Börsenprofi Robert Halver erklärt Wie China in Deutschland die zweite Börsenliga stark macht

Von Robert Halver

US-Notenbank - Schluss mit der zinspolitischen Schaukel-Rhetorik

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Weder die vergleichsweise verhaltene US- und Weltwirtschaft noch das Inflationsumfeld sprechen für weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed. Die seit Oktober 2015 zu beobachtende Schwäche beim US-Stellenaufbau unterstreicht diese Einschätzung deutlich. Wenn es aber dennoch aus Sicht der Fed einer weiteren Zinserhöhung bedarf, sollte sie diese spätestens im Juli vornehmen, also endlich die Zins-Katze aus dem Sack lassen.

Robert Halver

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Denn das widersprüchliche Zins-Spiel ohne Ball, ob, wann, unter welchen Bedingungen und um wie viel die Fed ihre Leitzinsen erhöht, sorgt für Verunsicherung an den Finanzmärkten, wo Klarheit und Glaubwürdigkeit der Fed - sie ist nun einmal die Mutter aller Notenbanken - dringend gefordert sind.

Würde sie dann im Juli gleichzeitig auch noch den Sack für weitere Zinserhöhungen schließen, kämen vor allem die Aktienmärkte im Vergleich zu früheren Zinserhöhungsphasen, die an Zahnwurzelbehandlungen erinnerten, mit einer ziemlich schmerzfreien Zahnreinigung davon.

Großbritannien - kommt nach dem Brexit die Eurosklerose?

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Noch zwei Wochen bis zum Showdown. Käme es am 23. Juni zum Brexit, gäbe die EU zunächst geostrategische Größenvorteile gegenüber den USA und China auf. Und geht Großbritannien, geht auch ein Fahnenträger für investitionsfreundliche Standortpolitik. Deutschland ginge ein marktwirtschaftlicher Waffenbruder verloren. Die "Rest-EU" bestünde aus reformverweigernden Gesundbetern, die Schuldenfrönerei mit Bezahlung durch die EZB für eine ordentliche Wirtschaftspolitik halten.

Das ist aber genau das süße Gift, das die EU in einer globalisierten Welt Wettbewerbsfähigkeit kostet und sie langfristig zu einem Industriemuseum macht. Überhaupt, nach einem Brexit könnte sich der EU-Kritizismus zu einem nicht mehr aufzuhaltenden politischen Zeitgeist entwickeln. Er würde andere Staaten animieren, den EU- bzw. Euro-Exit zu betreiben.

Zur Erinnerung: In Frankreich findet 2017 die nächste Präsidentschaftswahl statt. Es mag dann um die britische Küche nicht schade sein, aber ein Brexit wäre langfristig ein Horrorszenario für die EU-Finanzmärkte.

EZB-Zinspolitik - der Staat hat Geld zum Investieren

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Ist die private Wirtschaft zu schwach, bleibt nur noch die staatliche Nachfrage. Und für sie bieten sich dank der Zinspolitik und der Anleiheaufkaufprogramme der EZB paradiesische Zustände: Wegen negativer Renditen verdient Deutschland mit neuen Schulden Geld. Gleichzeitig gibt es kein Absatzproblem mehr. Der Staat darf jedoch nur in Wettbewerbsfähigkeit und Infrastruktur investieren.

Konkret geht es um die Sanierung von Brücken und Straßen, die konsequente Energiewende, den Netzausbau, die Digitalisierung und natürlich um Bildung. Diese staatliche Standortförderung schafft nicht nur einen wirtschaftsfreundlichen Nährboden für unternehmensseitige Folgeinvestitionen. Würden die großen Kapitalsammelstellen beteiligt, kämen diese endlich wieder in den Genuss von renditeattraktiven Anlageobjekten.

Die Geldflut der EZB würde dann nicht mehr einseitig in überhitzte Anlageblasen fließen, sondern käme der Realwirtschaft zugute. Und für die Aktienmärkte bedeutet das: Wieder fundamentales Fleisch an den abgenagten Knochen der Liquiditätshausse.

China - Wie viele Säcke Reis sind umgefallen?

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Die neue Wachstumssachlichkeit in China liefert keinen nachhaltigen Grund zur Anlegersorge. Eine mittlerweile gereifte chinesische Volkswirtschaft wird zwar eher eine "L"-förmige und nicht "V"- oder "U"-förmige Konjunkturentwicklung zeigen. In puncto Wachstum geht nun aber sinnvollerweise "Nachhaltige Qualität vor dynamischer Quantität".

Ineffiziente Unternehmen aus der sozialistischen Blütezeit fallen einem Reinigungsprozess zum Opfer. In Peking hat man erkannt, dass es die Volkswirtschaft hemmt, unprofitable und wachstumsarme Unternehmen um jeden Preis am Leben zu erhalten. Theoretisch mögliche finanzwirtschaftliche Kollateralschäden in Form steigender Kreditausfälle oder Bankrisiken wird eine offensive chinesische Geldpolitik im Keim ersticken.

Ohnehin signalisiert die KP in Peking deutlich, dass sie bei der grundsätzlich schwierigen volkswirtschaftlichen Metamorphose von old zu new economy fiskalpolitisch stabilisierend eingreifen wird.

Aktien der zweiten Reihe - China lässt MDax und SDax outperformen

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China will von der Digitalisierung der Weltwirtschaft, der sogenannten "Industriellen Revolution 4.0", profitieren. Dazu bedarf es vieler Schlüsseltechnologien, deren Selbstentwicklung im Land der Mitte jedoch zu lange dauern würde. Aber warum sich selbst bemühen, man kann das benötigte Know-how doch auch zukaufen. Und wo findet man diese Objekte der chinesischen Begierde? Nichts ist in der Industriewelt so sexy wie der deutsche Mittelstand, der mit seinen zahlreichen Industriepatenten in zahlreichen Bereichen die Nase vorn hat.

Die Chinesen wollen sich einen ganzen Harem an zukunftsträchtigen deutschen Unternehmen zulegen. Diese Übernahmephantasie erklärt auch die stramme Outperformance von MDax bzw. SDax zum Leitindex Dax seit 2015.

Im Sinne des Freihandels und in Ablehnung aller nationalen protektionistischen Tendenzen ist es aber dringend erforderlich, dass auch deutsche Firmen in China und generell im Ausland zukaufen können. Dort gibt es jedoch noch deutlichen Nachbesserungsbedarf. Bei der durchaus verständlichen Beschaffung von Schlüsseltechnologien darf es kein einseitiges Ausbluten von deutschem Industrie-Know-how geben. Viele Grüße an das wirtschaftspolitische Berlin.

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