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Von Telekom bis Osram: Die größten deutschen Börsengänge

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Börsengang der Deutschen Annington Wenn der Börsengang zum Gängchen wird

Schnell, klein, diskret - der Börsengang der Deutschen Annington passt ins Schema jener "IPO lights", wie sie hierzulande immer beliebter werden. Der Charme des Modells: Es kann auch in einem volatilen Marktumfeld funktionieren.
Von Heinz-Roger Dohms

Hamburg - Anfang dieser Woche klingelte bei ein paar Großinvestoren das Telefon. In der Leitung waren die Emissionsbanken der Deutschen Annington, deren Börsengang ein paar Tage zuvor krachend gescheitert war. Ob sich die Geldverwalter vorstellen könnten, doch noch in den Wohnungskonzern zu investieren, wollten die Anrufer wissen. Das Orderbuch werde für ein paar Stunden geöffnet, der Preis liege bei etwa 16,50 Euro je Aktie. Wer dabei sein wolle, solle sich melden.

Am späten Dienstagabend, 23.26 Uhr, war klar: Es hatten sich genügend Investoren gemeldet. Per Ad-hoc-Mitteilung gab die Deutsche Annington bekannt, knapp 35 Millionen Aktien bei Großanlegern untergebracht zu haben. Das IPO, klassischerweise ein mehrwöchiges Verfahren, hatte sich beim führenden deutschen Immobilienkonzern im zweiten Anlauf auf wenige Stunden verdichtet.

Am heutigen Donnerstag werden die Annington-Papiere zum ersten Mal an der Frankfurter Börse gehandelt. Der Streubesitz allerdings liegt bei mickrigen 15 Prozent. Noch vor ein paar Jahren waren bei Erstnotierungen wenigstens 30 Prozent und oft mehr als 50 Prozent üblich.

Damit passt auch die Erstnotiz der Deutschen Annington ins Schema jener "IPO lights", wie sie in Deutschland immer häufiger zu beobachten sind. Schnell, klein und diskret - das sind die wesentlichen Merkmale der Börsengänge neuen Typs. Nicht mehr möglichst viele Investoren werden angesprochen. Sondern nicht mehr als nötig. Das "Going public" der Annington war zuletzt eine Privatplatzierung für einige wenige ausgesuchte Investoren.

Die Palette der IPO-Optionen ist größer geworden

Der Prototyp des "IPO lights" fand in Deutschland dieses Frühjahr statt. Da machte sich die bis dahin nahezu unbekannte Frankfurter Investmentboutique Mainfirst daran, dem Ruhrkonzern Evonik  an die Börse zu verhelfen - nachdem die Deutsche Bank  und Goldman Sachs  Mitte letzten Jahren auf klassischem Wege mit diesem Vorhaben gescheitert waren.

Auf einen Börsenprospekt verzichtete Mainfirst. Auf jedweden öffentlichen Schnickschnack ebenfalls. Und im Gegensatz zum IPO der Annington gab es zunächst nicht einmal ein Bookbuilding-Verfahren. Stattdessen sammelte Mainfirst still und leise bei zwei Handvoll Investoren Zusagen für ein Investment in Evonik ein.

Erst als diese Deals fix waren, ging der frühere RAG-Konzern an die Öffentlichkeit. Im April wurde die Privatplatzierung schließlich in einen formalen Börsengang überführt - ein in Deutschland bis dahin kaum bekanntes Vorgehen, das nun aber Nachahmer findet. Auch der Gabelstaplerhersteller Kion  platzierte zunächst ein paar Aktienpakete privat, bevor er im Juni schließlich an die Börse ging.

"Die Palette der IPO-Optionen ist größer geworden. Speziell der Fall Evonik hat gezeigt, dass es inzwischen bei Börsengängen mehr Möglichkeiten gibt", sagt Reinhold Ernst, Kapitalmarktexperte bei der Wirtschaftskanzlei Hengeler Mueller, die bei fast allen deutschen Börsengängen der vergangenen Monate involviert war. Christoph Gruss, IPO-Experte bei der Beraterfirma PricewaterhouseCoopers, stimmt dem zu: "Börsengänge, die nicht mehr dem klassischen Muster entsprechen, werden häufiger."

Ein "IPO light" als erste Etappe des Börsengangs

Der Charme des Mainfirst-Modells: Die Gefahr eines publikumswirksamen Scheiterns, wie es Evonik wiederholt erlebt hatte, wird verringert. Und: Die Emittenten machen sich weniger abhängig von den Stimmungsschwankungen der Investoren. Das ist wichtig, denn seit Ausbruch der Finanzkrise, so erzählen es erfahrene Investmentbanker, wechselt das Sentiment an den Anlegern oft derart schnell, dass wenige Tage über Erfolg oder Misserfolg eines Börsengangs entscheiden können.

"Die Märkte werden immer volatiler und die Investoren immer preissensibler. Darum funktioniert das hergebrachte IPO-Modell, das einen vier- bis fünfwöchigen Prozess vorsieht, nicht mehr", sagt dazu der Investor-Relations-Chef eines deutschen Industriekonzerns.

Denkbar ist zwar, dass der Annington-Börsengang auch eine Woche früher geklappt hätte, wenn das Unternehmen da schon mit seinen Preisvorstellungen runtergegangen wäre. Trotzdem ist auffällig, dass bei der Deutschen Annington genau wie vergangenen Herbst beim Versicherer Talanx  wenige Tage reichten, um einem gescheiterten Börsengang ein erfolgreiches Klein-IPO folgen zu lassen. Auch Talanx ging im zweiten Anlauf mit dem Preis runter. Konzentrierte sich auf eine ausgewählte Investorenschaft. Und beschied sich mit einem Streubesitz von rund elf Prozent.

Natürlich hat das Modell Nachteile: Wo die Zahl der potenziellen Investoren künstlich beschränkt wird, leidet zwingend die Preisfindung - das Unternehmen bezahlt also mit einem niedrigeren Emissionspreis für ein Mehr an Dealsicherheit. "Anders geht es nicht", sagt PwC-Mann Gruss. "Der Emittent muss den frühen Investoren einen Rabatt einräumen."

Ein weiteres potenzielles Problem: Die Alteigentümer (heutzutage oftmals Private-Equity-Firmen) hocken auch nach dem IPO auf riesigen Aktienbergen. "Das muss einen Investor skeptisch machen. Denn sobald der Kurs steigt, können die Anleger damit rechnen, dass die Alteigner Aktien auf den Markt werfen", sagt dazu ein erfahrener Frankfurter Investmentbanker. Der Kapitalmarktrechtler Ernst hält diesen Nachteil allerdings für überschaubar: "Mittelfristig spielt das für die Preisfindung keine Rolle."

Klar ist: Das "IPO light" ist kein abgeschlossener Börsengang - sondern für den Emittenten nur die erste Etappe, der weitere "Börsengängchen" folgen. So hat der Talanx-Eigner HDI vergangene Woche angekündigt, demnächst weitere 3,2 Prozent Anteile platzieren zu wollen. Genauso wird es auf mittlere Sicht auch bei der Deutschen Annington kommen. "Der Finanzvorstand der Annington", sagt ein IPO-Experte, der ungenannt bleiben will, "darf sich schon auf die nächsten Roadshows vorbereiten."

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