Neue Kryptowährung Chia Bitcoin in Grün

Die nächste von mehreren tausend Kryptowährungen ist am Markt gestartet. Das Chia-Projekt löst aber eine neue Art von Hype aus: Eine nachhaltige Alternative zu Bitcoin, lautet der Anspruch.
Grüne Alternative: Netzwerkkabel in Bitcoin-Mininganlage in Florenz

Grüne Alternative: Netzwerkkabel in Bitcoin-Mininganlage in Florenz

Foto: ALESSANDRO BIANCHI/ REUTERS

Eines ist bei der neuen Kryptowährung Chia genau wie bei Bitcoin: Wer mit den digitalen Münzen Geld verdienen will, braucht starke Nerven. Zum Start des Handels am Montag - bislang noch auf einigen wenigen Kryptohandelsplätzen wie Gate.io oder MXC - schoss der Preis, laut dem "Chia Calculator"  zuvor auf 20 Dollar geschätzt, kurzzeitig über 2000 Dollar hoch. Dann brach er wieder auf 500 Dollar ein und hielt sich im Lauf der Woche auf diesem Niveau.

Ansonsten aber betonen die Macher von Chia um den US-amerikanischen Programmierer Bram Cohen (45) vor allem, was sie anders machen als Bitcoin und die meisten der tausenden Kopien. Schon der Titel des Konzeptpapiers  verrät den Anspruch: "Green Paper" statt "White Paper". Nachhaltiger als Bitcoin, das ist keine große Kunst angesichts des gewaltigen und rasch wachsenden Ressourcenverbrauchs. Laut Schätzung der Universität Cambridge  verbraucht das Bitcoin-Netzwerk inzwischen mehr Strom als ganz Schweden, und das mit starken Anreizen, gerade die schmutzigsten und klimaschädlichsten Quellen anzuzapfen. Hinzu kommen Unmengen an Elektroschrott durch die stetig zu ersetzenden Generationen spezialisierter Computer für das Bitcoin-Mining.

An die Stelle des Minings, der Ausbeutung erschöpflicher Rohstoffe, setzt Cohen das "Farming". Wie Landwirte sollen die Chia-Schöpfer ihre Scholle beackern, die in dem Fall aus Festplattenspeichern besteht. Denn "bei Chia heißt die Ressource nicht Rechenkraft, sondern Speicherplatz", heißt es im "Green Paper". Im Gegensatz zum Belohnungssystem "Proof of Work", das Bitcoin und Co. mit neuen Münzen für das Lösen komplexer Rechenaufgaben antreibt, soll das Chia-System "Proof of Space" den Energiehunger bremsen. Wer den Speicherplatz des Chia-Netzes erweitert, erhält eine Chance auf neue Chia Coins.

Es gibt noch eine weitere Alternative in der Kryptowelt: "Proof of Stake". Die hinter Bitcoin zweitwichtigste Kryptowährung Ethereum bereitet gerade den Wechsel auf ein solches System vor, in dem die bereits gehaltenen Anteile zum Schaffen neuer Coins berechtigen - mit dem Nebeneffekt, dass in einer Art Torschlusspanik jetzt noch eine große Rallye zum Ethereum-Mining einsetzt, solange "Proof of Work" gilt.

"Die einfachste Kryptowährung für normale Leute"

Der als Entwickler und Betreiber der dezentralen Datentransferplattform Bittorrent bekannte Cohen behauptet, dass sein Ansatz auch demokratischer sei, weil es sicherer gegen eine Konzentration auf wenige Akteure schütze. Statt Machtstrukturen hinter einer anonymen Blockchain zu verstecken, ist mit dem Unternehmen Chia Network eine Kontrollinstanz vorgesehen. Die Firma soll sogar bald an die Börse gehen. Man freue sich auf die damit verbundene Regulierung, erklärt Chia-Network-Chef Gene Hoffman.

Zugleich betont er, Chia sei "die einfachste Kryptowährung für normale Leute". Jeder könne mit seinem nicht gebrauchten Festplattenspeicher von zu Hause mitmachen. Mit mehr als 100.000 Netzknoten (Nodes), die sich das Validieren der Transaktionen teilen, ist Chia schon annähernd so dicht gewebt wie das Bitcoin-Netz.

Allerdings haben sich schon gleich zum Start die Profis mit besonders großen und leistungsfähigen Festplatten nach vorn gedrängt. "Wir setzen alles auf Chia", teilte Rick Wilson, Chef des börsennotierten Kryptominers iMD, mit . Das Unternehmen wolle noch im Mai mehr als ein Petabyte (1000 Terabyte) Speicherplatz im Chia-Netzwerk haben. Mit einem großen Datenzentrum in Utah sei die nächste Expansion geplant.

Und man befinde sich in Gesellschaft noch größerer Player: "Die Chinesen verschieben 50 Prozent ihres Bitcoin-Minings auf Chia", behauptete Wilson. Zum Hintergrund: Die Mehrheit der Rechenkraft hinter Bitcoin steckt in Mining-Pools aus China, mit Milliardeninvestments in Hardware, die sich kaum für anderes verwenden lässt.

Run auf die Festplatten

Jetzt werden stattdessen eben Festplatten gehortet, das ist eine Schattenseite des Chia-Hypes. Laut "South China Morning Post"  sind die größeren, professionelleren Geräte mit acht oder zwölf Terabyte Speicher auf vielen chinesischen Handelsplattformen seit Wochen ausverkauft, auch einige Hersteller melden leere Lager. Der Preis für die verbliebenen Geräte habe sich in Hongkong von Februar bis April in Erwartung des Chia-Marktstarts fast verdoppelt.

Das gesamte Chia-Farmland  hat sich binnen Kürze auf 2,45 Exbibyte (2,8 Millionen Terabyte) vervielfacht - Stand Donnerstag Mittag. Was auch bedeutet: Wer mit seiner 1-Terabyte-Festplatte mitmacht, kann lange darauf warten, eine Chia Coin zu verdienen. Je größer der gesamte Speicher, desto weniger Aussicht auf Gewinn haben die kleinen Farmer. In Foren häufen sich schon die Klagen , das Chia-Farming lohne sich bereits jetzt nicht mehr. Das könne Bram Cohen nicht gewollt haben.

Andererseits: Das Energieproblem der Kryptowelt lösen könnte Chia nur, wenn es die "Proof-of-Work"-Systeme ersetzt und nicht bloß ergänzt. Und dafür müssen die großen Bitcoin-Miner Geld riechen.

ak
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