US-Zwischenwahlen Kommt die Midterm-Aktienrallye?

Die Statistik zeigt: Nach Zwischenwahlen in den USA ging es mit den Kursen an der Wall Street bisher meist aufwärts. Wird das auch diesmal so sein?
Feinabstimmung zur Halbzeit: US-Vizepräsidentin Kamala Harris bei einer Wahlkampfveranstaltung der Demokraten in Massachusetts

Feinabstimmung zur Halbzeit: US-Vizepräsidentin Kamala Harris bei einer Wahlkampfveranstaltung der Demokraten in Massachusetts

Foto: Mary Schwalm / dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von manager-magazin+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Bei den Zwischenwahlen in den USA liefern sich Demokraten und Republikaner ein Kopf-An-Kopf-Rennen, doch ein Gewinner steht möglicherweise schon fest: die Börse. Die Statistik zumindest ist ziemlich deutlich: Seit den 1940er-Jahren performte der US-Aktienmarkt in den zwölf Monaten vor US-Midterms im Schnitt eher mau. In den Monaten nach den Zwischenwahlen jedoch sind die Aktienkurse an der Wall Street bislang meist gestiegen.

Das geht aus einer Auswertung des breiten US-Index S&P 500 durch die Deutsche Bank hervor, über die auch "Börse Online" berichtet . Die US-Bank U.S. Bancorp hat zudem die Entwicklung des S&P 500 rund um Midterms seit Anfang der 1960er-Jahre analysiert . Das Ergebnis ebenfalls: Vor den Zwischenwahlen gab es oft schwache sowie negative Kursverläufe. Danach jedoch stiegen die Kurse über Zeiträume von drei, sechs oder zwölf Monaten fast immer an.

Konkret heißt das: Im Durchschnitt legte der S&P 500 in den zwölf Monaten vor Zwischenwahlen bislang um lediglich 0,3 Prozent zu. Auch das laufende Jahr trägt nicht dazu bei, diese Statistik zu verbessern, im Gegenteil: Am heutigen Wahltag liegt der S&P 500 auf Jahressicht mit rund 20 Prozent im Minus. Zum Vergleich: Insgesamt – also inklusive der Jahre ohne Zwischenwahlen – betrug die Performance des breiten US-Indexes dagegen in entsprechenden Zeiträumen im Schnitt plus 8,1 Prozent, so U.S. Bancorp.

Viel besser sieht dagegen die Performance nach den Wahlen aus. Bezogen ebenfalls auf einen Zwölfmonatszeitraum erzielte der S&P 500 seit den 1960er-Jahren nach Midterms im Schnitt ein Plus von 16,3 Prozent, so die Rechnung von U.S. Bancorp. Nimmt man alle vergleichbaren Zeiträume, also inklusive der Jahre ohne Zwischenwahlen, so ist die Performance zwar ebenfalls durchschnittlich positiv. Sie fiel mit plus 6,4 Prozent aber merklich niedriger aus.

"Der Wahlausgang der Midterms hat sich in der Vergangenheit meistens positiv ausgewirkt", meint Marc Gabriel vom Vermögensverwalter Oberbanscheidt & Cie in Düsseldorf. "So dürfen wir nach dem schwachen Jahr an den US-Märkten auf eine Weihnachtsrallye hoffen."

"Der S&P 500 ist im Jahr nach jeder einzelnen der 19 Midterm-Wahlen seit dem Zweiten Weltkrieg gestiegen", zitiert "Börse Online" auch Jim Reid, Global Head of Credit Strategy bei der Deutschen Bank. Dagegen sei kein einziger Fall mit einer negativen Rendite verzeichnet, so Reid.

Alle Indizes, Fonds und Aktien auf einen Blick:
Hier geht es zu unserer Börsenseite 

Doch was folgt daraus? Sollen sich Investoren das Depot jetzt mit US-Aktien vollpacken?

Zunächst mal sollten sie sich an eine wichtige Faustregel erinnern, die nicht nur an der Börse gilt: Wer glaubt, aus vergangenen Entwicklungen auf die Zukunft schließen zu können, begeht in der Regel einen Fehler. Selbst wenn die Statistik noch so eindeutig erscheint – eine Gewähr dafür, dass sie sich künftig fortsetzt, gibt es nicht. Schließlich lässt sich ein Zusammenhang zwischen den Wahlen und den Kursverläufen zweifellos theoretisch begründen – praktisch nachweisen lässt er sich kaum.

Wahlen zwischen den Wahlen: Für US-Präsident Joe Biden (M.) steht bei den Midterms viel auf dem Spiel

Wahlen zwischen den Wahlen: Für US-Präsident Joe Biden (M.) steht bei den Midterms viel auf dem Spiel

Foto: IMAGO/GARY I ROTHSTEIN / IMAGO/UPI Photo

Es liegt auf der Hand, dass bei den US-Zwischenwahlen wichtige Weichen gestellt werden, die auch für Aktionäre von Bedeutung sein können. Denn die Machtverhältnisse in den USA können sich durch die Midterms drastisch ändern. Beinahe traditionell wird die Partei des amtierenden US-Präsidenten bei diesen Abstimmungen vom Wähler abgestraft.

Das kann auch in diesem Jahr passieren: Neu verteilt werden bei den Wahlen am heutigen 8. November alle 425 Sitze im Repräsentantenhaus, 35 der 100 Senatssitze und 36 Gouverneursposten. Die Republikaner müssen im Senat nur einen Sitz hinzugewinnen und im Repräsentantenhaus nur fünf, um sich die Kongressmehrheit zurückzuholen. In dem Fall hätten US-Präsident Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris in ihrer verbleibenden Amtszeit wohl ziemliche Probleme, wichtige Vorhaben umzusetzen.

Mit Blick auf die Wirtschaft und damit auf die Börse steht also einiges auf dem Spiel. Ein Beispiel ist die Übergewinnsteuer, die Biden den Öl- und Gaskonzernen in den USA angedroht hat, sollten diese nicht bereit sein, den Verbrauchern durch Preissenkungen entgegenzukommen. Ebenso auf der Agenda von Biden und den Demokraten befinden sich verschiedene Steuererhöhungen sowie die Einführung einer Reichensteuer. Auch eine strengere Regulierung der Krypto-Märkte sowie ein mögliches Vorgehen gegen mächtige Tech-Konzerne wie Facebook steht im Raum.

Schon der kurze Anriss macht deutlich, wohin die Reise gehen kann: Über einen Sieg der Demokraten bei den Midterms dürfte sich die Börse kaum freuen. Haben nach der Stimmauszählung dagegen die Republikaner die Nase vorn, sind wohl zumindest spontan eher Kursgewinne zu erwarten. Das Ganze entspricht dem Muster, das seit Langem gilt, und wonach die republikanische Partei eher auf Seiten von Unternehmern und Konzernen steht, als die demokratische.

Doch aller Statistik zum Trotz: Spannend bleibt es vermutlich bis zuletzt. Umfragen zufolge liefern sich beide Parteien ein enges Rennen. Und selbst wenn die Vorhersagen ein Lager vorne sähen, ginge daraus für die Börse noch keine Sicherheit hervor – allzu oft lagen die Prognosen in der jüngeren Vergangenheit falsch. Zudem ist die US-Politik bestenfalls einer von vielen Einflussfaktoren auf die Kurse. Viel wichtiger war in den vergangenen Monaten die Zinspolitik der US-Notenbank Fed sowie der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die damit einhergehenden Auswirkungen auf Energie- und Rohstoffpreise.

Auch in den Jahren nach den Midterms der vergangenen Jahrzehnte wirkten neben der US-Wirtschaftspolitik zahlreiche weitere Kräfte auf die Kurse. Daher lässt sich bestenfalls vermuten, wie sich die Kurse künftig entwickeln werden. Vorhersagen lässt es sich wie immer nicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.