Deutsches Vertrauens-Problem Warum wir reich wie lange nicht sind - und doch arm

Die Deutschen sind reich wie lange nicht, ergibt ein aktueller Bericht der Bundesbank. Nur - davon haben sie nichts. Denn es fehlt ihnen an Vertrauen. Kein Wunder.
Von Arne Gottschalck
Geldsegen: Die Bundesbank stellt fest, dass die Deutschen reich wie lange nicht sind. Doch es könnte mehr sein - wenn sie den Finanzmärkten ein wenig mehr trauen würden

Geldsegen: Die Bundesbank stellt fest, dass die Deutschen reich wie lange nicht sind. Doch es könnte mehr sein - wenn sie den Finanzmärkten ein wenig mehr trauen würden

Foto: Corbis

Hamburg - In dürren Worten vermeldete die deutsche Bundesbank zu Beginn der Woche, dass das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland sich Ende 2013 auf 5.152 Milliarden Euro belief. Das ist im Vergleich zum dritten Quartal des Vorjahres ein Plus von 1,6 Prozent.

Ermöglicht haben diese Entwicklung ausgerechnet auch jene Anlagen, die in Deutschland schon fast traditionell eher skeptisch betrachtet werden, Aktien und Fonds. Immerhin 47 Milliarden Euro steuerten deren Wertsteigerungen zu dem Vermögenszuwachs bei. Trotzdem konstatiert die Bundesbank eine "gewisse Risikoaversion" bei den Deutschen. Denn von einer flächendeckenden Verbreitung dieser Investments ist man weit entfernt. Kein Wunder - denn ihnen fehlt es an Vertrauen.

Zum einen das Vertrauen in die Finanzmärkte, aber auch das Vertrauen in die Politik. Beides hängt mit einander zusammen. Die Kapitalmärkte sind vielen Deutschen fremd geblieben. Ein kurzer Ausflug aufs Börsenparkett endete im Desaster; Technologieaktien verglühten nach kurzem Sternenflug auf dem Boden der Tatsachen. Auch andere Gehversuche scheiterten. So hat ein Gericht für Prokon mit seinen über 70.000 Anlegern zuletzt das Insolvenzverfahren eingeleitet. Und etliche offene Immobilienfonds, über Jahre hinweg Anlegers Liebling, werden abgewickelt.

Die Politik ihrerseits hat viel zu lange den Fehler gemacht, Geldanlage als einen statischen Prozess zu begreifen. Kunden durften dabei einen irgendwie gearteten Sparvertrag abschließt und erhielten am Ende der Laufzeit ein sattes Plus. Bis zu diesem Zeitpunkt musste der Kunde keine Entscheidung fällen. Doch diese Zeit ist vorbei und die Menschen spüren das auch. Nur mit der Umsetzung hapert es noch.

Welche zwei Alternativen Anlegern bleiben

Tagesgeldkonten werfen so gut wie nichts ab. Und Lebensversicherungen, Paradebeispiel für solche Sorglosprodukte, beklagen sich lauthals. Sie tun sich im aktuellen Niedrigzinsumfeld schwer damit, die jahrzehntelang gewohnten Erträge zu erwirtschaften.

Für die Anleger gibt es nun zwei Alternativen, wenn sie ihr Geld tatsächlich anlegen wollen. Entweder sie greifen bei der Fondsindustrie zu, die unter dem Namen Multi-Asset-Fonds oder etwas altmodischer ausgedrückt, Vermögensverwaltungsfonds im Angebot hat, die den Sorgloscharakter der Lebensversicherung aufgreifen. Denn sie bündeln die Entscheidungen über die Geldanlage über alle Anlageklassen hinweg bei einem Fondsmanager und versuchen sich damit im Prinzip Lebensversicherung: Einmal kaufen und ruhen lassen. Das kann gut funktionieren.

Die andere Möglichkeit der Anleger liegt darin, sich selbst zu kümmern. In Aktien zu investieren, in Anleihen. Und das zur rechten Zeit. Keine einfache Aufgabe, denn es gibt inzwischen so viele Informationen, dass es schwer ist, die entscheidenden herauszufiltern. Sind Aktien derzeit zu teuer oder doch nicht - selbst Experten streiten sich darüber.

Die seltenste Währung der Welt

Vor allem aber brauchen die Anleger für diesen Schritt Vertrauen. In die grundsätzliche Funktionsfähigkeit der Märkte, in beispielsweise das Wissen, dass Hochgeschwindigkeitshändler sie nicht ausplündern. Und es braucht das Vertrauen, dass die Politik die nötigen Schritte ergreift, die Märkte gegebenenfalls zu regulieren, aber auch drohende externe Schocks zu verhindern sucht wie eine weitere Eskalation der Krise in der Ukraine.

Denn ein Krieg dort könnte in einer Rezession münden, sagt Nouriel Roubini. Die Erholung der Euro-Zone sei noch immer "zerbrechlich" und "ungleichmäßig", sagte er zuletzt. Auch Fachleute zweifeln also, ringen ums Vertrauen.

Das unterstreicht eine aktuelle Studie. Der Risikoappetit professioneller Investoren, wie ihn die Fondsgesellschaft ING Investment Managements mit ihrer Risk Rotation Survey fein säuberlich misst, ist in den vergangenen Monaten zwar weiter gestiegen, doch eindeutig langsamer als in der Vergangenheit. Die Sorge um die Extremrisiken treibt sie um. Ende 2013 machten sich 11 Prozent über die so genannten Tail Risks Sorgen, im ersten Quartal 2014 schon 27 Prozent.

Warum Profianleger mehr Vertrauen haben müssen

Vor allem die Politik ist es, die den Experten schwer im Magen liegt, vor allem die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die hat zuletzt den Boden für ein breites Anleihenkaufprogramm bereitet, sagt Daniel Hartmann, Senior Analyst Economics des Anleihemanagers Bantleon. Und wenn sie das in die Tat umsetzte, hätte das "erhebliche Auswirkungen auf die Finanzmärkte", so Hartmann. Erratische Schwankungen nennt er es.

Neben dem Imponiervokabular haben die Fachleute gegenüber dem Normalanleger vor allem einen Vorteil - sie müssen investieren. Den Manager eines Aktienfonds zum Beispiel zwingt das Gesetz, Aktien zu kaufen. So ihn das Vertrauen verlässt, kann er bestenfalls die Aktienquote reduzieren. Ein Anleihenexperte wird in aller Regel den Bonds das Wort reden.

Denn genau das wird von ihm erwartet. Vertrauen von Berufs wegen; es fehlt den Privatanlegern. Statt dessen ist er arm an Vertrauen - und das schlägt sich in der Geldbörse nieder. Denn während Sparkonten nach Abzug der Inflation kaum etwas abwerfen, konnte der Dax  seit Beginn des Jahres weiter zulegen. Mit anderen Worten - die Deutschen könnten noch deutlich wohlhabender sein. Ein gewisses Vertrauen vorausgesetzt.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.