Blick aufs kommende Börsenjahr Was 2022 auf Geldanleger zukommt

Corona-Krise, Inflation, Zinspolitik, Lieferstaus, politische Spannungen - viele Faktoren bewegen derzeit die Aktienkurse. Wie geht es mit der Börse im kommenden Jahr weiter? Der Ausblick.
Blick nach vorn: Anleger wüssten gerne, wie es 2022 an der Börse weitergeht

Blick nach vorn: Anleger wüssten gerne, wie es 2022 an der Börse weitergeht

Foto: Arne Dedert / dpa

Der Dax  liegt 2021 bislang etwa 13 Prozent im Plus, beim MDax  sind es 12 Prozent. Europas Topaktien konnten gemessen am EuroStoxx50  in diesem Jahr sogar um etwa 16 Prozent zulegen. Und die US-Börse performte noch besser: Der breite Index S&P 500  gewann 2021 etwa 24 Prozent an Wert, die Techbörse Nasdaq kam gemessen am Index Nasdaq 100  auf ungefähr den gleichen Zuwachs.

Kein Zweifel also: 2021 war ein recht erfreuliches Jahr für Investoren, jedenfalls, sofern sie nicht ausschließlich auf miserabel verzinste Bankprodukte oder andere vermeintlich sichere Anlagen setzten, sondern den risiko- aber auch chancenreicheren Aktienmarkt in ihre Vermögensplanung einbezogen. Die Frage ist nun: Wie geht es im kommenden Jahr weiter?

Eine Prognose erscheint schwieriger als sonst, denn die Anzahl der Einflussfaktoren auf die Börse ist gegenwärtig augenscheinlich viel größer als in früheren Jahren. Da sind zunächst die üblichen Größen, die die Kurse bewegen: Wie entwickelt sich die Konjunktur, und wohin geht es infolgedessen mit den Unternehmensgewinnen? Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Die Corona-Krise mit möglicherweise weiteren neuen Virusvarianten, der weltweite Lieferstau, die hochgeschossene Inflation und mit ihr zusammenhängend die Geldpolitik der Notenbanken, geopolitische Spannungen etwa zwischen den USA und China oder zwischen Russland und dem Westen - eine Vielzahl weiterer Themenfelder spielen ebenfalls eine Rolle, und jedes davon weist schon für sich genommen eine hohe Komplexität auf.

Hinzu kommt, was grundsätzlich für Prognosen am Finanzmarkt gilt: Alles, was aktuell bekannt ist, ist auch schon "eingepreist". Künftige Kursbewegungen entstehen vor allem durch neue Entwicklungen und Überraschungen - und die kann naturgemäß aktuell noch niemand wirklich absehen.

Dennoch sind schon jetzt bestimmte Leitplanken für das kommende Jahr erkennbar. Als wichtiger Treiber der Aktienmärkte galten in den vergangenen Jahren etwa die großen Notenbanken weltweit mit ihrer ultralockeren Geldpolitik. Spätestens seit vergangener Woche wissen Investoren jedoch: Angesichts der vielerorts stark gestiegenen Inflationsraten wird es bei dieser Freigiebigkeit der Zentralbanken künftig kaum bleiben.

Am deutlichsten signalisierte bislang die US-Notenbank Fed ihren Kurswechsel. Dreimal um je 0,25 Prozentpunkte will die Fed ihre Leitzinsen im Laufe des kommenden Jahres anheben, das wurde vergangene Woche bekannt. Auch die Bank of England schaut der Entwicklung der Verbraucherpreise nicht mehr tatenlos zu: Ebenfalls in der vergangenen Woche setzten die britischen Notenbanker ihren Leitzins ein Stück nach oben - es war der erste Schritt in diese Richtung seit drei Jahren.

Lediglich die Europäische Zentralbank (EZB) verweigert noch den Dreh an der Zinsschraube. Zwar beschlossen die Euro-Notenbanker um Präsidentin Christine Lagarde (65) vergangene Woche, das Pandemie-Krisenprogramm PIPP im Frühjahr kommenden Jahres auslaufen zu lassen, sodass auf diesem Wege tendenziell weniger Liquidität in die Märkte gelangen dürfte. Auch ihre Inflationserwartungen mussten die EZBler inzwischen deutlich nach oben korrigieren. Dennoch werden Zinserhöhungen vonseiten der EZB den Worten von Lagarde zufolge auch im Jahr 2022 "kein Thema sein".

Die Börse dürfte die zurückhaltendere Geldpolitik der Notenbanken im kommenden Jahr kaum erschüttern - sofern sich die Notenbanker an ihre bisherigen Ankündigungen halten und solange sie bei der Umsetzung ihrer Maßnahmen in ihrer branchentypisch behutsamen Weise vorgehen. Sollten jedoch Fed-Chef Jerome Powell (68), EZB-Präsidentin Lagarde und Kollegen von ihren skizzierten Linien abweichen (müssen), kann es am Aktienmarkt ungemütlich werden.

Gedämpfter Optimismus bei Investmentprofis

So ist es auch mit vielen anderen Themen, die die Börsenentwicklung beeinflussen können: Corona-Krise, Lieferstau, Inflation, Konflikt USA/China, Spannungen an der russisch-ukrainischen Grenze und vieles mehr - für all das gibt es eine Erwartung im Markt in Bezug auf die weitere Entwicklung. Doch überall kann es anders kommen als gedacht, und das kann die Börse stark beeinflussen. Die Tatsache, dass Investoren gegenwärtig besonders viele Problemfelder im Blick behalten müssen, steigert die Ungewissheit zusätzlich.

Den besten Beleg dafür gab es gerade in den vergangenen Wochen: Mit dem Aufkommen der Omikron-Variante erhielt die Corona-Krise, deren vierte Welle ohnehin bereits Kopfzerbrechen bereitete, noch einmal eine neue Dynamik. Zusätzliche Gegenmaßnahmen in vielen Ländern beeinträchtigen erneut die Wirtschaft. Eine Folge: Hierzulande werden Wirtschaftsforscher wieder skeptischer in Bezug auf die Wachstumsaussichten. Das Ifo-Institut in München, das IMK in Düsseldorf, das IWH in Halle - gleich mehrere Forschungsinstitute sowie auch die Bundesregierung haben ihre Prognosen bereits nach unten korrigiert. Auch an der Börse brachte diese Entwicklung die Kurse unter Druck.

Weil derartige Überraschungen jederzeit wieder möglich sind, blicken auch viele Investmentexperten eher mit gedämpftem Optimismus auf das kommende Jahr. "Dank des anhaltenden Konjunkturaufschwungs stehen die Chancen für erneut positive Aktienmärkte für 2022 gut", sagt zwar Robert Greil, Chefstratege der Privatbank Merck Finck. Zugleich dämpft er aber zu große Hoffnungen: "Da die geldpolitische Unterstützung nachlässt und die Pandemie nicht überstanden ist, dürfte es nächstes Jahr eher auf einstellige Prozentzuwächse hinauslaufen."

Ähnlich klingt es in einer Analyse des Blackrock Investment Institut (BII), einer Research-Tochter des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. Das Zusammentreffen von Neustart der Wirtschaft aus der Corona-Krise, neuen Virusvarianten, stärkerer Inflation und veränderten geldpolitischen Strategien wichtiger Zentralbanken stifte Verwirrung, denn das habe es so bisher noch nicht gegeben, heißt es dort. Die Risiken nähmen zu, da Politik und Investoren aus der aktuell hohen Teuerung die falschen Schlüsse ziehen könnten. "Darum beleuchten wir auch Alternativen zu unserem Basisszenario und fahren das Risiko zurück", so das BII.

Zur Verunsicherung trägt nach Einschätzung der Experten zudem auch der Klimawandel und der Wettlauf um Klimaneutralität bei. "Die Zeit des Übergangs betrachten wir als einen Angebotsschock, der die Inflation zusätzlich anfachen und sich über Jahrzehnte hinziehen dürfte", schreiben sie.

Auch Marco Willner, Head of Investment Strategy bei NN Investment Partners, äußert sich ziemlich zurückhaltend in Bezug auf die kommende Zeit. "Der Druck auf die Märkte – unter anderem durch anhaltende Versorgungsengpässe, eine Energiekrise und eine neue Viruswelle in Europa – nimmt derzeit zu", sagt er. "Unser Basisszenario der 'unruhigen Gewässer' geht auch für 2022 von einem schwierigen Marktumfeld aus."

Allerdings, so Willner weiter, habe die Weltwirtschaft nach wie vor eine ordentliche Dynamik, und verschiedene positive staatliche Maßnahmen könnten ihr weitere Impulse verleihen. "Die Zentralbanken haben bisher verantwortungsbewusst gehandelt und gehen davon aus, dass die Inflation nur vorübergehend besteht", sagt er. "Möglicherweise stellen die Anleger fest, dass sich das Jahr 2022 als besser erweist, als es die aktuellen Herausforderungen vermuten lassen."

Tatsächlich scheinen viele Anleger mit einem Gewissen Optimismus ins neue Jahr zu gehen. Das lässt zumindest eine Umfrage des Investmenthauses Natixis Investment Managers unter 500 Großanlegern aus 29 Ländern vermuten. Darin gingen 62 Prozent der Befragten davon aus, dass die aufgestaute Nachfrage nach großen Anschaffungen im Jahr 2022 eine wichtige Triebfeder für das Wachstum sein wird. 68 Prozent waren der Meinung, dass die lange Hausse zu Ende gehen wird, sobald die Zentralbanken das Gelddrucken einstellen - allerdings nicht im kommenden Jahr.

Ein Grund für den Optimismus der Anleger könnte in der Entwicklung der Unternehmensgewinne liegen, der eigentlich wichtigsten Einflussgröße auf die Aktienkurse. Schon im bisherigen Verlauf der Corona-Krise erwiesen sich zahlreiche Konzerne als überaus resistent und legten immer wieder starke Geschäftszahlen mit Milliardengewinnen vor. Warum sollte sich daran im kommenden Jahr etwas ändern?

"Überproportional starker Anstieg der Unternehmensgewinne": DekaBank-Stratege Joachim Schallmayer glaubt, dass der Dax im kommenden Jahr steigen wird

"Überproportional starker Anstieg der Unternehmensgewinne": DekaBank-Stratege Joachim Schallmayer glaubt, dass der Dax im kommenden Jahr steigen wird

Foto: Olaf Hermann / DekaBank

Jack Janasiewicz, Leiter Portfoliostrategie bei Natixis, jedenfalls ist zuversichtlich. Er glaubt, dass der Markt die Gewinndynamik der Unternehmen unterschätzt. Damit befindet sich der Anlageprofi auf einer Linie mit der DekaBank, die 2022 einen "überproportional starken Anstieg der Unternehmensgewinne" erwartet, wie es kürzlich in einem Kapitalmarktausblick des Instituts hieß. „Zwar liegt der dynamischste Zuwachs der Gewinnzahlen hinter uns", sagt Deka-Kapitalmarktstratege Joachim Schallmayer. Aber: "Die unverändert hohe aufgestaute Nachfrage in Kombination mit einer in den kommenden Monaten zu erwartenden Normalisierung der Lieferkettensituation werden die Unternehmensgewinne im kommenden Jahr wirksam unterstützen.“

Folge: Die aktuell von Fachleuten erwarteten Gewinnsteigerungen im Jahr 2022 sind nach Ansicht der Deka-Experten zu niedrig angesetzt. Knapp 9 Prozent Gewinnplus für Konzerne in den USA, 7 Prozent in Europa und 5 Prozent in Deutschland und den Schwellenländern, das ist zurzeit die Annahme des Marktes für das kommende Jahr. Die tatsächlich erwirtschafteten Gewinne dürften aber noch höher liegen, so die DekaBank.

Vor dem Hintergrund erwartet die DekaBank auch ein "sehr gutes Niveau" bei den Dividendenrenditen, vor allem in Deutschland und Europa. Beim deutschen Leitindex Dax "sprechen steigende Gewinne und steigende Dividendenausschüttungen bei normalen Ausschüttungsquoten für eine hohe Dividendenkontinuität", so die Bank.

Bleibt die Frage aller Fragen: Wo steht der Dax am Ende des nächsten Jahres? Prognosen dazu gibt es von so ziemlich jedem Investmenthaus, und auch Deka-Experte Schallmayer legt sich fest. Er prognostiziert für den Dax, der zurzeit bei 15.500 Punkten notiert, Ende 2022 einen Stand von 17.500 Punkten. Das mag optimistisch klingen. Es entspräche allerdings einem Plus von rund 13 Prozent und damit ungefähr der Performance von 2021.