Dienstag, 25. Februar 2020

Börse verunsichert Was Anleger über das Coronavirus wissen sollten

Unschöne Erinnerungen: Auch 2003 verursachte die Krankheit SARS ausgehend von China Verunsicherung weltweit sowie Kursverluste an der Börse. Wird sich die Lage angesichts des Coronavirus' ähnlich entwickeln?
Kevin Lee/Getty Images
Unschöne Erinnerungen: Auch 2003 verursachte die Krankheit SARS ausgehend von China Verunsicherung weltweit sowie Kursverluste an der Börse. Wird sich die Lage angesichts des Coronavirus' ähnlich entwickeln?

Die Ausbreitung des Coronavirus verunsichert die Börsen weltweit. Doch die Erfahrung zeigt: Jetzt ist nicht die Zeit, Aktien zu verkaufen. Eher im Gegenteil.

Kawamoto Corporation, Top Glove, Supermax, Kossan Rubber Industries - die meisten Anleger dürften von diesen Firmen noch nie etwas gehört haben, doch wer ihre Aktien im Depot hat, hat binnen weniger Tage viel Geld verdient: Während das Coronavirus rund um die Welt - auch an den Finanzmärkten - in den vergangenen Tagen Verunsicherung ausgelöst hat, schossen die Aktienkurse dieser Firmen angesichts der Ausbreitung der neuen Krankheit in die Höhe.

Der Grund: Es handelt sich um Unternehmen, die Hygieneprodukte wie medizinische Gesichtsmasken oder Latexhandschuhe herstellen. Medienberichten zufolge schiebt ein Großteil der Branche zumindest in Fernost bereits Sonderschichten, um der sprunghaft gestiegenen Nachfrage Herr zu werden.

Diese Kurssprünge sind allerdings im Gesamtmarkt klar die Ausnahme. Das Coronavirus, das sich seit Anfang Januar zunächst in China ausgebreitet und inzwischen auch andere Länder erreicht hat, drückt spätestens seit der vergangenen Woche auch an den Weltbörsen erheblich auf die Stimmung. Investoren rund um den Globus sind angesichts der ständig steigenden Zahlen von Infizierten und auch Todesopfern offenbar verunsichert: Wie schlimm wird diese Epidemie oder gar Pandemie werden? Wird es gelingen, das Virus in den Griff zu bekommen, und wenn ja, wann? Und wie groß werden bis dahin die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Ausbreitung sein?

Kursrückgänge in Asien und Europa

Auf diese Fragen gibt es bislang keine Antworten, daher erscheint es nachvollziehbar, dass sich Investoren zunächst zurückziehen oder zumindest vorsichtig positionieren. Kursrückgänge gab es vor allem an den Börsen in Asien, wo beispielsweise der Hang-Seng-Index Börsen-Chart zeigen in Hongkong binnen weniger Tage um fast 10 Prozent einbrach. Der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen dagegen oder auch der breite US-Index S&P 500 gerieten zwar unter Druck, die Kursverluste im Dax beliefen sich in dieser Woche jedoch bei lediglich 3,5 Prozent. Und wie meist in solchen Phasen: Vermeintlich sichere Anlagen wie Gold Börsen-Chart zeigen konnten Gewinne verbuchen.

Beruhigende Erfahrungswerte

Dabei erscheinen die Sorgen der Investoren keineswegs unbegründet - jedenfalls auf kurze bis mittlere Sicht. Die Erfahrung etwa mit der SARS-Epidemie 2003, die ebenfalls von China ausging, zeigt: Eine solche plötzlich auftretende Krankheit, die Unternehmen und öffentliche Einrichtungen weitgehend unvorbereitet trifft, kann messbare Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung haben. Die eingeschränkte Mobilität weiter Teile der Bevölkerung beispielsweise schlägt sich auf die Umsätze von Tourismus- und Luftfahrtunternehmen nieder. Vor allem der Konsum und damit der Handel sowie Markenhersteller leiden zudem erheblich, wenn Menschen daheim bleiben, bis alles vorüber ist, anstatt zum Shoppen auszugehen.

Schätzungen zufolge kostete SARS China seinerzeit unter dem Strich etwa 1 bis 2 Prozentpunkte seines jährlichen Wirtschaftswachstums. Als Maßstab für die gegenwärtige Situation eignet sich das zwar kaum, schließlich befindet sich sowohl die Wirtschaft der Volksrepublik als auch jene im Rest der Welt heute in einem anderen Zustand als noch vor 17 Jahren.

Investoren reagieren dennoch heute wie damals auf die gleiche Art und Weise. Auch 2003 ging es mit dem chinesischen Aktienmarkt gemessen beispielsweise am Index MSCI China massiv abwärts. Ebenso wie übrigens auch bei anderen großen Krankheitsausbrüchen in der jüngeren Vergangenheit mit anderen Märkten, wie eine Übersicht von Bloomberg zeigt. Demnach ließ etwa der Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko die dortige Börse im April 2009 um bis zu 4 Prozent abrutschen. Als 2014 in Westafrika das Ebola-Virus um sich griff, kostete das die dortigen Aktien vorübergehend ebenfalls etwa 4 Prozent ihres Wertes. Und das Zika-Virus in Brasilien war 2016 laut Bloomberg für Kursverluste von bis zu 2 Prozent verantwortlich.

Die gute Nachricht lautet jedoch: Die Daten von Bloomberg zeigen auch, wie schnell sich die Aktienmärkte in jedem der genannten Fälle wieder erholt haben. Der MSCI China beispielsweise lag schon im Juli 2003, drei Monate nach dem SARS-Tief also, wieder mit mehr als 30 Prozent im Plus. Ähnlich verlief das Comeback der Kurse in den genannten Beispielen in Mexiko, Afrika und Brasilien.

Investmentprofis optimistisch

Kein Wunder also, dass sich Investmentprofis trotz der gegenwärtigen Verunsicherung auf lange Sicht auch beim aktuellen Corona-Ausbruch eher optimistisch äußern. Unter der Prämisse, dass sich die Situation auf die eine oder andere Weise irgendwann wieder normalisieren wird, sieht Soon Nam NG von der Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle Investments beispielsweise im derzeitigen Ausbruch des Virus "eine Chance für Anleger, asiatische Aktien zu kaufen". Auch Martin Stürner, Fondsmanager bei der PEH Wertpapier AG, hielte es angesichts der Erfahrungen mit bisherigen Epidemien für "fatal, jetzt auf die Verkäuferseite zu wechseln". Und Dave Lafferty, Chefstratege bei Natixis Investmentmanagers, schreibt in einer Einschätzung, Natixis sehe den Corona-Ausbruch als kurzen und sanften Schock für die Weltwirtschaft, den Investoren nutzen könnten, um langfristig attraktive Aktien zu erwerben.

Der Ausbruch sei vielleicht ein willkommener Anlass, in überkauften Märkten Gewinne mitzunehmen, so Lafferty. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass er dem seit zehn Jahren laufenden Bullenmarkt ein Ende setze.

Attraktive Aktien kaufen also - aber welche? Das Urteil darüber, welche Branchen und Unternehmen langfristig die größten Investmentchancen bieten, bleibt jedem selbst überlassen. Leicht erkennbar dagegen ist, wo es in den vergangenen Tagen zu den heftigsten Kurseinbrüchen kam. Tourismusunternehmen waren darunter ebenso wie Luftfahrtgesellschaften. Mit dem Papier der Lufthansa Börsen-Chart zeigen beispielsweise ging es auf Wochensicht um etwa 5 Prozent abwärts.

Zu den größten Verlierern zählen zudem auch Luxusgüterhersteller wie die britische Modemarke Burberry, einige Uhrenanbieter aus der Schweiz oder der französische LVMH-Konzern. Sie alle verkaufen einen Großteil ihrer Produkte in China sowie an konsumverwöhnte Touristen aus der Volksrepublik in aller Welt.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Insbesondere das LVMH-Papier Börsen-Chart zeigen ist dabei angesichts des Kursverluste von rund 8 Prozent binnen weniger Tage womöglich einen Blick wert. Die Aktie hatte zuvor in den vergangenen Jahren stetig an Wert zugelegt, wodurch unter anderem LVMH-Chef Bernard Arnault laut "Forbes" zum ersten Europäer mit einem Vermögen von mehr als 100 Milliarden Dollar wurde. Eine veritable Erfolgsgeschichte also - und auch eine Einstiegschance?

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