Kapitalflucht China stemmt sich gegen Asien-Ausverkauf

An den Finanzmärkten der Schwellenländer herrscht Panik: Das nahende Ende der ultralockeren US-Geldpolitik lässt Anleger in Scharen die Flucht ergreifen. Besonders Asien ist betroffen. Können die positiven Konjunktursignale aus China die Lage beruhigen?
Von Martin Hintze
Unruhe an Asiens Börsen: Viele Schwellenländer leiden derzeit stark unter Kapitalabflüssen

Unruhe an Asiens Börsen: Viele Schwellenländer leiden derzeit stark unter Kapitalabflüssen

Foto: ? Sheng Li / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Endlich gute Nachrichten aus Asien: Chinas Wirtschaft ist offenbar auf dem Wege der Besserung. Nachdem sich der Außenhandel bereits im Juli überraschend stark zeigte, nimmt nun auch die Industrie wieder Fahrt auf. Darauf deutet zumindest der Einkaufsmanagerindex hin, der den höchsten Wert seit vier Monaten erklommen hat.

"Das Reich der Mitte scheint wieder auf einen Erholungskurs eingeschwenkt zu sein", heißt es in Kommentar der Commerzbank.

Eine Sorge weniger an den globalen Finanzmärkten, sollte man meinen. Viele Anleger befürchten, dass der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach jahrelangem Boom mit zweistelligen Wachstumsraten eine "harte Landung" bevorstehen könnte, was besonders Exportnationen wie Deutschland arg treffen würde. Doch das Signal, auf das die Börsen normalerweise euphorisch reagieren, verhallt in Asien weitgehend.

Im Gegenteil: Die Indices in Shanghai und Tokio geben sogar nach. Der CSI 300, der die Aktien der 300 größten festlandchinesischen Aktien mit einer Börsennotierung in Shanghai oder Shenzhen enthält, fiel am Donnerstag um 0,2 Prozent. Der Nikkei schloss 0,4 Prozent tiefer.

Die Liquiditätsflut schwappt zurück

Auch in Südostasien ging der Ausverkauf trotz der Aufhellung für Chinas Wirtschaft ungebremst weiter: Die Leitindizes der Börsen in Malaysia, Thailand und Indonesien verloren jeweils mehr als 1 Prozent. An der philippinischen Börse in Manila ging es um knapp 6 Prozent bergab - so viel, wie seit 2008 nicht mehr.

Der Stoxx Asia/Pacific 600, der die 600 größten Unternehmen der Börsen in Australien, Hongkong, Japan, Neuseeland und Singapur enthält, fiel um 0,5 Prozent. Aus Indien zogen Anleger 500 Millionen Dollar binnen vier Handelstagen ab.

Wie passt das zusammen? "Die Panik an den Kapitalmärkten Asiens hat nicht viel mit der Realwirtschaft zu tun", sagt Maria Lanzeni, Schwellenländer-Expertin bei Deutsche Bank Research gegenüber manager magazin online. "Trotz einiger Schwächen und zum Teil hoher Staatsverschuldung sind Indien und Indonesien mit Wachstumsraten von 5 beziehungsweise 6 Prozent noch weit von einer Rezession entfernt."

Panik an den Devisenmärkten

Und doch flüchten ausländische Anleger in Scharen aus den Schwellenländern. Den Grund sehen viele Marktbeobachter in der Ankündigung der US-Notenbank Fed, noch in diesem Jahr die Notenpressen zu bremsen und damit das Ende der ultralockeren Geldpolitik einzuläuten. Wann genau dies der Fall sein wird, ließen die Notenbanker zwar weiterhin offen. An der panikartigen Reaktion an den Börsen änderte das jedoch nichts.

Die Schwellenländer, die nun unter der Kapitalflucht leiden, waren jahrelang die größten Profiteure der Liquiditätsflut. Auf der Jagd nach Rendite flossen zig Milliarden an billigen Dollar nach Asien, weil die etablierten Volkswirtschaften kriselten. Nun schwappt die Welle in die entgegengesetzte Richtung. "Positive Konjunktursignale aus China werden daher die Kapitalflucht aus Asien kurzfristig kaum aufhalten können", sagt Analystin Lanzeni.

Indische Rupie unter Druck

Besonders deutlich sind die Auswirkungen an den Devisenmärkten zu spüren. Die indische Rupie fiel am Donnerstag auf ein Rekordtief gegenüber dem Dollar. Die indische Zentralbank versucht seit Wochen die Talfahrt der heimischen Währung zu stoppen, unter anderem mit Handelsbeschränkungen am Devisenmarkt. Bislang vergebens.

Auch der indische Rentenmarkt bekommt den Stimmungsumschwung zu spüren. Im August verkauften ausländische Investoren indische Staats- und Unternehmensanleihen über 1,3 Milliarden Dollar. Zehnjährige Staatsanleihen rentieren inzwischen mit 8,5 Prozent, zu Wochenbeginn war die Rendite in der Spitze über 9 Prozent gestiegen.

Ein schnelles Ende der Panik ist nicht in Sicht.

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