Mittwoch, 8. April 2020

Der Börsen-Crash als Kaufchance Wer jetzt Aktien kaufen sollte

Aktienhändler in New York: Die Kurse an der Börse bereiten momentan wenig Freude

Um bis zu 40 Prozent sind die Börsen weltweit in den vergangenen Wochen abgesackt. Ein Chance zum Einstieg? Ja, wenn Anleger eine bestimmte Voraussetzung erfüllen.

Außergewöhnliche Situationen führen zu außergewöhnlichen Maßnahmen, das müssen in diesen Tagen Millionen Menschen rund um den Globus in ihrem alltäglichen Leben feststellen.

Das gilt auch am Finanzmarkt, der üblicherweise relativ strikt seinen Regeln folgt, nun aber längst nicht immer mehr. Die Hedgefonds-Firma Baupost Group mit Sitz in Boston etwa nimmt eigentlich keine frischen Anlegergelder mehr an, so steht es auf der Website des Unternehmens. Die Corona-Krise, die mehr und mehr auch in den USA um sich greift, hat bei Baupost-Chef Seth Klarman jedoch offensichtlich ein Umdenken bewirkt: Wie das Fachmagazin "Institutional Investor" berichtet, hat sich Klarman, der in Finanzkreisen seit Jahren als echtes Schwergewicht gilt, nun doch wieder auf Kundenakquise begeben.

Der Grund: Der stille Investmentstar, dessen Firma zuletzt rund 29 Milliarden Dollar verwaltete und der sich gewöhnlich aus der Öffentlichkeit fernhält, sieht nach den Kursstürzen der vergangenen Wochen inzwischen Kaufchancen am Aktienmarkt.

Mit der Einschätzung ist Klarman nicht alleine. Laut "Institutional Investor" öffnen eine Reihe von Hedgefonds, die eigentlich bereits geschlossen worden waren, in diesen Tagen wieder ihre Tore für Investoren. Einer von ihnen ist demnach TCI mit Gründer Chris Hohn an der Spitze. Hohn versichere Anlegern momentan, Aktien seien günstig und er befinde sich an der von Verlusten gebeutelten Börse auf der Käuferseite, zitiert das Magazin informierte Quellen.


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Es ist die immer wiederkehrende Frage, die Anleger in schwierigen Börsenphasen umtreibt, und die sich offenbar auch Leute wie Klarman und Hohn gestellt haben: Wann geht es wieder aufwärts, wann ist also der richtige Zeitpunkt für den Wiedereinstieg gekommen? Zwar gilt es am Aktienmarkt als Binsenweisheit, dass ein Investieren mit perfektem Timing praktisch nicht möglich ist. Niemandem wird es also wohl jemals gelingen, stets genau am Höhepunkt eines Kursaufschwungs auszusteigen und später präzise am absoluten Tiefpunkt wieder reinzugehen. Sollte das Kunststück doch einmal ein Investor fertigbringen, so hätte er vermutlich schlicht Riesenglück gehabt.

Zugleich dürften jedoch viele, wenn nicht die meisten Investoren daran glauben, dass auch die Corona-Krise, so schwer und außergewöhnlich sie augenblicklich noch wirken mag, irgendwann vorübergehen wird. Irgendwann dürften also auch die Aktienkurse wieder steigen. Und da möchte dann wohl jeder, der in den vergangenen Wochen womöglich nervös wurde und Reißaus genommen hat, oder dem aus anderem Grunde Geld für Investments zur Verfügung steht, gerne dabei sein.

"Anfang April wird der Stress an den Aktienmärkten sein Maximum erreichen", prophezeite Henrik Leber, Gründer und Chef des Frankfurter Fondsanbieters Acatis, schon vor gut einer Woche. "Das ist ein guter Zeitpunkt, um einzusteigen."

John Rogers, Chef des US-Investmenthauses Ariel Investments, lehnt sich noch ein Stück weiter aus dem Fenster: Er sagte im US-Sender CNBC, Anleger hätten gegenwärtig die "Chance ihres Lebens", Aktien zu günstigen Preisen zu erwerben. Ein Standpunkt, den kurz zuvor bereits Rogers' Kollege Bill Miller von Miller Value Partners an gleicher Stelle vertreten hatte.

Klar, diese Vertreter der Finanzindustrie verfolgen auch ein gehöriges Eigeninteresse: Sie verdienen Geld damit, dass andere welches anlegen, das sollte bei der Beurteilung solcher Äußerungen nie außer acht gelassen werden.

Dennoch, die Frage dürfte vielen Anlegern auf den Nägeln brennen: Haben diese Optimisten recht? Kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits wieder Aktien kaufen?

Die kurze Antwort lautet: Kommt drauf an.

Es kommt zum Beispiel darauf an, wie sich die Corona-Krise weiter entwickeln wird und wie infolgedessen die Auswirkungen auf die Wirtschaft letztlich tatsächlich ausfallen. Die Nachrichten, die derzeit aus China kommen, können Mut machen. Dort scheint das Schlimmste überstanden zu sein, und die Wirtschaft nimmt allmählich wieder Fahrt auf.


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China ist der Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 allerdings auch besonders entschieden und ausdauernd entgegengetreten. Wer seinen Blick dagegen in die andere Richtung wendet, gen Nordamerika, dem kann momentan Angst und Bange werden. Während sich das Coronavirus auch in den USA zunehmend ausbreitet und der Peak der Welle dort offensichtlich noch längst nicht erreicht ist (lesenswert dazu: dieser aktuelle Bericht eines Korrespondenten des SPIEGEL aus New York City), fabuliert US-Präsident Donald Trump bereits wieder über ein mögliches Ende des Ausnahmezustandes nach Ostern, also in gut zwei Wochen. Nicht auszumalen, auch nach den Erfahrungen, die Italien machen musste, was der größten Volkswirtschaft der Welt vor diesem Hintergrund in nächster Zeit noch bevorstehen könnte.

Für die Aktienmärkte rund um den Globus, die in den vergangenen Wochen in der Spitze bereits 30 bis 40 Prozent an Wert verloren haben, dürfte die Entwicklung in den USA von besonderer Bedeutung sein. Zurzeit erleben die Investoren zwar augenscheinlich eine Phase der Stabilisierung. Es erscheint aber ohne weiteres denkbar, dass die Märkte in nächster Zeit noch einmal kräftig absacken können.

Allerdings kommt es bei der Antwort auf die Frage, ob bereits eine Einstiegschance an der Börse besteht, noch auf etwas anderes an: auf den Anlagehorizont der Investoren. Zwar besteht auf kurze bis mittlere Sicht an der Börse zweifellos weiterhin die Gefahr durchaus heftiger Kursverluste.

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Wer jedoch sein Geld auf absehbare Zeit nicht für andere Zwecke benötigt und es für wirklich lange Zeit in Aktien, Investmentfonds oder günstige ETFs investieren will, der findet zurzeit wohl wirklich vergleichsweise attraktive Kurse vor. Die Rede ist dabei nicht von einer beabsichtigten Haltedauer der Papiere über Wochen oder Monaten, sondern über Jahre, und zwar über möglichst viele. Für Anleger, die in diesen Dimensionen planen, dürfte sich in diesen Tagen tatsächlich eine seltene Chance zum Einstieg in die Aktienmärkte bieten.

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