Fragwürdige Impfstoffdaten Zweifel an Uni Oxford und AstraZeneca - Aktie rutscht ab

Die Impfstoffdaten der Partner AstraZeneca und Uni Oxford wurden zu Beginn der Woche als großer Erfolg gefeiert. Doch das war offenbar verfrüht: Inzwischen gibt es viele offene Fragen, Investoren ergreifen die Flucht.
Wirksam oder nicht? An den Impfstoffstudienergebnissen von AstraZeneca und Uni Oxford gibt es Zweifel

Wirksam oder nicht? An den Impfstoffstudienergebnissen von AstraZeneca und Uni Oxford gibt es Zweifel

Foto: DADO RUVIC / REUTERS

Die Freude war zunächst groß - doch inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt: Nach dem Duo BioNTech/Pfizer sowie dem US-Unternehmen Moderna hatte am Montag dieser Woche auch der britisch-schwedische Pharma-Konzern AstraZeneca gemeinsam mit der Universität Oxford vielversprechende Daten zur Wirksamkeit eines von den beiden entwickelten potenziellen Impfstoffs gegen die Lungenkrankheit Covid-19 publiziert. Von einer Immunwirksamkeit von bis zu 90 Prozent war in der Mitteilung die Rede.

Inzwischen jedoch ist die Begeisterung der Investoren bereits wieder verflogen. Die Aktie  des Unternehmens notiert derzeit unter dem Niveau, das sie kurz vor der Veröffentlichung der Impfstoff-Daten hatte. Binnen weniger Tage ist der Kurs um rund 7 Prozent abgerutscht.

Was ist passiert? Die Daten, die AstraZeneca gemeinsam mit der Uni Oxford veröffentlicht hat, werfen bei genauer Betrachtung einige Fragen auf - und beide Partner konnten bislang kaum zufriedenstellende Antworten darauf liefern. So ist in der Mitteilung von AstraZeneca  vom vergangenen Montag die Rede von zwei verschiedenen Impfversuchen an zwei unterschiedlich großen Mengen von Probanden. Eine Gruppe von knapp 9000 Personen in Brasilien habe im Abstand mehrerer Wochen zwei volle Dosen des fraglichen Impf-Präparates gespritzt bekommen, heißt es da. Bei dieser Gruppe sei eine Wirksamkeit von 62 Prozent festgestellt worden.

Zudem berichtet AstraZeneca von einer zweiten Gruppe von rund 2700 Versuchspersonen in Großbritannien. Diesen sei zunächst eine halbe Dosis des Impfstoffs gespritzt worden, gefolgt von einer vollen Dosis mindestens einen Monat später. Bei dieser Gruppe habe sich eine Wirksamkeit von 90 Prozent gezeigt, so das Unternehmen. Zusammen ergebe das eine durchschnittliche Wirksamkeit von 70 Prozent.

"Wir haben einfach nicht genug Informationen"

Bei Kritikern sorgen diese Angaben für Stirnrunzeln. Kritisiert wird etwa, dass weder AstraZeneca noch die Uni Oxford im Zuge der ersten Veröffentlichung erklärt haben, weshalb es zu den beiden Gruppen kam, denen in der beschriebenen Weise unterschiedliche Dosenkombinationen gespritzt wurden. Erst am Mittwoch informierte die Uni Oxford darüber, dass dies offenbar das Resultat einer Panne war: Die Reduzierung der ersten Dosis auf die Hälfte basierte offenbar auf einem Verpackungsfehler. Das Problem sei allerdings mit den Aufsichtsbehörden besprochen worden, die der Fortsetzung der Studie zugestimmt hätte, so die Uni Oxford laut Medienberichten .

Auch die Vorgehensweise, die Ergebnisse der beiden unterschiedlichen Dosierungen kurzerhand zu einem Gesamtresultat zu verrechnen, stößt auf Kritik. "Sie haben zwei Studien mit zwei verschiedenen Dosierungen und kommen dann mit einem Gesamtergebnis, das weder die eine noch die andere Studie wirklich widerspiegelt", zitiert die Nachrichtenagentur AP David Salisbury vom britischen Think-Tank Chatham House. "Ich glaube, damit haben viele Leute ein Problem."

Hinzu kommt noch eine weitere Information, die der Öffentlichkeit zunächst vorenthalten wurde: In dem Teil der Studie, der zu einer Wirksamkeitsannahme von 90 Prozent führte, befand sich kein einziger Proband, der älter als 55 Jahre war. Diese Tatsache wurde laut "Financial Times " erst am Dienstag bekannt, als Moncef Slaoui vom "Warp Speed"-Programm für Impfstoffentwicklung der US-Regierung eine entsprechende Angabe machte. Als Konsequenz sollte hinter das 90-Prozent-Ergebnis vermutlich schon aus diesem Grund ein Fragezeichen gesetzt werden, denn die Anfälligkeit für schwere Verläufe der Covid-19-Erkrankung steigt bekanntlich mit zunehmendem Alter rapide an. Menschen unter 55 Jahren haben per se ein deutlich geringeres Risiko als ältere Menschen.

Alles in allem ergibt das ein Bild, dass die Verlässlichkeit der Angaben von AstraZeneca sehr fraglich erscheinen lässt. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter bezweifelte mit John LaMattina, früherer Leiter der weltweiten Forschung und Entwicklung beim AstraZeneca-Konkurrenten Pfizer, bereits eine fachkundige Stimme, dass dem Impfstoff der Briten unter diesen Umständen in den USA die erhoffte Notfallgenehmigung erteilt werde.

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Foto: MENAHEM KAHANA / AFP

"Wir haben einfach nicht genug Informationen, um zu beurteilen, ob diese Studienergebnisse verlässlich sind", bringt es zudem Natalie Dean, Dozentin für Biostatistik an der Universität Florida, laut "FT" auf den Punkt. Das sehen Investoren an der Börse offenbar ebenso.

cr
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