Mittwoch, 17. Juli 2019

Anlage Die Index-Lüge

Börsen: Indizes sind mehr als nur eine Zahl auf dem Ticker - sie informieren, geben Stimmungen wieder und man kann in sie investieren. Um so schlimmer, wenn ihre Aussage nicht stimmt

Börsenindizes erzählen vieles - aber nicht immer die Wahrheit, sagt der Investor und Professor Peter Marber.

mm: Professor Marber, wie würden Sie diesen Satz beenden - The Emerging Markets (EM) sind …

Marber: … eine hübsche Geschichte, die weitere Nachforschungen wert ist, sowohl für Profiinvestoren als auch für Privatanleger. Nicht mehr.

mm: Aber die Finanzindustrie wird ja nicht müde, auf die große Bedeutung der EM hinzuweisen, immer wieder.

Marber: Stimmt. Aber aus ganz anderen Gründen. Ich sage das, weil ökonomisches Wachstum ja nicht automatisch Hand in Hand geht mit Aktienwachstum. Es gab Jahr auf Jahr nur eine sehr geringe Korrelation zwischen den schnellstwachsenden Regionen und den bestentwickelten Märkten.

mm: Aber genau das ist doch die Geschichte, auf die Investoren ihr Geld setzen - wo das Wachstum ist, da muss das Geld hin.

Marber: Und das ist es, wo die Probleme beginnen. Denn - was sind denn eigentlich diese EM? Schauen Sie, früher gab es die "Dritte Welt", dann die LDC für "less developed countries", und dann die "Emerging Markets" - aber das ist doch nicht mehr als eine nette Geschichte, die Länder zusammenfasst, die so inkompatibel sind wie Deutschland und Griechenland. Tatsächlich sind die Indizes, die das machen, einfach nur armselig konstruiert. Wir könnten genauso zwei Länder wie China und Chile zusammenwerfen - bloß weil sie beide mit "Ch" beginnen.

mm: Aha.

Marber: China hat eine Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen, Chile nur etwas über 17 Millionen. Chinas Wirtschaft wächst deutlich stärker als die von Chile. Klar, man kann noch das Bruttoinlandsprodukt der beiden Länder vergleichen - und auch sie werden höchst unterschiedlich ausfallen. Oder die Marktkapitalisierung der Unternehmen. Wieder wären die Ergebnisse unterschiedlich. Und trotzdem sind die beiden Länder in den Schlüsselindizes zusammengeworfen.

mm: Aber sie werden unterschiedlich gewichtet. Reicht das nicht?

Marber: Nein. Denn wenn man so vorgeht, werden Länder wegen der netten und einfachen Geschichte wegen zusammenfasst, die aber in der Realität wenig miteinander zu tun haben. Und das führt Investoren in die Irre.

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