Kursrutsch an den Börsen Wall Street beendet schwärzestes erstes Halbjahr seit Jahrzehnten

In Deutschland und in den USA verzeichnen die Börsen historisch hohe Verluste – der Dow Jones hat das schlechteste erste Halbjahr seit 1962 hinter sich, der Dax den schlechtesten Juni aller Zeiten.
Deutsche Börse in Frankfurt am Main: Anleger fliehen

Deutsche Börse in Frankfurt am Main: Anleger fliehen

Foto: REUTERS

Die sich zuspitzende Gaskrise hat den Dax  am Donnerstag auf ein neues Tief seit Anfang März geschickt. Der schwache US-Börsenstart tat ein Übriges, sodass der deutsche Leitindex zeitweise bis knapp über 12.600 Punkte absackte. Bis Handelsschluss kam eine kleine Entspannung in die Börsen. Der Dax ging letztlich mit einem Abschlag von 1,69 Prozent auf 12.784 Punkte aus dem Tag.

Damit verzeichnet der wichtigste deutsche Aktienindex den schwärzesten Juni seiner Geschichte, seit Monatanfang ging es um 11,6 Prozent abwärts. Die Halbjahresbilanz bleibt ebenfalls ernüchternd mit einem Verlust von 19,5 Prozent. Das noch im November erreichte Rekordhoch bei knapp unter 16.300 Punkten ist in weite Ferne gerückt. Während zu Jahresbeginn zunächst die erwartete Zinswende in den USA belastet hatte, kamen rasch weitere Sorgen hinzu: der Krieg in der Ukraine sowie die rasante Teuerung insbesondere im Energie- und Lebensmittelbereich und die Furcht vor einer Rezession.

Der Wall Street erging es nicht besser. Alle drei großen Indizes beendeten das erste Halbjahr mit historischen Verlusten. Der S&P 500 verlor so viel wie seit 1970 in keiner ersten Jahreshälfte. Der Technologie-Index Nasdaq hat das mieseste erste Halbjahr aller Zeiten hinter sich und der Dow Jones die schlechteste Januar-bis-Juni-Periode seit 1962.

Der MDax büßte am Donnerstag 2,11 Prozent ein auf 25 823 Zähler. Europaweit und in den USA ging es ebenfalls abwärts. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 büßte 1,69 Prozent auf 3455 Punkte ein. In den USA gab der Dow Jones Industrial zum Börsenschluss in Europa rund ein Prozent ab.

Positive Wirtschaftssignale aus China halfen den Aktienmärkten nicht. Stattdessen beunruhigt die sich hierzulande verschärfende Gaskrise immer mehr Marktteilnehmer weltweit. Es sei längst nicht nur ein europäisches Problem, vielmehr sei die ganze Welt Geisel der Energiesituation in Deutschland, schrieb Experte Stephen Innes vom Vermögensverwalter SPI Asset Management. Sollte der Gasnotstand nicht bald gelöst werden, könnte dies eine tiefere globale Energiekrise zur Folge haben.

S&P mit schlechtestem ersten Halbjahr seit 1970

In den USA brockten die Zinserhöhungs- und Rezessionsängste dem breit gefassten US-Index S&P 500 einen seiner schwärzesten Juni-Monate ein. Am Ende stand ein Minus von 7,7 Prozent. Über das erste Halbjahr gesehen verlor der Index 21 Prozent. Zwar holte er am letzten Handelstag des Monats die zwischenzeitlichen Verluste noch auf. Aber der Wert sank um 0,88 Prozent auf 3785,38 Punkte.

Auch der Dow Jones Industrial gab noch einmal nach und erreichte am Donnerstag ein Tagesminus von 0,82 Prozent bei 30 775,43 Punkten. Der technologielastige Auswahlindex Nasdaq 100 gab bis Börsenschluss in New York letztlich um 1,33 Prozent auf 11 503,72 Punkte nach. Für die erste Jahreshälfte standen bei den beiden Indizes ebenfalls satte Abschläge: minus 15 und minus 30 Prozent. Alle drei Indizes hatten zudem ein zweites Verlustquartal in Folge hinter sich.

Bei steigenden Preisen versuchen Verbraucher, die Ausgaben zu drosseln. Das bekamen an der Börse die Aktien der Autobauer zu spüren: Ford, General Motors und Tesla verloren zwischen 3 und gut 4 Prozent. Autos als vergleichsweise kostspieliges Konsumprodukt rutschen oft als erstes von privaten Einkaufslisten. Zudem verteuert sich bei steigenden Kapitalmarktzinsen die Kauffinanzierung – auch für Firmenkunden.

Zu den Gewinnern zählten Biontech und Pfizer mit Aufschlägen von jeweils gut 1 Prozent. Die US-Regierung bestellt in großem Stil weiteren Corona-Impfstoff von den beiden für eine geplante Booster-Kampagne im Herbst. Laut Pfizer-Chef Albert Bourla geht es dabei auch um Mittel, die gegen neuartigere Virusvarianten wie Omikron schützen sollen.

Aktien der Apothekenkette Walgreens Boots Alliance sackten um 7,3 Prozent ab und waren die größten Verlierer im Dow. Analystin Lisa Gill von der Bank JPMorgan verwies auf eine unter den Erwartungen liegende Profitabilität im dritten Geschäftsquartal.

Uniper-Aktie stürzt zweistellig ab

In Deutschland belastete vor allem die Talfahrt von Uniper. Die Aktien brachen um bis zu 23 Prozent ein, nachdem der Kraftwerksbetreiber seine Ergebnisprognosen für das laufende Jahr wegen der eingeschränkten Gaslieferungen aus Russland kassierte und mit der Bundesregierung über Stabilisierungsmaßnahmen spricht. Uniper müsse um eine Rettung durch den deutschen Steuerzahler bitten und die Warnung verdeutliche, wie kritisch, wenn nicht gar gefährlich die gegenwärtige Situation sei, sollte die Feststellung und Bekanntgabe der Gasmangellage durch die Bundesnetzagentur nicht bald erfolgen, sagte ein Händler.

SAP nahmen mit einem Minus von mehr als 6 Prozent Kurs auf ihr Corona-Tief vom März 2020 bei gut 82 Euro. Belastend wirkte eine Abstufung von "Outperform" auf "Neutral" durch die französische Investmentbank Exane BNP Paribas. Die Anlagestory des Softwarekonzerns bleibe kompliziert, schrieb Analyst Stefan Slowinski. Er sieht Nachfragerisiken, weil Investitionen in Software zunehmend auf den Prüfstand gestellt werden dürften. Um Technologiewerte insgesamt machten Anleger einen Bogen.

Die düsteren Konjunkturaussichten belasteten Aktien aus dem Automobilsektor überdurchschnittlich. Die Branche leidet bereits unter dem Mangel an Halbleitern und den Lieferkettenproblemen. Eine drohende Rezession in den USA wie in der Eurozone trübt die Perspektiven weiter ein. Im Dax lagen Volkswagen, Porsche SE und Continental mit Abschlägen von teils bis zu 6 Prozent hinten.

Gazprom zahlt keine Dividende

Aktien von Gazprom brechen um mehr als 33 Prozent ein, nachdem die Eigner des russischen Gaskonzerns die für 2021 angepeilte Gewinnausschüttung abgelehnt haben. "Die Aktionäre haben entschieden, dass es in der aktuellen Situation nicht ratsam ist, Dividenden auf der Grundlage der Ergebnisse von 2021 zu zahlen", sagte der stellvertretende Vorstandschef Famil Sadygov. Die Priorität liege auf der Umsetzung des Investitionsprogrammes. Im Mai hatte Gazprom mitgeteilt, dass der Vorstand eine Dividende von 52,53 Rubel pro Aktie für 2021 vorschlägt.

Dynamik bei Importpreisen schwächt sich ab

Die deutschen Importe haben sich im Mai nicht mehr so stark verteuert wie in den Vormonaten. Die Einfuhrpreise erhöhten sich um 30,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Im April waren sie mit 31,7 Prozent so stark gestiegen wie während der ersten Ölkrise 1974 nicht mehr, im März lag das Plus bei 31,2 Prozent. Ökonomen hatten diesmal nur eine leichte Abschwächung auf 31,5 Prozent vorhergesagt.

Einzelhändler mit geringen Zuwächsen

Die deutschen Einzelhändler haben sich im Mai kaum von dem im Vormonat erlittenen Umsatzeinbruch erholt. Ihre Einnahmen wuchsen um 2,0 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Real – also preisbereinigt – bleibt davon allerdings nur ein Anstieg von 0,6 Prozent übrig. Ökonomen hatten hier sogar nur mit einem Plus von 0,5 Prozent gerechnet, nachdem es im April einen heftigen Einbruch um 5,4 Prozent gegeben hatte.

Asiatische Börsen uneinheitlich

Die asiatischen Börsen haben am Donnerstag keine gemeinsame Richtung gefunden. Während in Japan eine schwindende Industrieproduktion die Anleger verstimmte, hellten Konjunkturdaten die Stimmung in China auf. In Tokio rutschte der Nikkei-Index  um 1,7 Prozent auf 26.354 Punkte. Der breiter gefasste Topix-Index sank um 1,2 Prozent.

Nachschubprobleme bei Chips sowie die Lockdowns in Teilen Chinas ließen die Produktion in Japan saisonbereinigt um 7,2 Prozent sinken. Analysten hatten nur 0,3 Prozent Rückgang erwartet. "Der Einbruch der Industrieproduktion im Mai deutet darauf hin, dass di Erholung in Japan einmal mehr enttäuscht", sagte Analyst Marcel Thieliant von Capital Economics.

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Die Börse in Shanghai lag hingegen 1,4 Prozent im Plus. Die Industrieproduktion in China ist im Zuge der Lockerungen von Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie erstmals nach drei Monaten wieder gewachsen. Der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe stieg im Juni auf 50,2 Punkte von 49,6 Zählern im Mai. Damit lag das Barometer erstmals seit Februar wieder über der Schwelle von 50, ab der Wachstum signalisiert wird.

Bitcoin fällt unter 19.000-Dollar-Marke

Die weltweit bekannteste Digitalwährung Bitcoin brach am Donnerstag erneut ein. Zuletzt notierte die Cyberdevisee auf der Handelsplattform Bitstamp  bei 19.195 US-Dollar und damit knapp 6 Prozent schwächer als am Vortag. Die Kryptowährung ist seit Jahresbeginn unter Druck. Im November vergangenen Jahres erreichte der Bitcoin noch ein Rekordhoch von 69.000 US-Dollar.

Bitcoin

Opec+ weitet Produktionsmenge aus, Ölpreise sinken

Die Öl-Allianz Opec+ bleibt ihrer Linie einer nur moderaten Öffnung des Ölhahns treu. Das Kartell aus mehr als 20 Staaten werde im August die Förderung um 648.000 Barrel (je 159 Liter) am Tag erhöhen, teilte die Opec+ nach ihrem monatlichen Online-Treffen am Donnerstag in Wien mit. Immer wieder waren zuletzt Rufe laut geworden, dass die Opec+ mit einem höheren Angebot eine dämpfende Wirkung auf die stark gestiegenen Benzinpreise ausüben solle.

Die Ölpreise sind daraufhin weiter gesunken. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent  110,32 US-Dollar. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate  (WTI) fiel auf 107,36 Dollar.

Mit Nachrichtenagenturen
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