein "U" leisten. Schon ohne die Virus-Krise kämpfen wir immer noch mit den Folgen der Finanzkrise. Das Wachstum im Aufschwung seit 2010 war das geringste seit dem zweiten Weltkrieg. Trotz Rekordverschuldung, trotz eines ebenfalls auf Schulden gebauten Boom in China und trotz Null- und Negativzinspolitik der Notenbanken. Selbst in den USA muss die Regierung Trump ein Defizit von rund 5 Prozent vom BIP fahren, damit die Wirtschaft um rund zwei Prozent wächst. Kein gutes Zeichen.

Auf diese Welt trifft nun das Virus. Zunächst nur ein Problem für China, welches immerhin für 18 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und rund 50 Prozent des Wachstums der Welt in den letzten Jahren steht. Nun auch ein Problem in Korea - immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens - und mit Italien mitten in Europa. Egal, was uns die Politiker erzählen, wir müssen uns darauf einstellen, dass das Virus die Welt erobert und lähmt. Kommt es wider Erwarten anders, umso besser.

Die Folgen wären für die Weltwirtschaft fatal. Die Möglichkeiten die Wirtschaft wieder zu beleben für Notenbanken und Staaten sind gering. Bei Null- und Negativzins bringen weitere Zinssenkungen wenig. Vor allem nimmt niemand einen Kredit auf, wenn die Wirtschaft stillsteht. Den braucht man erst, wenn die Wirtschaft wieder öffnet. Und das könnte dauern, muss man doch mit einer Dauer von mindestens sechs Wochen rechnen, bis eine Person wieder genesen ist. Auch Staatsausgaben bringen wenig, wenn niemand die Steuergutschriften ausgibt und niemand auf dem Bau arbeitet. Ein Szenario, welches wir zumindest in Erwägung ziehen sollten.

Margin Call für alle Schuldner

Damit hat das Virus das Zeug, den ultimativen Margin Call auszulösen. Schon früher habe ich an dieser Stelle die Mechanik von Margin Calls erläutert: Unsere Wirtschaft ist immer höher verschuldet. Unternehmen arbeiten mit immer weniger Eigenkapital um so - die billigen Fremdkapitalzinsen nutzend - die Eigenkapitalrendite zu steigern. Man spricht vom sogenannten "Leverage Effekt". Besonders weit getrieben haben es hierbei die Unternehmen in den USA, die immerhin 50 Prozent mehr Schulden haben als vor 10 Jahren. Immerhin fast die Hälfte aller ausstehenden Anleihen ist nur noch mit dem Rating von BBB versehen, eine Stufe über Ramsch.

Kommt es zu Herabstufungen wie kürzlich beim Ketchup-Hersteller Kraft, sind rasche und starke Kursverluste die Folge. Zum einen, weil viele Investoren keine Papiere halten dürfen, die nicht mehr Investment-Grade sind, zum anderen, weil viele Käufer der Papiere ebenfalls auf Kredit spekulieren. Das steckt auch hinter der Krise am amerikanischen Markt für kurzfristige Finanzierungen ("Repo-Markt"), wo immer mehr Spieler von Banken bis Hedge-Fonds mit immer höherem Leverage versuchen, trotz Tiefstzinsen eine ordentliche Rendite zu erwirtschaften.

Wir haben es also mit einem mehrfachen Verschuldungsproblem zu tun: einer immer höher verschuldeten Realwirtschaft und einem mit immer geringeren Eigenmitteln zockenden Finanzsystem. In normalen Zeiten ist das ärgerlich aber dank der allzeit bereiten Notenbanken noch beherrschbar. Nicht, dass ich das gut finde, aber es ist ein Versagen der Regulierung, hier nicht früher und entschiedener gegengesteuert zu haben.

Vermögenswerte landen auf dem Markt und verschärfen die Krise

Das Problem mit dem Virus ist jedoch, dass die Interventionen von Notenbanken und Staaten wie gezeigt nicht wirken. Schuldner werden, wenn sie Liquidität benötigen verkaufen müssen und die Käufer werden wegen der Unsicherheit nicht kaufen. Vermögenswerte werden auf den Markt geworfen und verschärfen so die Abwärtsbewegung, ein Prozess den Irving Fisher schon in den 1930er Jahren in seiner Schulden-Deflations-Theorie großer Depressionen eindrücklich beschrieben hat.

Unternehmen werden Schwierigkeiten haben, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, wenn ihre Einnahmen wegbrechen. Da tröstet es wenig, dass die Autos in drei Monaten verkauft werden. Die Einnahmen und damit der Cash-Flow fehlen heute. Damit droht eine Welle an Zahlungsausfällen, die die Finanzmärkte wie ein Tsunami überschwemmen. Der Crash wäre perfekt.

Natürlich muss es nicht so kommen. Doch je länger die Virus-Krise andauert und je weiter sich das Virus verbreitet, desto größer der Schaden für Realwirtschaft und Finanzsystem.

Wir brauchen einen ökonomischen Winterschlaf

Das letzte Mal als das hoch-geleveragte System vor dem Kollaps stand rettete die beherzte Intervention der Notenbanken und Staaten uns vor dem Kollaps. Diesmal ist die Munition weitgehend aufgebraucht oder wirkungslos. Irving Fisher wusste schon vor 90 Jahren was zu tun ist: Man muss den Wert des auf Kredit gekauften Assets wieder auf den Vor-Krisen-Wert erhöhen. Nur so lässt sich die Krise stoppen.

Übersetzt auf heute bedeutet dies: Wir brauchen - sollte das Virus weiter die Weltwirtschaft belasten - einen ökonomischen Winterschlaf. Alle Zinszahlungen und Tilgungen werden ausgesetzt. Alle Wertpapierpreise eingefroren. Wir machen Pause und nehmen den Faktor Zeit aus dem Spiel.

Wenn die Wirtschaft dann wieder anläuft - und das wird sie - dann können die Restriktionen nach und nach fallen. Die Restlaufzeit von Anleihen und Kredite wird um die Unterbrechungsperiode verlängert. Alle tun so, als hätten wir in einem erholsamen Winterschlaf gelegen.

Verrückt? Vielleicht. Aber dann kommen sie mit besseren Vorschlägen, wie eine Depression zu verhindern ist, wenn es nicht gelingt, das Virus zu stoppen.

Schlussbemerkung: Noch bin ich optimistisch, dass es nicht so weit kommt. Dennoch müssen wir uns zumindest darauf vorbereiten. Denn wie heißt es so schön: Das Glück bevorzugt den vorbereiteten Geist. Hoffen wir, dass die Politiker einen besseren Job bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen als bei der Verhinderung der Pandemie machen.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt sein Kommentar nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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