Dax-30-Konzerne verlieren 65 Milliarden Euro Börsenwert Tief gestürzt - und es geht wohl noch tiefer

Turbulenzen an den Devisenmärkten, Kursstürze bei Finanzwerten - die Börsen in Europa brechen ein. Börsianer erwarten eine "große Phase der absoluten Unsicherheit". Blickt man auf Verluste an den US-Börsen, dürfte der Dax am Montag seinen Kursrutsch fortsetzen.
Schwarzer Freitag in Frankfurt: Der Dax verlor zu Handelsbeginn rund 10 Prozent an Wert - und erholte sich nur mühsam

Schwarzer Freitag in Frankfurt: Der Dax verlor zu Handelsbeginn rund 10 Prozent an Wert - und erholte sich nur mühsam

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Schwarzer Freitag an den Börsen: Mit ihrem Votum für einen EU-Austritt haben die Briten einen weltweiten Kursrutsch ausgelöst. Aus Angst vor einer Wirtschaftskrise auf der Insel und einer Abkühlung der weltweiten Konjunktur rauschten die europäischen Aktienindizes am Freitag in die Tiefe.

Der Dax (Kurswerte anzeigen) verlor am Freitag zum Handelsauftakt mehr als 10 Prozent, konnte seine Verluste bis zum Handelsschluss auf Xetra aber auf 6,8 Prozent begrenzen. An der Wall Street konnte der US-Leitindex Dow Jones (Kurswerte anzeigen) seine Verluste bis zum Handelsschluss in Deutschland auf 2,6 Prozent begrenzen, baute aber im späten Handel seine Verluste wieder aus und schloss 3,4 Prozent schwächer bei 17.400 Punkten.

"Die späten Verluste in den USA dürften den Dax am Montag erneut belasten - der Kursrutsch ist noch nicht ausgestanden", sagte ein Börsianer in Frankfurt.

Dax 30 verliert am Freitag 65 Milliarden Euro Börsenwert

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Mehr als 65 Milliarden Euro Börsenwert wurden am Freitag allein bei den 30 größten börsennotierten Unternehmen vernichtet. Am Morgen hatte es sogar noch schlimmer ausgesehen. Mit einem Minus von zehn Prozent war der Dax in den Tag gestartet. Das letzte Mal hatte es solch massive Verluste während der Finanzkrise 2008 gegeben.

Für den Dax  ist es der stärkste Kursrutsch seit der Finanzkrise 2008. Am Nachmittag notierten noch fünf Dax-Werte zweistellig im Minus: Deutsche Bank, Commerzbank, Lufthansa, RWE und ThyssenKrupp verloren zwischen 10 und 15 Prozent an Wert.

Das Pfund Sterling stürzte ebenfalls ab, der Euro verlor mehr als 3 Prozent gegenüber dem Dollar. Investoren griffen stattdessen zu vermeintlich sicheren Anlagen wie Gold, Schweizer Franken und Bundesanleihen.

"Alle sind falsch positioniert"

Für viele Börsianer war der Schock um so größer, weil sie in den vergangenen Tagen auf einen Verbleib Großbritanniens in der Staatengemeinschaft gewettet hatten. "Alle sind falsch positioniert", sagte ein Börsianer am frühen Morgen. "Keiner hat damit gerechnet, dass die Briten wirklich austreten. Jetzt gibt es immensen Absicherungsbedarf." An den Vortagen hatte die Hoffnung auf einen Verbleib unter den Anlegern deutlich zugenommen und den Dax über 10.000 Punkte getrieben.

"Europas schlimmster Alptraum ist wahr geworden", sagte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der Bank ING-Diba. Sein Kollege Otmar Lang von der Targobank warnte: "Die Europäische Union ist schwer beschädigt, die bereits bestehenden wirtschaftlichen und auch politischen Risiken könnten sich nun weiter potenzieren."

Nach Schätzung von DZ Bank-Analysten Christian Kahler haben sich durch den aktuellen Crash weltweit fünf Billionen Dollar an Börsenkapitalisierung in Luft aufgelöst. Das entspricht in etwa dem Doppelten der jährlichen Wirtschaftsleistung Großbritanniens.

Entsetzen an Devisenmärkten, Pfund kollabiert, Finanzwerte im Ausverkauf

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An den Devisenmärkten herrschte blankes Entsetzen: Der Kurs des Pfund Sterling stürzte am Morgen um bis zu 11,1 Prozent ab und lag mit 1,3232 Dollar so niedrig wie zuletzt im September 1985. Der Euro fiel um bis zu 4,1 Prozent auf ein Dreieinhalb-Monats-Tief von 1,0914 Dollar.

Kaum weniger verschreckt reagierten die Aktienanleger. Dax  und EuroStoxx 50  brachen zur Eröffnung um jeweils etwa 10 Prozent auf 9226 und 2736 Punkte ein. Der Londoner Auswahlindex FTSE 100  verlor knapp 9 Prozent. Das ist für alle drei der größte Kursrutsch seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008.

Finanzwerte im Ausverkauf

Am härtesten traf es die Finanzwerte, die üblicherweise überdurchschnittlich auf Nachrichten rund um den Brexit reagieren. Der europäische Banken-Index verbuchte mit einem Minus von knapp 15 Prozent den größten Einbruch seiner Geschichte. Britische Geldhäuser wie Barclays (Kurswerte anzeigen) oder Lloyds Banking Group (Kurswerte anzeigen) verloren sogar jeweils 20 Prozent. Deutsche Bank (Kurswerte anzeigen) und Commerzbank (Kurswerte anzeigen) büßten etwa 18 Prozent ein. Doch auch Autowerte kamen zwischenzeitlich kräftig unter die Räder. Volkswagen (Kurswerte anzeigen) und BMW (Kurswerte anzeigen) verloren in der Spitze mehr als 12 Prozent. BMW ist stark in Großbritannien engagiert, betreibt Fabriken und hat einen Milliardenbetrag in den Ausbau der Produktion investiert.

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Gefragt waren dagegen bei Investoren vermeintlich sichere Anlagen wie Gold , Staatsanleihen oder der Schweizer Franken. Das Edelmetall Gold verbuchte den größten Kurssprung seit 2008. Der Gold-Preis stieg um bis zu 8,2 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 1358,20 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Begehrt war auch die Schweizer Währung. Der Kurs des Euro  fiel um 2,8 Prozent auf ein Elf-Monats-Tief von 1,0612 Franken. Im Verlauf des Vormittags grenzte der Euro seine Verluste aber ein, nachdem die Schweizerische Notenbank SNB am Devisenmarkt intervenierte.

Der Run auf Staatsanleihen drückte die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Titel auf ein Rekordtief von minus 0,152 Prozent. Von Papieren südeuropäischer Staaten wie Italien und Spanien trennten sich Anleger dagegen.

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Über die Frage, wie es nach dem ersten Schock nun weitergehen könnte an den Finanzmärkten, gehen die Meinungen am Freitag auseinander.

Bankenpräsident Walter Peters sprach von einem "schwarzen Tag für das Vereinigte Königreich und die EU". Jahrelange Verhandlungen über die Modalitäten eines möglichen Austritts - eventuell mit offenem Ausgang - wären Gift für die Stabilität der EU. Gleichwohl zeigte sich Peters überzeugt, dass sich die Lage an den Finanzmärkten nach dem ersten Schock rasch beruhigen dürfte.

Zweckoptimismus? So mancher Vermögensverwalter will ebenfalls nicht an einen lang anhaltenden Kursabschwung denken. "Die Märkte werden sich schon bald von den aktuellen Verlusten wieder erholen", ist Stefan Duchateau, Professor für Portfolio- und Risikomanagement, von PT Asset Management überzeugt. Großbritannien werde nicht vom Erdboden verschwinden und das entwertete Pfund wieder an Stärke gewinnen. Die EU müsse sich wieder auf ihre Rolle als effiziente Freihandelszone konzentrieren. Das werde die EU stärken und davon am Ende auch die Aktienmärkte profitieren.

Anders sieht es der Chef-Volkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, : "Jetzt kommt eine große Phase der absoluten Unsicherheit", sagt er. Der Aufschwung in Großbritannien dürfte weitgehend zu Ende sein. Auch die Euro-Zone werde die Folgen spüren.

Auch die Analysten von Metzler Capital Markets rechnen zunächst mit einer anhaltenden Phase der Unsicherheit. Es werde Zeit in Anspruch nehmen, bis neue Vertragslösungen für die Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU ausgehandelt sind. Das überschatte die bislang relativ stabile Entwicklung der Wirtschaft in Deutschland und auch in der EU. Der Dax werde nun starkem Druck ausgesetzt sein, erwartet Metzler-Stratege Hendrik König. Ein Abrutschen des Dax auf 8000 Punkte würde Metzler jedenfalls nicht überraschen.

Unter den deutschen börsennotierten Aktien aus dem Nichtfinanzsektor dürften insbesondere Bilfinger , BMW , die Deutsche Post und RWE  zu den Verlierern des Brexit zählen - alle vier Unternehmen erzielen nach Metzler-Schätzungen mehr als 10 Prozent ihres gesamten Umsatzes in Großbritannien. Von den Finanzunterunternehmen könnte vor allem die Deutsche Pfandbriefbank unter den Folgen des Brexit leiden - der britische Markt stehe für knapp 20 Prozent ihres Portfolios in der Immobilienfinanzierung.

Dean Tenerelli, Portfolio Manager von der US-Investmentgesellschaft T. Rowe Price hebt hervor, mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU betrete die Staatengemeinschaft schlicht unbekanntes Terrain. Es gebe keine Vorlage, der man folgen könne. Folglich werde eine "längerfristiger Periode der Ungewissheit" sich nicht nur an den Finanzmärkten Großbritanniens und Europas, sondern auch weltweit abzeichnen. "Märkte mögen keine Ungewissheit."

Flüchtet jetzt das Kapital von der Insel?

Andere Experten rechnen damit, dass in den kommenden Monaten massiv Kapital von der Insel abfließen und dies zu einem Wirtschaftseinbruch führen wird. Großbritannien ist wegen seines hohen Leistungsbilanz-Defizits auf ausländisches Geld angewiesen. Bereits in den Monaten vor der Abstimmung zog die Diskussion um den Brexit die britische Wirtschaft in Mitleidenschaft. Die Frage ist nur: Wohin wird das Geld fließen? Welche Märkte und Unternehmen werden dann alternativ davon profitieren? Derzeit kann das wohl noch keiner voraussehen.

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mit Nachrichtenagenturen
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